"Wenn mir gerade nichts einfällt, dann gehe ich einfach in den Garten und spiele mit den Hunden", antwortet der 60-jährige auf die Frage, ob es für ihn so etwas wie eine "Komponier-Blockade“ gibt. Sein Studio hat er unter dem Dach des Einfamilienhauses in Handewitt (Kreis Schleswig-Flensburg). Schon der Treppenaufgang ist gepflastert mit Filmpostern, zum Beispiel von "Keinohrhasen" und "Der rote Baron". Ein großer Flügel, ein riesiges Mischpult, ein paar Monitore, eine Sofaecke mit Tisch und eine alte Orgel füllen das Dachzimmer aus. "Für mich ist das hier mein Lebensraum."
In der Musikerszene ist "Stevie" alias Stefan Hansen längst kein Unbekannter mehr. Schon mit 15 Jahren verdiente sich der Norddeutsche mit dem Akkordeon- und Orgelspielen auf Feiern, Vereinsversammlungen und Stadtfesten etwas dazu. "Meine erste Gage waren 50 D-Mark“, erinnert er sich. Sein Vater war es, der ihm einen Bausatz zu einer Heimorgel kauft. "Meine ganze Familie ist irgendwie musikalisch unterwegs." Bis heute bewahrt er die alten Instrumente seines Großvaters auf, darunter ein Banjo, eine Zither und ein Akkordeon. Wie es weiterging für den jungen Musiker?


"Es eskalierte irgendwie", antwortet er kurz. Stefan Hansen beherrscht mehrere Instrumente, spielte gleichzeitig in verschiedenen Bands und um Geld zu verdienen, wurde er Springer für Tanzmusikkapellen. "Ich war meist das Küken und musste von den Älteren zu Hause abgeholt werden." Die Schule absolvierte er „so nebenbei“. Mitte der 80er-Jahre ging es für "Stevie“ dann in großen Schritten mit der Tourband des deutschen Sängers Hans Hartz, der bekannten Coverband "Top Union“ sowie den Tourbands von Vicky Leandros und Tony Christie weiter. Gut 100 Gigs im Jahr standen damals im Kalender des Schleswig-Holsteiners. Als Plan B fing der Norddeutsche ein Lehramtsstudium an - was er nie zu Ende gebracht hat.
Mit gerade mal 23 Jahren wurde er Assistent von Detlef Petersen, einem Musikproduzenten und späterem Filmmusikkomponist aus Nordfriesland. "Er ist immer mein Mentor geblieben" Stefan Hansen fing Feuer und schrieb erste eigene Stücke für Film und Fernsehen. Der Unterschied zwischen Bühne und Studio? "Wenn du einen Auftritt hast, dann bist du auch immer Entertainer und musst das Publikum verstehen. Beim Film hingegen bist du ein kleiner Teil eines riesigen Projektes. Das ist kein demokratischer Prozess, weil es immer einen Regisseur oder Produzenten gibt, der am Schluss über gut oder schlecht entscheidet."
Drehbücher liest Stefan Hansen nur ungern. "Sie sind unfassbar trocken geschrieben." Ohnehin wird meist erst dann die Musik produziert, wenn der Film bereits im Kasten ist.

Wie sehen die Protagonisten aus? Welches Setting hat der Film? Wann soll überhaupt Musik eingespielt werden? Welches Gefühl soll erzeugt werden? Wie entsteht ein Spannungsbogen? Fragen, die Stefan Hansen jedes Mal aufs Neue mit den Regisseuren gemeinsam bespricht. "Filmmusik ist immer auch Manipulation und das Komponieren neben dem künstlerischen Aspekt eben auch ein Handwerk."
Der Handewitter wurde für immer größere Projekte angefragt, vor allem der Schauspieler und Filmemacher Til Schweiger wird einer seiner wichtigsten Auftraggeber werden. So arbeitete er am Soundtrack unter anderem von "Keinohrhasen", "Barfuß", "Jetzt oder nie" und bei vielen "Tatort“-Folgen mit.
Sein bis dato größter persönlicher Erfolg wird "Erbsen auf halb sechs" werden, für den er zusammen mit zwei Kollegen den Deutschen Filmpreis erhält. Wie lange er an einem Film arbeitet? "Es dauert so lange, wie es dauert." Manchmal kann das bis zu einem Jahr sein. Auch arbeiten die Filmmusiker hin und wieder "für die Tonne“, wie Stefan Hansen beispielsweise beim "Roten Baron“, einer der teuersten Filme auf seiner Liste. "Wir hatten schon fast alles fertig, da wurde der Film noch einmal komplett auf links gedreht und wir mussten über die Hälfte neu komponieren."
Der 20-Millionen-Euro-Film floppte in den Kinos. Für seine Arbeit musste Stefan Hansen früher oft reisen und zu Besprechungen häufig nach Stuttgart und München fliegen, aber auch Aufnahmen in Prag oder Warschau hat er geleitet. "Heute geht ganz viel online." Unruhige Nächte wegen eines Projektes hat Stefan Hansen schon lange nicht mehr. "Routine hilft und ich weiß, dass ich es am Ende immer gewuppt bekomme."
Zukunftssorgen macht sich Stefan Hansen trotz Digitalisierung und künstlicher Intelligenz keine. "Das nächste Jahr ist schon voll." Außerdem ist er seit einem Jahrzehnt als fester Komponist der erfolgreichen TV-Serie „Nord bei Nordwest“ (ARD) gesetzt.
"Ich bin mittlerweile alt genug, dass ich nicht mehr so reinhauen muss“, schmunzelt der Vater eines 27 Jahre alten Sohnes, der in Hannover Popularmusik studiert. Vom ersten Ton bis zur fertigen Abmischung hat Stefan Hansen die Fäden in der Hand. Ein gutes Gespür für Musik und Detailverliebtheit sind für ihn seine wichtigsten Fähigkeiten." Stefan Hansen sagt von sich selbst, dass er großes Glück gehabt hat. „Es gingen für mich immer wieder Türen auf, die ich zuerst nicht gesehen habe. Für mich ist das Komponieren nicht irgendein Beruf, es ist einfach das, was ich tue."
// Julia Voigt
Hinter den Kulissen
Die Ausbildung zum Komponisten oder Musiker ist oft zeitintensiv. Während sich klassische Musikhochschulen überwiegend auf klassische Musik und Jazz konzentrieren, gibt es nur wenige Studiengänge für Popular- und Filmmusik. Diese werden zudem meist erst als Masterstudiengang angeboten.
Als Musiker/Komponist ist man größtenteils freiberuflich und die Selbständigkeit erfordert unternehmerisches Denken und Handeln. Die wirtschaftliche Situation in diesem Beruf ist nicht planbar. Es gibt selten ein festes Einkommen und die Auftragslage kann schwanken. Der Beruf des Musikers/Komponisten kennt keine geregelten Arbeitszeiten und Rahmenbedingungen. Die Musikindustrie befindet sich seit Jahrzehnten im Umbruch, insbesondere durch die Digitalisierung mit MP3, Streaming-Diensten und die fortschreitende Entwicklung von KI-Technologien.