
Husum kann auf eine reiche literarische Tradition zurückblicken, die von Theodor Theodor Storm über Margarete Böhme bis zu Dörte Hansen reicht. Storm ist bis heute der bedeutendste kulturelle Exportschlager der Region. Das ist auch der Verdienst von Prof. Karl Ernst Laage, der den Dichter früh aus dem Bannkreis Heimat tümelnder Literatur befreite. Seine NachfolgerInnen entwickelten Storm dann zu dem, was man heute eine Marke nennt.
Doch kann sich die Region nicht nur dieser literarischen Tradition rühmen. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht hat Husum einiges zu bieten. Der Oldensworter Professor für Soziologie und Hans-Momsen- Preisträger Arno Bammé hat es einmal so formuliert: „Es ist schon kurios, dass die Frage, ob der Mensch ein Produkt seiner Gene oder das Ergebnis seiner Sozialisation ist, seinen Ursprung in Husum hat.“ Tatsächlich schrieb Ferdinand Tönnies, Begründer der Soziologie, hier an seinem Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“. Und einen Steinwurf entfernt, wurde einer der weltweit wichtigsten Pioniere der Hirnforschung geboren: Oskar Vogt, der später unter anderem Lenins Hirn sezierte.
2011, anlässlich des ersten Ferdinand-Tönnies-Symposiums in Husum, wurde Vogt erstmals öffentlich gewürdigt. Und besagtes Symposium wurde dank des Engagements von Bammé, des damaligen Leiters des Nordfriisk Instituuts, Prof. Thomas Steensen und der Kieler Tönnies-Gesellschaft dauerhaft nach Husum geholt und widmet sich seither – in allgemeinverständlicher Sprache - wissenschaftlichen Fragen der Zeit.
Für Bammé steht fest, dass die Menschheit derzeit einen Wandel durchläuft, der mit dem Übergang von Jägern und Sammlern hin zu Sesshaftigkeit Viehzucht und Ackerbau, der sogenannten neolithischen Revolution, vergleichbar ist.
Bammé spricht von der „zweiten großen Transformation“ und meint damit Entwicklungen, deren Tragweite mit populären Schlagworten wie „Zeitenwende“ nur unzureichend beschrieben und deren Verläufe nicht vorhersagbar en sind. Corona, Krieg, Klimawandel, Künstliche Intelligenz sind Stichworte für diesen Prozess. Wenn es dem Menschen gelänge, „die Selbstläufe einer profitgesteuerten Ökonomie zu zivilisieren und mehr Gemeinschaft in der Gesellschaft zu ermöglichen, könne sich diese zweite große Transformation zum Guten wenden“, so Bammé. Sollte dies nicht geschehen, werde die Gattung Mensch möglicherweise verschwinden.
Mit diesem Thema, Transformation, will sich das nächste Ferdinand-Tönnies-Symposium in Husum befassen - wie immer anschaulich und mit praktischen Beispielen aus der Region. Der genaue Termin steht noch nicht fest, denn zunächst wollen die Akteure dem Forum eine Plattform in Gestalt eines Vereins oder einer Gesellschaft geben. Der rote Teppich für gegenwärtige und künftige Wissenschafts-Generationen wurde in Husum schon vor langer Zeit ausgerollt. Gemeinsam mit anderen will Arno Bammé den Faden aufnehmen und an diese reiche Tradition anknüpfen. RÜDIGER OTTO VON BROCKEN