Mit meiner Funktionsjacke fühle ich mich bei dieser Auswahl an Kinder- und Damenbekleidungsstoffen, Dekostoffen, Plotterfolien, Kurzwaren und vielem anderen fast ein bisschen deplatziert. Aber das nützt jetzt nichts: Augen auf und durch, heißt die Devise. Für die HN-„Weihnachtsgrüße“ gehe ich der Frage nach, warum so viele Menschen jippeln – was in diesem Fall nichts anderes als nähen heißt – gern auch nach eigenen Entwürfen. Welcher Laden in Husum eignet sich dafür besser als ein Stoffgeschäft in der Schleswiger Chaussee 48. Schon dessen vollständiger Name lässt erahnen, dass ich hier eine oder vielleicht sogar mehrere Antworten auf meine Frage bekommen werde: „Jippel – verrückt nach Stoff & Faden“.
Mit ihrem Geschäft in Flensburg hat sich Inhaberin Sonja Renken (fortan Sonja, denn hier siezt sich niemand) vor neun Jahren einen Herzenswunsch erfüllt: „Ich habe immer genäht und von einem eigenen Laden geträumt“, sagt die Flensburgerin. Aber ganz so einfach war das nicht. Anfangs erinnerte das Ganze an eine Tupper-Party: Man traf sich irgendwo in einem privaten Wohnzimmer und schaute sich Muster oder Schneiderwaren an. Dann zog die Sache immer weitere Kreise, und schließlich konnte ich eine frühere Videothek zu meinem ersten Jippel-Laden umbauen“, sagt Sonja. Sie folgte damit gleichsam einem Gegentrend. Denn in dem Maße, in dem DVDs an Strahlkraft verloren, erlebte das Nähen einen regelrechten Boom.
Mitarbeiterin Yvonne Neve (aus genannten Gründen fortan Yvonne) stimmt in den Chor aus Nadel und Faden ein. Unschwer zu übersehen, dass Nähen auch für sie kein Zeitvertreib, sondern eine Leidenschaft ist. „Ich habe das noch in der Schule gelernt“, sagt sie. Und ist dabei geblieben. Mehr noch: Mit 15 Jahren belegte sie Kurse. Heute gibt sie sie. Denn auch das ist ein Teil der Geschäftsidee: Jippel ist mehr als eine Verkaufsstelle für Stoffe und Zubehör. Es ist ein Ort, an dem gemeinsam, geschnitten, genäht und sich ausgetauscht werden kann. Das machen nicht nur die sechs Nähmaschinen im hinteren Teil des Geschäfts deutlich.
EIN HAPTISCHES ERLEBNIS: NÄHEN WIRD IMMER BELIEBTER
Und dann höre ich auch schon den ersten Grund, warum sich Nähen einer solchen Beliebtheit erfreut: „Etwas Haptisches zu machen, tut in einer zusehends technisch orientierten Zeit besonders gut“, sagt Yvonne und erhält dafür die volle Zustimmung von ihrer Chefin. Sonja, Mutter von vier Kindern, nähte auch vieles selbst. Und gleich bei ihr um die Ecke gab es einen kleinen Stoffladen. Doch als sie über ein eigenes Geschäft nachzudenken begann, plante sie größer: 200 bis 300 Quadratmeter sollten es schon sein.
Und auch die Wahl des Standortes war durchdacht. „Hier in der Schleswiger Chaussee gibt es zwar keine Laufkundschaft, aber dafür ausreichend Parkplätze“, erklärt sie. „Und wozu haben wir Google“, ergänzt Yvonne.
Das Einzugsgebiet ist groß: „Unsere Kunden kommen aus ganz Nordfriesland“, sagt die Chefin, „verbinden eine Stippvisite hier mit einem Besuch beim Arzt oder einem Einkauf im Baumarkt.“
Das Angebot ist so reichhaltig wie die Fantasie der Kundinnen. „Männer sind hier in der Minderheit“, sagt Yvonne, aber: „Es gibt sie schon – auch beim einen oder anderen Nähkurs“.
Den vorläufigen Höhepunkt erlebten die beiden Jippel-Frauen während der Corona-Pandemie. „Manche haben hunderte, ja tausende von Baumwoll-Masken genäht. Und einige fanden so großes Gefallen am Nähen, dass sie auch nach der Pandemie weitermachten. Wieder kommt das Haptische ins Spiel: Natürlich sei die Konkurrenz im Internet groß. „Aber unsere Kunden wollen die Stoffe fühlen, wollen vergleichen und sie sich anhalten. Das können sie hier.“
Übrigens: Wenn man den Begriff Laufkundschaft etwas dehnt, dann gibt es sie auch hier in der Schleswiger Chaussee. Jedenfalls müssen die beiden Frauen während unseres Gesprächs mehrfach „nach vorne huschen“. Die Atmosphäre ist familiär. Man kennt sich und wenn nicht, ist das nur ein Grund mehr, miteinander ins Gespräch zu kommen. Manche der Nähgruppen treffen sich hier schon seit vielen Jahren. Auch Kinder ab acht Jahren können die Jippel-Kurse besuchen. Und hier ist das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen schon ganz anderes als in den Vorgänger- Generationen: „etwa 20 zu 80“, sagen die beiden.
Viele Kundinnen schätzen den Rat von Sonja und Yvonne. Und da kommt auch schon wieder eine herein und möchte wissen, ob es Jeansstoff gibt. Sonja bejaht die Frage. Was der Meter kostet? 14,95 Euro. „Dann nehme ich zwei“, sagt die Frau. „Unsere Kunden haben meist recht klare Vorstellungen und ganze Ballen Stoff werden hier nur selten rausgetragen.“ Aber das ist auch gar nicht nötig. Dafür vermittelt Jippel noch so etwas wie ein Einkaufserlebnis mit Wohlfühl-Faktor.
Von diesem nostalgischen Hauch umflort, verlasse ich das Geschäft und denke: Jippel ist viel mehr als jippeln. RÜDIGER OTTO VON BROCKEN