Herr Hahn, was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Menschen im Erwerbsleben“?

Der Begriff umfasst all jene, die aktiv in der Arbeitswelt stehen oder dorthin zurückkehren möchten. Dazu zählen nicht nur die, die aktuell einer Beschäftigung nachgehen, sondern auch Arbeitssuchende, die nach einer Pause – etwa durch Elternzeit, Pflegezeiten oder auch Sabbaticals wieder einsteigen wollen. Früher war die Berufsberatung primär auf junge Menschen unter 25 Jahren fokussiert, aber der Bedarf hat sich geändert. Deshalb haben wir die Berufsberatung aufgeteilt in „vor dem Erwerbsleben“ und „im Erwerbsleben“. Dieses Konzept ermöglicht es uns, gezielter auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Altersgruppen und Berufsphasen einzugehen.
Wie hoch ist die Nachfrage nach der Berufsberatung für Menschen im Erwerbsleben? Und wie bekannt ist das Angebot überhaupt?
Die Nachfrage ist tatsächlich groß. Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass sie ein Recht auf eine Beratung haben. Daher versuchen wir auf verschiedenen Wegen, das Angebot bekannter zu machen. Neben der Arbeit in der Agentur versuchen wir auch durch Informationsveranstaltungen in Bibliotheken und Volkshochschulen mehr Menschen zu erreichen.
Mit welchen Fragen und Themen kommen Menschen am häufigsten zu Ihnen?
Ein sehr häufiges Anliegen ist Unzufriedenheit im aktuellen Job. Viele Menschen fühlen sich in ihrem Arbeitsumfeld nicht mehr wohl, können aber dieses Unverständnis nicht immer im privaten oder beruflichen Umfeld thematisieren. Dabei kann diese Unzufriedenheit oft begleitet sein von gesundheitlichen Problemen, wie etwa beginnenden Depressionen oder Erschöpfungszuständen. Deshalb halten wir den Ansatz „Ja zur Veränderung“ sehr hoch, denn Veränderungen aus eigenem Antrieb sind positiv und wir ermutigen dazu, darüber zu sprechen. Auch kommen Menschen zu uns, die krankheitsbedingt nicht mehr in ihren alten Job zurückkehren können und nach neuen Wegen suchen.
Welche Angebote bieten Sie denn für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen an?
Bei gesundheitlichen Einschränkungen bieten wir spezielle Programme wie die berufliche Rehabilitation oder die Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben. Diese sind für Menschen gedacht, die aus gesundheitlichen Gründen ihren alten Beruf nicht mehr ausüben können. Dabei arbeiten wir eng mit Reha-Beratern und medizinischen Einrichtungen zusammen, um individuelle Lösungen zu schaffen. Das setzt oft eine medizinische Reha voraus, die dann zeigt, dass ein Wiedereinstieg in den alten Beruf nicht mehr möglich ist.
Welche anderen Programme oder Hilfen gibt es für Menschen, die einfach nur unzufrieden in ihrem Job sind?
Wir bieten diverse Förderprogramme an, die auch Menschen im Beruf weitreichende Weiterbildungschancen eröffnen. Beispielsweise können Arbeitgeber Förderanträge stellen, um die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu finanzieren. Diese sogenannte Qualifizierungsoffensive bietet Flexibilität in vielen Branchen und ermöglicht es, sich beruflich weiterzuentwickeln, ohne den Arbeitsplatz wechseln zu müssen. Dieses Programm wird zunehmend in der Pflege, aber auch in vielen anderen Bereichen genutzt.
Sie erwähnten die Möglichkeit, als Rentner noch zu arbeiten. Wie unterstützt die Agentur für Arbeit dabei?
Menschen, die über das reguläre Rentenalter hinaus arbeiten wollen, sind bei uns natürlich willkommen. Sie können sich beraten lassen, welche Möglichkeiten es gibt und wir helfen den geeigneten Job zu finden. Dazu kommt, dass die Weiterbeschäftigung im Rentenalter dazu beiträgt, dass noch Beiträge in die Arbeitslosenversicherung gezahlt werden, was wiederum das finanzielle Sicherheitsnetz stärkt.
Gibt es konkrete Projekte oder Initiativen, die Sie besonders hervorheben möchten?
Besonders am Herzen liegt mir die Förderung von Beschäftigten, die eine berufliche Veränderung anstreben. Hierbei handelt es sich um Förderprogramme, die es den Menschen ermöglichen, Weiterbildungen zu absolvieren, die sowohl ihnen als auch ihren Arbeitgebern zugutekommen. Es bietet eine echte Chance zur beruflichen Neuorientierung, ohne den Arbeitgeber unbedingt wechseln zu müssen. Wir sind kontinuierlich dabei, unsere Angebote weiter zu kommunizieren. Sei es durch direkte Ansprache, Zusammenarbeit mit Unternehmen oder durch öffentliche Veranstaltungen – es ist uns wichtig, dass die Angebote bekannt sind und genutzt werden können. Dabei setzen wir auf eine Mischung aus Online-Promotions und direkter Beratung vor Ort. Es gibt auch regelmäßige Informationsupdates an Unternehmen, damit sie ihre Beschäftigten über diese Möglichkeiten informieren können.
Welche Hürden oder Vorurteile begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit am häufigsten?
Eine der größten Hürden ist sicherlich die Angst vor dem beruflichen Neuanfang oder der nächste berufliche Schritt, aus Angst vor möglichen negativen Konsequenzen. Zudem herrscht oft Skepsis darüber, ob solche Veränderungen tatsächlich möglich sind. Wir arbeiten daran, den Menschen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, dass Veränderungen der erste Schritt zu mehr Zufriedenheit und Erfüllung sein können. Die Agentur bietet vielfältige Möglichkeiten, und wir sind hier, um den Menschen zu helfen, ihre Ängste zu überwinden und den nächsten Schritt zu wagen.
Julia Voigt