"Es fühlte sich wie eine kleine Glaskugel an.“ Als Monique im Spätherbst 2013 eine Verhärtung in der rechten Brust fühlt, hat sich die 33-Jährige noch nichts dabei gedacht. Erst zwei Jahre zuvor hat sie ihren eigenen Blumenladen in der Gartenstadt, einem Stadtteil von Flensburg, eröffnet. Als Geschäftsinhaberin und Mutter von zwei Töchtern, damals drei und fünf Jahre alt, sind ihre Tage durchgeplant und bis zur Adventszeit sind es nur noch wenige Wochen. „Ich dachte, bevor die stressige Zeit losgeht, hole ich mir noch einen Termin bei meiner Frauenärztin.“ Dort wird ihr mit einer Stanze Gewebe aus ihrer Brust entnommen und die Probe ins Labor geschickt. „Es kann alles Mögliche sein, aber wir müssen das abchecken“, beruhigt sie ihre Ärztin. Doch schon da steht das erste Mal das Wort „Krebs“ im Raum. Fast zwei Wochen muss Monique warten, bis der Anruf kommt. „Ohne jede Vorwarnung wurde mir am Telefon gesagt, dass ich Brustkrebs habe und in die Praxis kommen soll.“ Im Kinderzimmer ihrer Tochter bricht Monique zusammen. „Ich war völlig im Schock.“ Ihr Mann fährt sie in die Praxis, auf dem Weg dorthin spricht das Paar kaum miteinander. „Ich habe die ganze Zeit nur geweint.“
Ab da geht alles ganz schnell. „Meine Frauenärztin ist auf die Onkologie spezialisiert, was für mich im Nachgang einiges einfacher gemacht hat.“ Nun heißt es zu klären, ob der Krebs bereits gestreut hat. Lunge, Nieren, Leber für Monique stehen jede Menge Kontrolltermine im Kalender. „Du arbeitest deine Liste ab und wirst von A nach B geschickt“, erzählt sie. „Man funktioniert nur noch und denkt jeden Tag, dass man morgen aufwacht und alles wieder in Ordnung ist."
Zum Glück hat Moniques Tumor nicht gestreut. „Da war ich erst einmal heilfroh und total gepusht.“ Die „kleine Glaskugel“ wird dennoch als mittelschwerer Befund eingeordnet. Der Behandlungsplan der jungen Frau ist so ausgelegt, dass brusterhaltend operiert werden kann. Doch zuerst steht für die zweifache Mutter die Chemotherapie an. Alle drei Wochen, sechs Behandlungen insgesamt, danach sollte der Tumor hoffentlich deutlich kleiner sein. „Mir wurde gesagt, dass die Heilungschancen gut sind, wenn der Tumor auf die Behandlung reagiert“, erinnert Monique sich. Ihren Blumenladen muss sie aufgeben.
Die Chemo bekommt die Wahl-Flensburgerin direkt in der Praxis. „Du sitzt da stundenlang, während ein Monstercocktail in deine Adern fließt, und du hast keine Ahnung, was danach sein wird.“ Die erste Behandlung verträgt Monique noch relativ gut. Gegen die Übelkeit und andere Nebenwirkungen verschreibt man ihr Medikamente. Schon bald fallen die langen rotbraunen Haare aus und ihre Friseurin rasiert ihr den Kopf kahl. „Das war furchtbar. Auf einmal erkennst du dich selbst nicht mehr und nun sieht jeder, dass du krank bist.“ Auch die Nebenwirkungen der Chemo werden mit jeder Behandlung schlimmer. „Es gab Tage, da konnte ich nur noch auf allen Vieren kriechen.“ Monique bekommt quälende Nervenschmerzen, sie kann nichts mehr schmecken, nichts mehr riechen. Auch das Lesen fällt ihr schwer, und sie kann nicht ruhig schlafen. „Ich musste nachts oft mehrmals die durchgeschwitzte Bettwäsche wechseln.“ An ganz schlimmen Tagen liegt sie nur regungslos im Bett, atmet kaum. Keine Minute jedoch gibt sie die Hoffnung auf. „Mir ging es jedoch manchmal so schlecht, dass ich glaubte, das überlebe ich nicht.“ Doch die Gedanken an ihre beiden Mädchen lassen sie weiterkämpfen. „Sie waren noch so klein, wenn ich das nicht geschafft hätte, hätten sie heute keine Erinnerung mehr an mich.“ Monique aber will den ersten Schultag miterleben, will ihre Töchter im Brautkleid sehen. „All das war ja noch gar nicht passiert.“ So gut es geht, versucht sie, die Kinder von allem fernzuhalten. Ihre Schwiegereltern und ihr Mann sind es, die sich die meiste Zeit um die Beiden kümmern.

Drei Chemobehandlungen später, stellt sich heraus, ob der Tumor auf die Therapie anspricht. „Er war Gott sei Dank ein ganzes Stück geschrumpft“, sagt Monique und auch heute noch ist ihr die Erleichterung deutlich anzusehen. Am Tag der Operation ist Monique zuversichtlich. „Ich war einfach so dankbar, dass ich jetzt von diesem fiesen Ding befreit werde.“ Die OP verläuft nach Plan. Auch die Sorge, eine entstellte Brust danach zu haben, bestätigt sich für die Patientin nicht.„Sie war nur sehr geschwollen und das über Monate hinweg.“ Viel Zeit für Erholung bleibt Monique nicht, denn schon bald muss sie jeden Tag zur Bestrahlung gehen. „Das war mir dann aber fast egal, denn ich hatte es geschafft und das gab mir so viel Kraft.“
Um näher bei den Schwiegereltern zu sein, zieht die Familie nach Kiel und kauft ein renovierungsbedürftiges Haus. „Das war ein großer Fehler, ich hatte mich noch überhaupt nicht erholt“, sagt Monique. Und bald beginnt sie für ein paar Stunden die Woche in einem Laden für Kinderbekleidung zu arbeiten. „Das war alles viel zu früh, das kann ich niemanden raten.“ Monique braucht lange, um sich körperlich, aber auch seelisch zu erholen. Sie ist schnell erschöpft, oft unkonzentriert, vergesslich. „Ich konnte mir beim Einkaufen keine fünf Teile merken.“ Auch bekommt sie die ersten Wochen immer wieder Panikattacken und kann Menschenansammlungen nur schwer aushalten. Außerdem spielen die Hormone verrückt. Am Anfang trägt Monique noch eine Langhaarperücke, die sie, als die ersten eigenen Haare wiederzusehen sind, weglässt. „Ich hatte so ein Selbstbewusstsein entwickelt“, sagt sie stolz. Zwei Jahre später zieht die Familie auf Moniques Drängen wieder nach Flensburg. „Meine Familie hat mich für verrückt erklärt, aber ich wollte unbedingt zurück."
Wenn sie jetzt, bald 13 Jahre nach der Diagnose, von ihrem Heilungsweg erzählt, ist Monique ganz bei sich. „Ich lebe heute viel bewusster, auch mit meinen Kindern. Ich weiß, wie schnell alles vorbei sein kann.“ Schwer war es für sie, dass sich einige Freunde während der Erkrankung von ihr abgewandt haben. „Das war für mich eine Vollkatastrophe.“ Doch es gab auch völlig fremde Menschen, die ihr wiederum zur Seite standen. „In so einer Zeit zeigt sich, wer wirkliche Freunde sind.“ Was sie Angehörigen und Bekannten von Betroffenen gern sagen würde? „Geht auf die Erkrankten zu, fragt, was sie gerade brauchen, sprecht offen miteinander.“
Monique ist jetzt 45 Jahre alt. Einmal im Jahr muss sie zur Kontrolle. „Davor bin ich schon angespannt. Ansonsten denke ich kaum mehr daran.“ Angst, dass der Krebs wiederkommt, hat sie nicht. Heute macht sie viel Sport, hat gerade ihren Traumjob gefunden, geht gern mit Freunden aus und ist, wie sie selbst sagt, „einfach glücklich“.