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Renate Sieck in Föhr: Ein Leben für die Gemeinschaft

Fotos: Benjamin Lehmann (4) | Stefan Gaul (1)

Mit einem Rückblick auf 30 Jahre Ehrenamt verabschiedet sich "Tante Renate" in die Sperrgutbasar-Rente

Wer sich mit Föhr und seinen Bewohnern beschäftigt, kommt an „Tante Renate“ nicht vorbei. Über Jahrzehnte hat sie mit viel Liebe, Kraft und Hingabe zur Entwicklung der Insel beigetragen. 

Flotten Schrittes nähert sich Renate Sieck der Eingangstür ihres neuen Zuhauses. Es öffnet eine alterslose, sportliche Frau mit geflochtenem Stirnband, einem optischen Markenzeichen, welches laut Renate eigentlich zuhause abgelegt wird. Die hellen, ehemals naturblonden Haare zum Zopf gebunden. 

Schon vor Jahren hatte sich das Ehepaar Sieck auf die Warteliste für einen Bungalow neben dem „Johanneshaus“ in Wyk setzen lassen. Als sich die Möglichkeit bot, einen solchen zu mieten, noch dazu in Randlage und mit Blick ins Grüne, wurde nicht lange gefackelt. Loslassen könne sie gut, so Renate. Ein gemütliches Wohnzimmer ist in Blau und Weiß gehalten, ebenso wie Renates Garderobe sowie das Teegeschirr mit Zwiebelmuster auf einem liebevoll gedeckten Tisch. 

Die enorme Auswahl an Keksen spricht von Großzügigkeit. Sie sei eine passionierte Teetrinkerin, erzählt Renate. Gar kein Fan von Kaffee und Alkohol. Überhaupt: Sie habe versucht, bestimmte Dinge nur einmal im Leben auszuprobieren, zum Beispiel Alkohol trinken. Diese Erfahrung habe sie als sehr junge Frau bei einem Richtfest gemacht, wo sie ein Gedicht habe rezitieren müssen. Ein einmaliger Vollrausch habe ihr gereicht. Und einmal nur habe sie als wenig verwöhntes Nachkriegskind den Schokoküssen im Lottoladen ihrer Tante nicht widerstehen können und einen stibitzt. Dieser und das schlechte Gewissen seien ihr allerdings förmlich im Halse stecken geblieben. 

Die 1942 geborene Renate ist zusammen mit ihrer Schwester bei der Mutter, die als Schneiderin arbeitete, in Lunden, Kreis Dithmarschen aufgewachsen. Während nach und nach Väter aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, so war der tägliche Gang zum Bahnhof für die Kinder schmerzlicherweise vergeblich. Der Vater kam nicht wieder nach Hause. Heute könne sie diesen Verlust bewusster betrauern als in jüngeren Jahren. 

Nach der mittleren Reife absolvierte Renate in Husum eine zweijährige Ausbildung zur Kinderpflegerin. Im Jahr 1962 führte ihr Weg sie nach Föhr, um hier im damaligen Kinderheim Remé in der Wyker Strandstraße ein Anerkennungsjahr zu verbringen. All dies auf Geheiß ihrer Mutter, für die Ehrlichkeit, Fleiß und Pünktlichkeit entscheidende Werte darstellten, die auch Renate zum Kompass wurden ebenso wie Intuition und Menschenliebe. Das Kinderheim bedeutete zwölf Stunden Arbeit am Tag und nur zwei freie Sonntage im Monat für die Neu-Föhrerin und etliche andere junge Frauen, die bei ihrer Ankunft am Hafen neugierig von den Junggesellen der Insel beäugt wurden. Ihrem Jürgen, gebürtigem Wyker, fiel die kühle Blonde, welche so manchem Fotomodell alle Ehre machte, alsbald auf.

Annäherungsversuche wurden allerdings abgeblockt - in Begleitung der anvertrauten Kinder konnte man sich doch nicht mit Jungs unterhalten. Jürgen musste also erfinderisch werden. Regelmäßig sollten Renate und ihre Kolleginnen kleine Sträuße Heckenrosen für die Tische des Kinderheimes schneiden. Die mitgeführte Heckenschere nahm Jürgen eines Tages an sich und rückte sie nur unter der Prämisse wieder heraus, dass seine Angebetete mit ihm ausginge. Das tat sie – zum Beispiel in den „Beatschuppen“ in der Mittelstraße, nahe der Goldschmiede Engeland. Hier wurde so manche Nacht lang Rock ’n’ Roll getanzt. Renate und Jürgen, der bei seiner Tante in der Wyker Badestraße aufgewachsen war, an deren Reetdachhaus nur noch ein Gemälde im Wohnzimmer der Familie Sieck erinnert, verstanden sich so gut, dass im Jahre 1965 Hochzeit gefeiert wurde. Jürgen, ein gelernter Maurer, war viele Jahre für die Wyker Dampfschiffs-Reederei tätig und ist begeisterter Musiker, der sich in seiner Freizeit selbst das Notenlesen beigebracht hat, um Keyboard spielen zu können. 

Im Jahr 1966 war das Glück vollkommen, als Tochter Stephanie geboren wurde, die sich zu einem lieben und unkomplizierten Mädchen entwickelte, berichtet ihre Mutter Renate. Nur in der Pubertät habe es auch mal Reibereien gegeben, die aber nicht nennenswert gewesen seien. „Steffi“, die den Beruf der Friseurin erlernte, ist mittlerweile nicht nur selbst Mutter eines erwachsenen Sohnes, sondern stolze Großmutter und lebt mit ihrem Mann Malte auf Föhr. 

Urgroßmutter Renate hatte, so erzählt sie, einen Plan B für ihr Leben: Hätte es mit ihrem Mann nicht geklappt, so hätte sie sich ein Leben im Stil Mutter Teresas vorstellen können. Auch wenn ihre Ehe den Test bestand, weit entfernt von solchem Wirken indes war Renates Weg nicht, die im Jahre 2014 gar als „Mensch des Jahres“ nominiert wurde. Ab 1966 war sie als Gruppenleiterin für den Kindergarten St. Nicolai tätig, wobei sie die Bezeichnung „Kindergärtnerin“ bevorzugte. Ein Gärtner hege und pflege, unterstütze beim Wachstum, gelegentlich stutze er auch hier und da einmal, doch er ziehe nicht.

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“

(afrikanisches Sprichwort)

Als immer mehr Bürokratie in den Arbeitsalltag einzog und zunehmend bestimmte Auflagen erfüllt werden mussten, machte „Tante Renate“ eine Fortbildung in sogenannter Waldpädagogik. Für sie ein sprichwörtliches „Aha-Erlebnis”. Im Jahr 1996 gründete sie daraufhin in Wyk den evangelischen Naturkindergarten, den zweiten seiner Art in ganz Deutschland. Im Wyker Forst gelegen, bietet dieser bis heute die Möglichkeit einer Betreuung inmitten der Natur bei jeder Witterung und zu allen Jahreszeiten. Zum Schutz und zur Aufbewahrung von Werkzeugen und mehr steht ein bunt bemalter Bauwagen zur Verfügung. Bei sehr ungünstiger Witterung zieht und zog der Kindergarten auch mal in die St. Nikolai Kirche um. Star des Kindergartens war von Anfang an Teddy Brumm, ein pelziger Freund und Begleiter der Kleinen, der auch mal Kritik äußern oder spielerisch bestimmte Situationen klären durfte. Ihn hat Renate in liebevollen Texten verewigt, die in mehreren Büchern erschienen sind, sogar auf Friesisch. In den Texten erzählt Renate unter anderem von den Föhrer Störchen.

Zusammen mit Dieter Risse installierte sie über Jahre Brutmöglichkeiten für diese und sorgte dafür, dass die gefiederten Freunde auf dem Dach der Wyker Grundschule eine eigene Webcam erhielten. Teddy Brumm genießt auf einem eigenen Platz im Flur bei den Siecks seine Rente, seit Renate sich 2004 aus dem Kindergarten zurückzog. 

Sehr aktiv war die Wykerin auch über Jahrzehnte in der Kommunalpolitik bei Bündnis 90/Die Grünen, acht Jahre davon als Stadtvertreterin. Etwas gestalten zu können, bedeute für sie, aktiv in die erste Reihe zu treten. Um sich selbst ist es ihr dabei gewiss nicht gegangen, sondern um das große Ganze – etwa beim Kampf um den Erhalt des Wyker Kreißsaales und dem Versuch, über den von Föhrern gegründeten Verein Inselgeburt ein Geburtshaus zu etablieren. Ein Projekt, dass aber nicht Realität wurde. 

Mit der inzwischen verstorbenen, ebenfalls in Wyk sehr beliebten, Usche Meuche bot Renate für Kinder von 2000 bis 2008 die sogenannten Piratenfahrten an – ein Riesenvergnügen mit Renate zu Wasser, auf einem kleinen Schiff der W.D.R. und zu Land, wo es Usches spannenden Geschichten zu lauschen galt. Oft gab es beim Landgang Überfälle auf Bäcker Hansen oder andere Abenteuer zu bestehen. 

Eines von Renate Siecks größten Abenteuern war gewiss 1992 die Gründung des Sperrgutbasars in Wyk, den sie lange im Team mit Wegbegleiterin Usche Meuche leitete. Nach dem Konzept der Nachhaltigkeit und Müllvermeidung entstand diese mittlerweile legendäre Einrichtung, bei der jeder kostenlos ganze Wohnungseinrichtungen, funktionstüchtige Elektrogeräte, Geschirr, Bücher, Spielzeug und vielerlei mehr anliefern und mitnehmen darf. 

Zunächst an anderem Standort untergebracht, befindet er sich seit 1996 in einer rund 150 Quadratmeter großen, auf einem von der Stadt Wyk bereitgestellten Grundstück und eigens errichteten Holzhalle. Träger ist der BUND. Zweimal pro Woche öffnet der Basar, welcher von der Arbeit zahlreicher ehrenamtlicher Mitarbeiter lebt, die sichten, sortieren und ansprechend präsentieren, seine Türen. Auch die im angrenzenden Altkleidercontainer abgegebenen Textilien werden in mühevoller Arbeit von den Freiwilligen sortiert und weiterer Verwendung zugeführt. Mittels der aufgestellten Spendendose, in die jeder einwerfen darf, was er kann, schrieb der BUND während ihrer „Amtszeit“ gar schwarze Zahlen, das Sperrgutaufkommen habe sich nahezu halbiert, so Renate. 

Nach mehr als 30 Jahren verabschiedete sich die lebhafte Wykerin im November 2024 nun in den so verdienten Ruhestand. Hatte sie vermutet, es gäbe zu diesem Anlass einfach eine Torte und dann könne sie sich davonstehlen, was ihrem Wesen am ehesten entsprochen hätte – nur kein Aufhebens um ihre Person – so wurden sie und ihr Jürgen mit einem liebevoll organisierten Fest und einem Meer an Kuchen und Gästen überrascht. 

Hier wurde noch einmal deutlich, was den Basar ebenfalls maßgeblich ausmacht: Anlaufstelle für Menschen unterschiedlichster Herkunft zu sein, bei Kaffee und Kuchen Kontakte und Netzwerke zu fördern oder einfach einen kleinen Schnack zu halten. Denn: Letztendlich sind es die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen, wie Guy de Maupassant einmal geschrieben hat. 

Übrigens: So ganz muss das Team des Sperrgutbasars noch nicht auf Renate verzichten. Sie steht weiterhin beratend zur Seite und kommt gelegentlich für einen Plausch vorbei. Annette Keisat

Buchtipp

Renate Sieck
Teddy Brumm üüb Feer
8,50 €, ISBN/GTIN: 978-3-935347-19-8


Info

Sperrgutbasar
Achtern Diek 1
25938 Wyk auf Föhr
Öffnungszeiten:
Mittwoch 16 bis 18 Uhr
Freitag 14 bis 16 Uhr

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