N ielstrebig geht Anne Schacht ein paar Schritte durch das Watt am Möwenbergdeich vor List und bückt sich nach etwas, was der durchschnittlich informierte Strandbesucher wohl als unspektakulären Ast abtun würde. Die dünne Röhre, die die Nationalpark-Rangerin aber stattdessen aus dem Schlick zieht, ist die Behausung eines Bäumchenröhrenwurms. Der Bewohner hat sich rechtzeitig aus dem Staub oder besser Matsch gemacht, was Anne Schacht nicht davon abhält, trotzdem über diesen Wattbewohner zu berichten. Bis zu 40 Zentimeter können diese Röhren lang werden, die „einfach nur aus Wurmspucke und Sandkörnchen“ bestehen, wie sie erklärt.
Aufgrund ihrer gelblichen Färbung spielen sie vielen Spaziergängern regelmäßig einen unfreiwilligen Streich, denn sie werden leicht mit Bernstein verwechselt, wenn sie sich im Spülsaum am Strand ablegen. DasBäumchen im Namen haben die Würmer einem Fortsatz zu verdanken, der einer Baumkrone ähnelt. „Bei Hochwasser rutscht der Wurm in seiner Röhre hoch, lutscht die Nahrungspartikel ab, die in der Baumkrone hängen bleiben, und wenn er satt ist, lässt er sich einfach wieder nach unten gleiten“, beschreibt Anne Schacht den Alltag des Bäumchenröhrenwurms.



Dass er und seine Artgenossen im Watt vor Sylt ein relativ gutes Leben führen können, liegt an einer politischen Entscheidung, die vor mehr als 40 Jahren damals in Kiel gefällt wurde. 1985 wurde der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer per Gesetz gegründet und damit das Gebiet zwischen der Elbmündung im Süden und der dänischen Grenze im Norden unter Schutz gestellt. Was damals in Kraft getreten ist, hat auch im Jahr 2026 immer noch konkrete Auswirkungen, nicht nur auf die Tierund Pflanzenwelt vor Sylt, sondern auch auf die Personen, die dort arbeiten - wie eben Anne Schacht.
Mit 21 Jahren hat sie während eines Praktikums bei der Schutzstation Wattenmeer in Friedrichskoog schon eine Wattwanderung angeführt. Mittlerweile ist sie seit zwölf Jahren auf Sylt und hat gleich zwei Jobs, die sich um das Wattenmeer vor List drehen. Als Rangerin, angestellt beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz, ist sie die eine Hälfte der Dienstzeit draußen im Watt unterwegs, um zu schauen, ob sich die Besucher dort an die Regeln halten.



So achtet sie etwa darauf, dass Personen, die Austern oder Miesmuscheln mit sich führen, das auch wirklich dürfen. Denn nur wer einen gültigen Fischereischein vorweisen kann, darf pro Tag einen Zehn-Liter-Eimer mit den beliebten Delikatessen für den Eigenbedarf füllen. Allen anderen Wattbesuchern ist das untersagt. Die andere Hälfte ihrer Zeit betreut Anne Schacht die Ausstellung im Erlebniszentrum Naturgewalten Sylt und bricht von dort zu verschiedenen von ihr geführten Wanderungen auf – wie eben die ins Watt. Sie bringt den Nutzen der Nationalparkgründung ganz plastisch auf den Punkt: „Ich bin mir hundertprozentig sicher, wenn das nicht passiert wäre, dann hätten wir hier direkt Windkraftanlagen stehen. Wir hätten hier wahrscheinlich irgendwelche Pfahlbauten und schwimmende Häuser.“
Was es stattdessen nicht geben würde? Die „vielen Geschichten“, die die Natur zu erzählen hat und die Anne Schacht auf den Wanderungen immer wieder gerne weitergibt. Wie etwa die der Strandschnecken, die ihr Häuschen hermetisch abriegeln und bis zu drei Wochen ohne Nahrung auskommen können. Was besonders praktisch ist, wenn sie an den Strand gespült werden und eine Zeit lang auf dem Trockenen liegen. Denn ihre Nahrung - in erster Linie sind das Algen - filtern sie aus dem Nordseewasser. Wenn sie dort von den Wellen weitergetragen werden, können sie für Seepocken, die sich auf dem Gehäuse festsetzen, als Taxi dienen, wie Anne Schacht es formuliert. Ob das dann eine gute Wahl der Seepocke war, stellt sich erst später heraus und kann ganz klar verneint werden, wenn die Schnecke von einer Möwe aufgepickt und vom Wasserzum Lufttaxi umfunktioniert wird. Aus luftiger Höhe lässt sie die Schnecke anschließend über dem Deich fallen - in der Hoffnung, dass das Gehäuse beim Aufprall bricht und sie an das Fleisch herankommt. Nicht nur als Seepockentaxi hat die Schnecke dann ausgedient.
Seesterne hingegen haben als besondere Touristenattraktion nie ausgedient. Auch diesmal findet Anne Schacht ein kleines Exemplar, obwohl sie im Watt gar nicht so oft vorkommen. „Die fühlen sich weiter draußen heimisch, weil sie ständig von Wasser bedeckt sein müssen“, erklärt sie dazu. Wie beliebt die Tiere sind, zeigte sich im Winter vergangenen Jahres, als Abertausende Exemplare an die Westküste von Sylt gespült wurden und viele Feriengäste in den sozialen Medien darüber diskutierten, wie und ob diese außergewöhnlichen Tiere gerettet werden könnten.
Warum es so viele Seesterne zu dem Zeitpunkt vor Sylt gab, kann Anne Schacht genauso erklären wie die Tatsache, warum sie in der Situation nicht zu retten waren. „In den Monaten davor hatten wir viele Algen und Nährstoffe in der Nordsee. Daher hatten wir auch viele Jungmuscheln, die von den Seesternen gefressen wurden. Fürs Gefühl wäre es natürlich gut gewesen, sie wieder zurück ins Wasser zu werfen, aber dann wären sie mit dem nächsten Hochwasser wieder da gewesen, weil sie in der kalten Jahreszeit einen verlangsamten Stoffwechsel haben und sich nicht so gut festhalten können.“
Im warmen Sommer ist das anders, wenn Anne Schacht ein einzelnes Exemplar kurz auf ihrer Hand oder in einem Becherglas präsentiert. Dann können sich die Tiere so stark festsaugen, dass sie nicht so ohne Weiteres gelöst werden können - für viele Feriengäste ist das dann „sowas Nordseemäßiges“ und ein Highlight der Wattwanderung, die für viele zum Urlaub auf Sylt einfach dazugehört.
Anne Schacht geht es aber nicht nur darum, dieses Naturerlebnis zu ermöglichen. Für sie sind die Teilnehmer Multiplikatoren, die das Wissen aus dem Urlaub mit nach Hause nehmen und dort darüber berichten, dass es in der Nordsee einen Nationalpark gibt, in dem eine faszinierende Tier- und Pflanzenwelt geschützt wird. Eine besonders dankbare Zielgruppe sind dabei Schulklassen, wie Anne Schacht festgestellt hat: „Am Ende der Wanderung haben sie so viele Informationen aufgenommen und sind so begeistert von dem Thema, dass viele Biologen werden wollen.“ Armin Struve