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Dr. Hamid Mofid: „Es liegt in der Hand eines jeden, das Risiko zu senken“

FOTOS: REGIO KLINIK; NEW AFRICA/STOCK.ADOBE.COM

Manchmal ist es nur ein diffuses Bauchgefühl, manchmal sind es eindeutigere Anzeichen, die auf einen Magenoder Darmkrebs hinweisen können. Er gehört zu den häufigsten Krebserkrankungen, doch früh erkannt, sind die Heilungschancen hoch, sagt Dr. Hamid Mofid. Er ist ärztlicher Direktor und Chefarzt und Leiter des Darmzentrums der Regio Klinik Pinneberg und Elmshorn. Wir waren mit ihm im Gespräch.

Darmkrebs früh erkennen und vorbeugen: Dr. Hamid Mofid erklärt, warum Vorsorge so wichtig ist, welche Symptome ernst genommen werden sollten – und wie jeder selbst das Risiko senken kann.

FOTOS: REGIO KLINIK; NEW AFRICA/STOCK.ADOBE.COM
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Herr Dr. Mofid, Ihre Lebensgeschichte ist ziemlich spannend. Mögen Sie uns erzählen, wie Sie den Weg in die Medizin gefunden haben?

Es war mein Vater, der mir den Weg geebnet hat. Er ist bis heute mein großes Vorbild. In den 1950er Jahren kam er als junger Mann aus dem Iran nach Deutschland und wollte unbedingt Chirurg werden. Ohne das Wissen seiner Eltern hat er sich in den Zug gesetzt und ist erst in Hamburg ausgestiegen. Er konnte kein Deutsch, aber kurz nach Kriegsende gab es hier noch keine Zugangsbeschränkungen für ein Medizinstudium. Für ihn war die Chirurgie das Nonplusultra. Nach ein paar Berufsjahren kehrte mein Vater mit uns in den Iran zurück, weil die ärztliche Versorgung dort viel schlechter war als bei uns in Deutschland. Als ich noch ein Kind war, habe ich viele Nachmittage in der Praxis meines Vaters verbracht und durfte ihm bei der Arbeit zusehen. Er war der einzige Chirurg am Ort und die Menschen standen Schlange vor unserer Haustür. Für mich hat sich in meinem ganzen Leben nie die Frage gestellt, ob ich etwas anderes machen könnte.

Unternehmen aus der Region

Sie sind heute ein führender Experte auf dem Gebiet der Darmchirurgie. Was hat Ihr Interesse speziell an diesem Fachgebiet geweckt?

Meine ersten Jahre verbrachte ich in der Unfallchirurgie. Danach erst habe ich in der Bauchchirurgie angefangen. Operationen im Bauchraum sind sehr filigran und ein echtes Handwerk. Es verschafft mir eine unfassbare Befriedigung, Leben retten zu können. Die viszerale Chirurgie, also alles, was mit dem Bauchraum zu tun hat, ist sehr anspruchsvoll und zählt daher zu einer der komplexesten Disziplinen in der Medizin – gerade das macht sie für mich so faszinierend. Bei Krebsoperationen kommt besonders die psychologische Seite dazu. Wie erkläre ich einfühlsam, welche Diagnose sie oder er hat? Wie begleite ich den Patienten? Wie bereite ich ihn gut auf eine OP vor? Wie gehe ich mit Komplikationen um? Das sind alles Fragen, die für uns dazugehören. -

Was sind die häufigsten Krebserkrankungen, die Sie in der Regio Klinik behandeln?

In unserem Darmzentrum sehen wir jährlich bis zu 110 Fälle von Darmkrebs. Das ist nach wie vor relativ viel und zeigt, wie weit verbreitet diese Krankheit in unserer Bevölkerung ist. Tatsächlich ist Darmkrebs eine der häufigsten Krebserkrankungen in Deutschland, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Diese hohe Inzidenz macht es umso wichtiger, dass wir uns auf Vorsorge und Früherkennung konzentrieren. Denn je früher ein Krebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Darmkrebs fängt oft relativ unspektakulär an, weswegen viele Menschen die ersten Anzeichen ignorieren oder missverstehen. Genau in dieser Frühzeitigkeit liegt die Herausforderung, aber eben auch die Möglichkeit, die Krankheit erfolgreich zu bekämpfen. Magenkrebs ist Gott sei Dank seltener geworden, Darmkrebs kommt mit bis zu 60.000 Neuerkrankungen dagegen schon ziemlich häufig vor.

Welche Symptome sollten Menschen beachten, um frühzeitig eine potenzielle Krebserkrankung im Darm zu erkennen?

Symptome von Darmkrebs variieren je nach Lage des Tumors stark. Tumore im rechten Dickdarm neigen dazu, eher unspezifische Symptome zu verursachen. Dazu gehören Müdigkeit und Blässe, oft verursacht durch einen langsamen Blutverlust und die resultierende Anämie. Tumore auf der linken Seite, in Richtung Enddarm, können deutlichere Anzeichen hervorrufen, wie zum Beispiel Veränderungen des Stuhlgangs, Verstopfung oder frisches Blut im Stuhl. Leider werden diese Symptome oft als Hämorrhoiden abgetan und nicht ernst genommen. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, bei jeder Veränderung im Verdauungstrakt aufmerksam zu werden und ärztlichen Rat einzuholen.

Wie essenziell ist die Früherkennung bei Darmkrebs und welche Maßnahmen stehen zur Verfügung?

Die Früherkennung ist absolut entscheidend. Sie kann den Unterschied zwischen einer vollständigen Heilung und einem langwierigen Krankheitsverlauf ausmachen. Durch Vorsorgeuntersuchungen wie die Darmspiegelung können Polypen, die potenziell zu Krebs führen können, frühzeitig entdeckt und entfernt werden. Unbehandelt können sich diese über einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren zu Krebs entwickeln. Erfreulicherweise übernehmen die Krankenkassen die Kosten von Vorsorgeuntersuchungen ab einem bestimmten Alter, wodurch sie für jeden zugänglich werden. Die Herausforderung besteht darin, die Bevölkerung zu motivieren, diese potenziell lebensrettenden Untersuchungen in Anspruch zu nehmen. Eine Darmspiegelung ist heutzutage so einfach, meistens bekommt man die Untersuchung gar nicht richtig mit.

Ist denn Darmkrebs eher eine Frage des Alters?

Darmkrebs tritt zwar tatsächlich vorwiegend bei Menschen über 60 Jahren auf, kann aber auch bei Jüngeren vorkommen. Besonders gefährdet sind jüngere Patienten mit familiärer adenomatöser Polyposis (FAP), sie können schon im frühen Erwachsenenalter erkranken. Kinder sind in der Regel nicht betroffen. Insgesamt nimmt also die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, mit dem Alter zu.

In letzter Zeit gab es viele Fortschritte in der Medizintechnik. Wie haben sich die Behandlungsmethoden von Krebserkrankungen des Magen-Darm-Trakts entwickelt?

Die Entwicklungen in der Medizintechnik haben unser Fachgebiet in großen Schritten nach vorne gebracht. Als ich in den 1990er Jahren meine Karriere begann, war die offene Chirurgie die Regel. Das bedeutete, dass große Bauchschnitte notwendig waren, um Operationen durchzuführen. Heute können wir dank minimalinvasiver Techniken, auch bekannt als Schlüssellochchirurgie, dieselben Eingriffe mit wesentlich kleineren Schnitten durchführen. Diese Methode hat viele Vorteile: Sie reduziert postoperative Schmerzen, beschleunigt die Genesung und minimiert das Infektionsrisiko. Oft können die Patienten noch am selben Tag nach einer Operation wieder aufstehen. Dank des Da Vinci Roboters, der in unserer Klinik im Einsatz ist, erreichen wir zudem eine sehr hohe Präzision. Auch wenn die Anschaffung und der Betrieb solcher Technologien kostspielig sind, steht für uns das Wohl der Patienten an erster Stelle. Die Robotertechnik erlaubt es uns, noch präziser zu arbeiten, was insbesondere bei komplexen Krebsoperationen entscheidend ist. Diese Investition in technologische Exzellenz ist für uns ein wesentlicher Bestandteil der Patientenversorgung.

Welchen Erfolg versprechen Sie sich vom Einsatz einer Immuntherapie?

Die Immuntherapie und die Antikörpertherapie, bietet heute in bestimmten Konstellationen neue Behandlungsoptionen, die es vor 30 Jahren noch nicht gab. Damals stand ausschließlich die Chemotherapie zur Verfügung, die standardmäßig bei allen Patienten angewendet wurde. Heutzutage können Therapien viel gezielter und individueller auf den Patienten abgestimmt werden. Da nicht jeder Patient für eine Immuntherapie infrage kommt, gibt es bestimmte Kriterien, anhand derer sich frühzeitig feststellen lässt, wer davon profitieren könnte. Bei Patienten, die für eine Antikörpertherapie geeignet sind, kann diese zusätzlich zur Chemotherapie angewendet werden und die Überlebensrate nach fünf Jahren verbessern.

Können Sie uns mehr über den Einfluss von Lebensstil und genetischen Faktoren auf das Risiko von Darmkrebs erzählen?

Beide Elemente spielen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Darmkrebs. Genetische Komponenten sind ein Risikofaktor, vor allem, wenn eine familiäre Vorbelastung besteht. Doch auch der Lebensstil ist ein großer Risikofaktor. Übergewicht, eine ungesunde Ernährung, beispielsweise mit zu viel rotem Fleisch, Bewegungsmangel, übermäßiger Alkoholkonsum und Rauchen beeinflussen das Krebsrisiko erheblich. Diese Faktoren sind weitgehend vermeidbar und es liegt in der Hand eines jeden, durch einen gesünderen Lebensstil sein Risiko zu senken. Die Aufklärung der Öffentlichkeit ist einfach ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

Blicken wir in die Zukunft: Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Behandlung von Krebserkrankungen des Magen-Darm-Trakts?

Die Zukunft der Medizin wird zweifellos auch von der Künstlichen Intelligenz geprägt sein. Ich sehe großes Potenzial in der Nutzung von KI zur Unterstützung von Diagnosen und Behandlungsentscheidungen. Diese Technologie können Ärzten helfen, Behandlungen noch präziser auf den einzelnen Patienten abzustimmen, Fehler zu minimieren und neue Zusammenhänge schneller zu erkennen. Obwohl die Technologie eine immer größere Rolle spielen wird, bin ich der festen Überzeugung, dass sie den menschlichen Faktor in der Patientenversorgung nicht ersetzen kann. Empathie und die Fähigkeit, auf die menschlichen Bedürfnisse einzugehen, sind Aspekte, die eine Maschine niemals vollständig übernehmen kann. Unsere Aufgabe als Ärzte wird es sein, die hochwertigen technologischen Werkzeuge bestmöglich einzusetzen und gleichzeitig das Zwischenmenschliche zu bewahren.

Haben Sie abschließend noch eine Botschaft für unsere Leser?

Ich möchte jeden ermutigen, auf seine Gesundheit zu achten und die vorhandenen Vorsorgemöglichkeiten wahrzunehmen. Gesundheit ist unser kostbarstes Gut, das wir besitzen, und es liegt an uns, sie zu bewahren. Früherkennung und ein gesunder Lebensstil können die Chancen auf ein langes, gesundes Leben erheblich erhöhen. Lassen Sie uns gemeinsam Verantwortung übernehmen und aktiv daran arbeiten, gesund zu bleiben. Bei Unsicherheiten oder Symptomen ist der Gang zum Arzt immer das Richtige.


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