Die Fliege stelzt lethargisch auf der Innenseite des Brücken-Fensters herum. Gut möglich, dass sie dem Lockruf des Rapsschrots schon in Oslo erlegen und so den Weg an Bord der MS Maike gefunden hat. Auf der Brücke des Küstenmotorschiffes von BAT Landhandel, vormals ATR herrscht Hochbetrieb. Es wird gehämmert, gebohrt, geschweißt. Mittendrin eine 26-jährige Frau: die angehende Kapitänin Irene Rüpke. „Im Frühjahr ist es soweit“, sagt die Erfurterin.
Woher das Seewasser in ihrem Blut stamme? „Erbliche Vorbelastungen“ sind nicht bekannt. „Ich weiß nicht“, sagt Rüpke. Letztlich ist es wohl wie mit allen Leidenschaften: Sie packen einen, und wenn man wüsste, weshalb, wäre es wahrscheinlich schon um sie geschehen.
Zwei Dinge dürften allerdings dazu beigetragen haben, dass sich die junge Frau in ein paar Monaten Deutschlands jüngste Kapitänin wird nennen dürfen: „Als Jugendliche habe ich mal etwas über Traditionssegler gehört und gedacht: Das würde ich auch gern machen.“ Darüber hinaus hatte sie schon als Kind eine Vorliebe für alles Technische. Später machte Irene ihren Sportbootführerschein - „das mindeste, was man auf diesem Gebiet in Erfurt tun kann“.
Danach kam eins zum anderen. Sie beschloss, sich für ein Studium an der Jade Hochschule für Nautik und Seeverkehr in Elsfleth einzuschreiben. Parallel suchte sie nach Reedereien, bei denen sie ein Praxissemester absolvieren konnte und stieß damit beim Leiter der Schifffahrtsabteilung von BAT/ATR, Michael Hinz, in Husum auf offene Ohren. Hinz war 1993 mit 26 Jahren ebenfalls jüngster Kapitän Deutschlands.
Inzwischen ist Irene Rüpke an Bord der Maike als Erste Offizierin unterwegs. Nach einer Fahrzeit von 24 Monaten wird sie im Frühjahr ihr neues Patent erhalten und auf allen Fahrtgebieten und sämtlichen Schiffsgrößen arbeiten können. „Auch wenn es sich derzeit konkret noch nicht abzeichnet, die Wahrscheinlichkeit, dass Irene für BAT schon bald als Deutschlands jüngste Kapitänin fahren wird, ist groß“, sagt Hinz, der 2017 mit mit der 27-jährigen Dorothee Gaedecke schon einmal Deutschlands damals jüngste Kapitänin ausbildete.
Das vielschichtige Studium konnte Rüpke übrigens nicht davon abhalten, nebenher ein Online-Master-Studium in International Maritime Management aufzunehmen, um auch die wirtschaftliche Seite ihres Berufes noch besser kennenzulernen.
Unser Gespräch wird unterbrochen. Im Maschinenraum ist ein Rohrleitungsschaden aufgetreten, der inzwischen provisorisch repariert wurde. „Aber damit geht Ihr bei nächster Gelegenheit besser noch mal ins Dock“, rät der Mechaniker. „Wir nutzen nahezu jede Liegezeit im Hafen für notwendige Reparaturen“, sagt Rüpke. Hier seien alle Gewerke vorhanden, während sie und die sechsköpfige Stammbesatzung auf See „mit Bordmitteln auskommen muss“. Außerdem soll es am späten Abend schon wieder weitergehen. Kurs Kleipeda. Apropos: Hat sich durch den russischen Krieg gegen die Ukraine etwas verändert? „Nein“, sagt Rüpke. „Wir laufen vorwiegend Häfen in Polen, Lettland, Litauen, aber auch Großbritannien und den skandinavischen Ländern sowie manchmal Frankreich an.“ Dankbar ist Rüpke dem Kapitän der Maike dafür, „dass er mich so oft fahren lässt.“
Eine Frau in einer „Männerdomäne“? Ja, diese Frage werde ihr oft gestellt“, sagt Rüpke. Aber erstens steige die Zahl der Frauen in nautischen Berufen beständig. Außerdem sei sie an Bord von Beginn an gut aufgenommen und respektiert worden, fühle sich als Seefrau unter Seemännern. Apropos Männer. Rüpke kann sich ein Lachen nicht verkneifen: „Mein Freund ist auch Seemann“, sagt sie, Kapitän einen Weser-Tanker. „Oha“, das klingt, als komme man sich nur sporadisch zu sehen. „Nein“, gibt die angehende Kapitänin zurück. Durch den Rhythmus: sechs Wochen an Bord, sechs Wochen frei „ist das eigentlich ganz okay“, findet sie und huscht zur nächsten Bordbaustelle.
Da bleibt gerade noch Zeit, ihr stets eine Handbreit Wasser unterm Kiel zu wünschen. Irene lacht: „Das könnte in Husum schwierig werden“, ruft sie und deutet kurz auf den verschlickten Hafen, bevor sie unter Deck verschwindet. RÜDIGER OTTO VON BROCKEN