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Das Robbenzentrum Föhr

Janine und André für den Schutz der Meeressäuger

Janine Bahr-van Gemmert und ihr Mann André sind keine Unbekannten auf Föhr. Rund um die Uhr ist das Paar im Einsatz für das, was sie vor 16 Jahren zusammengeführt hat: Ihre große Tierliebe. Der Wunsch, das fragile Ökosystem der Meere und ihrer Bewohner zu schützen, es zu erforschen und ihre Erkenntnisse sowie ihr Wissen anderen Menschen zu vermitteln.
Wer Janine das erste Mal begegnet, sollte nicht den Fehler machen, sie zu unterschätzen. Die in Lüdenscheid geborene Tierärztin mit eigener Praxis in Wyk, welche zudem 1998 den Verein „Tierhuus Insel Föhr e.V.“ (Tierauffangstation und Tierpension) gründete und bis heute mit verschiedenen, oft ehrenamtlichen Mitarbeitern sowie ihrem Mann betreut, brennt für jedes anvertraute Tier und betreibt zudem Seelsorge für deren Menschen. Mit unbestechlicher Klarheit, Direktheit und Ehrlichkeit steht die streitbare, zierliche Frau für ihre Werte und Prinzipien ein – oft bis über die eigene Schmerzgrenze hinaus. Ihre geringe Körpergröße steht im Kontrast zu dem umso größeren Herzen, mit dem die Veterinärin rund um die Uhr fürsorglich für jede Frage und Bitte zur Verfügung steht. Bei Notfällen auch mal mit dem Verweis, das Handy läge neben dem Bett. Nicht selten fließen Tränen des Mitgefühls, wenn ein tierischer Freund sich verabschiedet. Einmal wöchentlich werden„Patienten“ auf Amrum betreut.

Viele Betroffene schätzen gerade diese Echtheit. Die zahlreichen Unterstützer, Helfer, Förderer und Sponsoren tun der empfindsamen Seele wohl, welche sich nicht nur Freunde gemacht hat. Janine polarisiert, kämpft, prangert an, beißt sich fest und lässt sich nicht zum Schweigen bringen oder einschüchtern. So auch und besonders bei dem Thema Rettung und Schutz von Meeressäugern. Ihren späteren Ehemann André lernte Janine 2008 bei der Seehundrettung in Holland kennen, wo dieser in Amersfoort geboren wurde. Er, der auch schon früh eine enge Verbindung zu Tieren verspürte, absolvierte im Frankfurter Zoo eine Ausbildung als Tierpfleger - noch unter dem berühmten Professor Grimzek, mit dem der charmante Holländer einen engen Kontakt pflegte. Ein Studium des Wildlife-Managements folgte ebenso wie die langjährige Arbeit mit Seelöwen im Zoo Emmen in Holland.
Sowohl Janine als auch André waren und sind stets international tätig. Nachdem Janine im Jahr 2000 die „Ölvogelhilfe Germany e.V.“ gegründet hatte, baute sie in Galicien eine Erstversorgungsstation auf und leitete diese, Notfallteams in Spanien und Frankreich folgten. Fast jährlich besuchte sie ausländische Wildtierstationen und Tierkliniken, um dort mitzuarbeiten, so etwa in Florida, Kalifornien, Südafrika, Großbritannien oder Irland. Andrés Weg führte 1997 nach Uruguay, wo er nach einer Ölkatastrophe Seelöwen, Pelzrobben und Magellan Pinguine versorgte, im Einsatz für Pelzrobben nach Südkorea, zur Rettung verölter Seelöwen auf die Galapagosinseln und zum anschließenden Rescue-Training in die Darwin-Station. 

In Mauretanien wurden Mönchsrobben versorgt, in St. Petersburg eine Robben-Rehabilitationsstation aufgebaut. In Pieterburen/Holland war van Gemmert fester Mitarbeiter des Robben-Reha- und Forschungszentrums. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch zurück nach Föhr: Der Liebe und gemeinsamen Mission wegen ging André schließlich hier an Land. Im Jahr 2010/2011 gründete und eröffnete er mit Janine, welche er 2016 heiratete, das „Robbenzentrum Föhr“, eine gemeinnützige Initiative zur Rettung der Meeressäuger, die sich hauptsächlich aus Spenden finanziert. Dank unermüdlichen Einsatzes sowie zahlreicher Unterstützer hat dieses sich zum Besuchermagneten entwickelt. Erkrankte Tiere können hier artgerecht untergebracht und versorgt werden. In der Praxis bedeutet dies: Wird ein Meeressäuger aufgefunden und gemeldet, so übernimmt das Ehepaar nach Möglichkeit die Erstversorgung und Rehabilitation. Hier jedoch gibt es in Schleswig-Holstein gesetzliche Hürden, die manchmal bei dem Wunsch, helfend tätig zu werden, verzweifeln lassen und sehr viel Kraft kosten. Es muss eine enge, oftmals als ineffizient empfundene, Abstimmung mit den sogenannten Seehundjägern der Insel erfolgen. Werden diese nach einer Sichtung zuerst informiert, so ist entgegen der weitverbreiteten Meinung nicht immer ein Überleben des Tieres gewährleistet. Etwa, weil die Seehundaufzuchtstation Friedrichskoog nur über eine begrenzte Kapazität verfügt. Sie stellt den Dreh- und Angelpunkt der Thematik dar und so dürfen Janine Bahr-van Gemmert und André van Gemmert die gesundeten Tiere beispielsweise nicht auf der Insel wieder auswildern. Diese müssen zunächst nach Friedrichskoog verbracht werden. Das Argument der „natürlichen Selektion“ lässt Janine nicht gelten: Lungenwürmer, welche für die Tiere - auf sich gestellt - normalerweise tödlich wären, lassen sich oftmals gut behandeln. Angedrohte Geldstrafen im hohen, dreistelligen Bereich, weil bestimmte Vorgaben nicht exakt genug eingehalten wurden, schrecken das Ehepaar nicht ab. Und so wurden schon unzählige „Findelkinder“ aufwändig wieder„aufgepäppelt“, trotz oft massiver, bürokratischer Widerstände wie im aktuellen Fall von Konstantin, dem ersten Heuler der Saison, einem Frühgeborenen, der seine Mutter verloren hatte und keine Überlebenschance gehabt hätte. Leise vor dem zufrieden dreinblickenden Geschöpf, dessen Augen selbst das kälteste Herz zum Schmelzen bringen, zu stehen, welches sich wohlig unter der Rotlichtlampe räkelt, mag für einen Moment für alle Kämpfe entschädigen.

Die Fütterung mittels eines Schlauches ist sehr kompliziert und je nach Größe und Gewicht des Tieres mit enormem Kraftaufwand verbunden. Gelegentlich unterscheidet es sich unwesentlich von Janine Bahr-van Gemmerts eigenem Körpergewicht. Zudem muss die Unversehrtheit sämtlicher Finger gewährleistet sein - handelt es sich bei den putzigen Findelkindern schließlich um Raubtiere. Die beiden Tierschützer achten sehr auf die Einhaltung strenger Hygienerichtlinien, welche eine gründliche Genesung der pelzigen Patienten garantiert. 

Aufklärungsarbeit sowie die Erforschung der Robben und ihres Verhaltens sind weitere wesentliche Grundpfeiler ihrer Arbeit. Darum sind Janine und André in engem Austausch mit Kollegen und nehmen häufig an nationalen und internationalen Konferenzen sowie Tagungen zum Thema Schutz von Meeressäugern und Wildtieren teil. So unlängst auf Einladung der Bundestierschutzbeauftragten in Berlin. Janine, die unter anderem Teil der europäischen Zoo- und Wildtierärztevereinigung ist, wurde kürzlich von einem Institut in Dubai angefragt, wo sie vor Kollegen, Biologen und Studenten von ihrer Arbeit berichten konnte.

Text & Fotos: Annette Keisat

Info

Das Robbenzentrum verfügt über eine Ausstellung, die Informationen zum Lebensraum der sensiblen Meeressäuger bietet (täglich von 15 bis 17 Uhr geöffnet).
Führungen bis Oktober immer donnerstags um 15.30 Uhr. Kinderführung gibt es bis Oktober dienstags um 15 Uhr. Keine Anmeldung erforderlich. Sonderführungen nach Absprache.

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