Raus aus dem Tor, ran an den Tresen: Armer Kevin, das wird ordentlich reinknallen. 30 "Shots“ zu zweit? Und das als Profihandballer, der im Umgang mit Alkohol nicht geübt ist? Es könnte richtig hart werden – und mit einem fetten Kater für die "Katze im Tor“ der SG Flensburg-Handewitt enden.
Man muss sich also Sorgen machen um Kevin Möller, weil dieser eine Abmachung mit seinem Flensburger Teamkollegen Simon Pytlick hatte. Die da lautete: Für jedes Mal Weinen während seiner Abschiedsrede nach dem Heimspiel gegen Eisenach musste er zehn Shots - das sind promillehaltige Getränke, die in einem Zug getrunken werden - seinem dänischen Landsmann spendieren. Skål!
Das Resultat: Möller kamen dreimal die Tränen während der Goodbye-Zeremonie anlässlich seines letzten Heimauftritts am vergangenen Donnerstag. Das macht summa summarum 30 „Kurze“. Eine Bilanz, mit der der 36-Jährige an diesem für ihn emotional anspruchsvollen Abend gut leben konnte.
"Ich habe hier jede Sekunde, ob bei einem schönen oder einem blöden Auftritt, genossen. Es war mir eine Riesen-Ehre, Teil der SG gewesen zu sein. Sie ist mein Herzensverein." Sätze wie diese waren eine harte Probe für die Tränendrüsen aller Zuhörer und auch des Redners.
Ein SG-Heimspiel ohne den Song-Einspieler „Giant“? 60 Minuten in der „Hölle Nord“ ohne den Lockenkopf mit der Nummer 20, der breit grinsend die Faust Richtung Nordtribüne ballt? Ohne, dass die Fans postwendend "Keeeeevin Möller“ brüllen? Gedanken daran lassen jeden, der es mit der SG Flensburg-Handewitt hält, schwermütig werden. Um es auf den Punkt zu bringen: Eine SG ohne Kevin Möller? Schwer vorstellbar!
Vierjahresvertrag bei GOG ab Juli
Doch in Kürze wird es dazu kommen. Ende dieses Monats wechselt der Zwei-Meter-Mann nach neun Jahren (2014 bis 2018 und seit 2021) und vier großen Titeln (Meister 2018, Pokalsieger 2015, European-League-Sieger 2024 und 2025) im Flensburger Trikot zurück in die Heimat und schließt sich dem dänischen Topclub GOG an, für den er bereits vor seinem ersten Wechsel nach Flensburg von 2011 bis 2014 gespielt hatte und bei dem er einen Vierjahresvertrag unterschrieben hat.
Das Ende einer Ära. Wie sagte es der Beiratsvorsitzende Boy Meesenburg bei der Verabschiedung treffend in Richtung des Weltklasse-Torhüters: "Nur wenige Spieler in der SG-Historie haben es geschafft, sich so in die Herzen der Mitspieler, der Sponsoren und der Fans zu spielen wie du. Wir sind stolz, einen solch tollen Spieler in unseren Reihen gehabt zu haben." Sagte es, verlieh dem Keeper den offiziellen Legendenstatus und hob ihn in die Hall of Fame.
"Ich? Eine SG-Legende? Das überrascht mich total und macht mich so stolz", sagte Möller, dem eigentlich das zehnte Jahr zu dieser Ernennung fehlt. Doch ausschlaggebend waren seine über 2000 Paraden und vor allem die echte Liebe, die Möller dem Club entgegenbringt.
Kurzer Ausflug nach Barcelona
Man glaubt ihm einfach die Worte, die er zu seinem Abschied kundtat: "Die SG Flensburg-Handewitt war, ist und wird immer mein Zuhause sein." Nach seinem kleinen Ausflug nach Barcelona (2018 bis 2021) habe er eingesehen: "Hier ist der schönste Ort der Welt. Einmal Flensburg, immer Flensburg!“ In diesem Moment waren die schwierigen ersten Jahre an der Förde, als der talentierte Däne einen schweren Stand im Tor neben dem hyper ehrgeizigen Routinier Mattias Andersson hatte, vergessen.
Handballprofi
Mit Möller verlässt ein Publikumsliebling, Führungsspieler und Werbebotschafter den Club. Seine Mitspieler sprechen in den höchsten Tönen über ihn. Wie etwa Kapitän Johannes Golla: "Kevin ist ein guter Mensch. Er hat das seltene Talent, mit jedem klarzukommen." Als "lustigen Stimmungsmacher, guten Typen und großen Kämpfer" charakterisiert ihn sein Positionskollege Benjamin Buric. Und Pytlick bezeichnet Möller gar als "kleine Vaterfigur".
Es ist ein schweres Vorhaben, etwas Negatives über den 36-jährigen Welt- und Europameister aufschnappen zu wollen. Nur so viel: Möller hat an Niederlagen richtig zu knabbern und ist nicht der beste Verlierer. Und beim Fußball ist er im Sturm von "Team alt" nicht zu gebrauchen. Seine Abwehrqualitäten seien okay, wegen seiner breiten Hüfte. Aber vorne tauge er nix, meint Pytlick mit einem Augenzwinkern.

Ein guter Freund als Nachmieter
Am Sonntag zog Möller nach dem 38:43 gegen die Füchse Berlin, es war sein 361. SG-Spiel, endgültig das Flensburger Trikot aus. Und nun? Was passiert in den nächsten Tagen und Wochen? Eine große Urlaubsreise ist nicht geplant. Stattdessen viel Zeit mit seinen Kindern Ingrid und Ludvig verbringen, den Umzug von Handewitt nach Svendborg (wo auch die Familie seiner Ehefrau Louise lebt) organisieren, ein paar Golfrunden mit Freunden aus der Region absolvieren, die letzten Tage in Handewitt und Flensburg "einfach genießen".
Der Trainingsauftakt bei GOG soll am 16. Juli sein. Bis dahin wird er sein Mietshaus in Handewitt übergeben haben, und zwar an seinen Namensvetter und Noch-Mitspieler Lasse Möller. Dieser muss wissen: Der Einzug in dieses Heim geht einher mit der Verpflichtung, eine SGLegende zu werden. Wie seine Vormieter Lasse Svan und Kevin Möller. Gut möglich, dass es bei der Schlüsselübergabe dann auch ein paar Shots gibt. Skål!
Holger Petersen