Das Datum seines ersten Nordderbys hat Johannes Golla nicht mehr im Kopf. "Aber ich weiß, dass ich gerne an diesen Tag zurückdenke. Ich habe ihn sehr genossen", sagt der 28 Jahre alte Handballer. Weil die SG Flensburg-Handewitt den großen Rivalen THW Kiel damals mit 26:25 besiegte. Und, was vielleicht noch wichtiger ist: Weil sich der Neuzugang Golla an jenem 8. September 2018 nach nur wenigen Wochen im SG-Trikot mit einem fulminanten Auftritt in das Herz des Vereins und der Fans spielte. "Ich kam nach zehn oder fünfzehn Minuten rein - und es lief von alleine", blickt der Kreisläufer zurück, dessen Karriere in den folgenden Monaten durchstartete.
"Vor dem ersten Tag in Flensburg war ich wahnsinnig nervös", erinnert sich Golla. "Ich habe mich gefragt, ob ich zwischen all den Weltklasse-Spielern überhaupt richtig aufgehoben bin." Spätestens nach besagtem Derby waren die Zweifel verflogen: "Es lief besser, als ich es mir erträumt habe."
18 Duelle mit dem THW später, nach 387 Einsätzen und 1390 Toren verlässt Golla nun den Club, bei dem er erwachsen geworden ist. Bei dem er deutscher Nationalspieler wurde. Bei dem er lernte, auch abseits des Feldes Verantwortung zu übernehmen - als Kapitän der SG, aber auch als Anführer der besten Handballer Landes. Er verlässt die Stadt, in der er seine Frau Elena heiratete und mit ihr eine Familie gründete. "Flensburg wird immer ein riesiger Teil von uns sein", sagt Golla, der zur MT Melsungen zurückkehrt. Von dort war er vor acht Jahren zur SG gekommen. Dort, in der Nähe der Eltern und Schwiegereltern, soll die Familie noch stärker in den Fokus rücken.
Golla geht als Legende - die SG nahm ihn und Kevin Möller vergangene Woche nach dem letzten Heimspiel der Saison in die Hall of Fame auf. Die Rückennummer 4 wird vorerst nicht vergeben. "Das ist eine Riesen-Auszeichnung für mich", sagt Golla. Eine, die sich der Ausnahmesportler mit Leistung, Charakter, Fleiß und Herzblut verdient hat.
Golla-Transfer nach Tipp von Michael Müller
"Es war eine ganz gute Entscheidung, Johannes zu verpflichten“, meint SG-Präsident Dierk Schmäschke mit einem Augenzwinkern. Als Geschäftsführer hatte er sich vor acht Jahren sehr für die Verpflichtung des 20-jährigen Kreisläufers aus Melsungen stark gemacht.
Bei der MT stand seinerzeit Schmäschkes Schwiegersohn Michael Müller unter Vertrag und gab den Hinweis: "Wir haben da einen, der wird mal richtig gut. Den müsst ihr holen." Der Rest ist Geschichte - eine mit vielen Höhen und wenigen Tiefen.
Golla brauchte nicht lange, um den Talentstatus hinter sich zu lassen und in die Weltklasse aufzusteigen. Im März 2019 nominierte ihn der damalige Bundestrainer Christian Prokop erstmals für die Nationalmannschaft, drei Monate später wurde Golla mit der SG deutscher Meister, weitere zwei Monate später Supercup-Sieger. Kurz danach verlängerte er seinen Vertrag vorzeitig bis 2023. "Die Vereine standen Schlange, aber Johannes hat nicht lange überlegt", sagt Schmäschke. Golla und die SG - das passte.
Die Corona-Pandemie und ein Fußbruch bremsten Gollas Karriere 2020 nur kurz aus. Sportlich war er in Flensburg, wo er alsbald ein Arbeitspapier bis 2026 unterschrieb, und im DHB-Team längst unverzichtbar geworden. Menschlich wurde er es spätestens mit der Ernennung zum Kapitän - mit nur 23 Jahren zunächst in der Nationalmannschaft (2021), dann ebenso überraschend bei der SG (2022). "Es ist eine große Ehre gewesen, aber auch eine Herausforderung - die ich gerne angenommen habe", sagt Golla.
Geholfen, von der Verantwortung nicht erdrückt zu werden, habe ihm, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits Vater geworden war: "Ich hatte schon einen anderen Blick auf das Leben."
Neuer Blick auf den Wechsel nach Melsungen
Genau dieser andere Blick, nämlich der durch die Augen eines bald zweifachen Vaters, ließ früh Zukunftsgedanken reifen. Golla war oft weg von zu Hause, Unterstützung der weit entfernt lebenden Großeltern gab es für seine Frau kaum. "Wir wussten, wir müssen etwas ändern, wenn die Familie nicht auf der Strecke bleiben soll", sagt Golla, der sich für eine Rückkehr zur MT Melsungen entschied. Was im Dezember 2024 kommuniziert wurde, war schon lange beschlossene Sache gewesen.



Die Entscheidung fiel in einer Zeit, in der die Beziehung zur SG einen Knacks bekommen hatte. Die Entlassung von Maik Machulla, Gollas Förderer und Vertrauter, im April 2023 setzte Golla zu. Mit dem Nachfolger Nicolej Krickau wurde er nie richtig warm. Es war unruhig in Flensburg, der sportliche Erfolg ließ - den European-League-Sieg 2024 ausgenommen - zu wünschen übrig, in der Mannschaft rumorte es. Gollas Leistungen litten in dieser für ihn und die SG schwierigen Phase unter den Umständen.
Als Kapitän ging Golla dennoch stets voran. Nach jeder schweren Niederlage stand er den Journalisten Rede und Antwort, für die Fans hatte er immer ein offenes Ohr und war sich für kein Krisengespräch zu schade. "Kapitän zu sein, ist eine Aufgabe, die mehr fordert, als alle denken“, sagt Gollas Vorgänger Lasse Svan. Sein Nachfolger habe sie "hervorragend gelöst".
Den ganz großen sportlichen Aufschwung gab es in den vergangenen anderthalb Jahren trotz des zweiten European-League-Titels 2025 zwar nicht mehr, dennoch spürte Golla - mittlerweile Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen - in Flensburg Veränderungen zum Positiven. Auch seine private Situation entspannte sich, je größer seine Kinder Juna und Bela wurden. Es sagt viel über den Menschen Golla aus, wie ehrlich er die vor zwei Jahren getroffene Entscheidung reflektiert, nach Melsungen zu wechseln: "Damals war es alternativlos. Wenn ich heute nochmal entscheiden könnte, wüsste ich nicht, wie die Entscheidung ausfallen würde. Trotzdem stehe ich dazu. Wenn man Verträge unterschreibt, muss man sich an sie halten."
Über den Abschied von der SG
Medial wurde nach der EM im Januar, Golla unterlag mit dem DHB-Team erst im Finale den Dänen, eine Rückabwicklung des Transfers ins Spiel gebracht - auch, weil Melsungen nicht mehr in der Lage sei, das 2024 vereinbarte Gehalt Gollas zu bezahlen. So schnell die Hoffnungen im Flensburger Fanlager aufkeimten, so schnell entpuppte sich die Rolle rückwärts als unrealistisch.
Golla hat Respekt vor "hartem Abschied"
Nun heißt es: Abschied nehmen. "Das wird sehr, sehr hart", sagt Golla. "Gerade für die Kinder, die aus ihrer Heimat gerissen werden. Die wissen noch gar nicht, was das bedeutet.“ Es klingt paradox, denn eigentlich wollten er und seine Frau die Familie mit der Rückkehr nach Melsungen schützen. Jetzt scheint der 28-Jährige zu befürchten, ihr zu schaden. Der Handball und seine weit im Voraus unterschriebenen Verträge - ein abendfüllendes Thema.
Die Gollas haben nach dem Saisonende keine Eile mit dem Umzug. "Wir fühlen uns hier wohl und haben unser Haus noch den ganzen Juni. Wir wollen das alles jetzt ein bisschen auf uns zukommen lassen und uns in Ruhe von allen verabschieden, die uns in den letzten acht Jahren begleitet haben."
Es heißt, jeder Spieler sei ersetzbar. Bei Golla - Kapitän, Leistungsträger, Vorbild, Identifikationsfigur - fällt es schwer, das zu glauben.
Jannik Schappert