Hausbesitzer und Mieter in Flensburg, Glücksburg, Harrislee und Wees können aufatmen. Die Stadtwerke Flensburg wollen den Fernwärmepreis im kommenden Jahr um rund 20. Prozent senken.
Geschäftsführer Dirk Thole und sein Kollege Norbert Jensen, Abteilungsleiter Energieservices bei den Stadtwerken, erklären im Interview, warum die Entlastung bereits jetzt absehbar ist, was die Preisänderungsklausel damit zu tun hat und warum die Fernwärme immer beliebter wird.
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Flensburg - die Fernwärmehauptstadt
Die Fernwärmeversorgung in Flensburg begann im Jahr 1969 mit den ersten dezentralen Heizzentralen. Ein Jahr später wurde das zentrale Heizkraftwerk am heutigen Standort in Betrieb genommen. Die Stadtwerke Flensburg erzeugen Fernwärme in einem gekoppelten Prozess zusammen mit Strom. Das nennt sich Kraft-Wärme-Kopplung und hat den Vorteil eines sehr hohen Wirkungsgrads. Die beiden Gas- und Dampfturbinenanlagen Kessel 12 und 13 erzielen Wirkungsgrade von deutlich über 90 Prozent. Sie sind zukunftsfähig und können für den Einsatz von 100 Prozent Wasserstoff umgerüstet werden. Das im Kraftwerk erzeugte heiße Wasser liefern die Stadtwerke über ein mehr als 700 Kilometer langes Fernwärmerohrleitungsnetz zu ihren Kunden.
Herr Thole, wie viel macht die Preissenkung im nächsten Jahr für einen einzelnen Haushalt aus?
Thole: Wir nutzen für diese Vergleiche immer ein Einfamilienhaus mit 24,7 MWh und eine Wohnung mit 7 MWh Verbrauch pro Jahr. Ein Haus würde rund 900 bis 1000 Euro pro Jahr weniger bezahlen, ein Wohnungsmieter 260 bis 300 Euro.
Um rund 20 Prozent könnte der Fernwärmepreis der Stadtwerke Flensburg also im kommenden Jahr sinken. Wäre da noch mehr möglich?
Thole: Weil wir Gas- und Dampfturbinenanlagen betreiben, ist für uns insbesondere der Erdgaspreis wichtig, der aktuell bei rund 30 Euro pro Megawattstunde liegt. Anfang 2022 waren es noch 20 Euro. Der Beschaffungspreis für Erdgas ist also noch 50 Prozent höher als in den Jahren vor dem Krieg in der Ukraine und der Energiekrise. Sollte dieser weiter sinken, hat dies auch einen senkenden Effekt auf den Fernwärmepreis.


Wann wird das Erdgas für 2025 beschafft?
Thole: Wir beschaffen Erdgas kontinuierlich immer vom 1. Oktober des Vorjahres bis zum 30. September. Auf dieser Grundlage wird der Fernwärmepreis für das Folgejahr zusammengesetzt - also vom 1. Oktober 2023 bis zum 30. September 2024 für das Jahr 2025.
Warum über einen so langen Zeitraum?
Thole: Über diese zwölf Monate haben wir eine Risikodiversifizierung. Mal ist der Preis höher, mal niedriger und gleicht sich aus. So sehen wir auch unsere Verantwortung für unsere Kunden: Wir spekulieren nicht an der Börse oder am Markt. Versorgungssicherheit zu marktgerechten Preisen ist unser oberstes Ziel, deshalb beschaffen wir in dieser strukturierten Form.
Welche Rolle spielt die Preisänderungsklausel?
Thole: Die Preisänderungsklausel haben wir 2022 eingeführt. Es ist der einzige Weg, gerichtsfest einen Fernwärmepreis festzulegen. Wir haben sie damals kommunikativ nicht so optimal eingeführt, aber das Thema ist auch sehr komplex. Auf Youtube haben wir jetzt sehr schöne Erklärvideos dazu, wie eine Preisänderungsklausel funktioniert. Im Prinzip beruht die Klausel auf drei Grundrechenarten. Auch wenn sie auf den ersten Blick sehr komplex und lang aussieht: Wenn man weiß, wo die Indizes stehen, kann sich jeder die Preise leicht ausrechnen, indem er diese einfach einsetzt.
Welcher Faktor spielt neben dem Gaspreis bei der Preisänderungsklausel eine entscheidende Rolle?
Thole: Es fließt auch ein Wärme- bzw. Marktelement in die Klausel ein. Dies ist ein Index, der darstellt, wie hoch die Wärmepreise sich in Deutschland insgesamt im Durchschnitt entwickeln. Der Abschwung beim Fernwärmepreis entwickelt sich immer etwas langsamer als der Erdgaspreis an der Börse, weil er nachgelagert ist.
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Energiewende - so funktioniert sie in Flensburg
Am 1. Dezember 2022 beschloss die Ratsversammlung der Stadt Flensburg zwei Dokumente für den Weg zur Klimaneutralität. Im ersten Dokument legt die Ratsversammlung fest, dass Flensburgs Energieversorger in seiner Energieerzeugung ab 2028 nur noch maximal 50 Prozent, ab 2032 noch maximal 25 Prozent und ab 2035 0 Prozent der CO₂-Mengen von 2019 ausstoßen soll. Die Stadtwerke Flensburg ersetzen die dadurch wegfallenden Leistungen durch CO₂-freie erneuerbare Energien. Ergänzt wurde der Beschluss durch einen Zeitplan, in dem ein Maßnahmenkatalog für den Klimaschutz aufgeführt ist. Für jede Maßnahme ist ein Jahr zur Inbetriebnahme vorgesehen, in dem sie bei Erfüllung aller technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen von den Stadtwerken umzusetzen ist. Dies ist die Basis für den Transformationsplan zur Klimaneutralität, den die Stadtwerke Ende 2023 erstellt haben und der alle Maßnahmen enthält. Dieser Plan wird bei Bedarf an veränderte Rahmenbedingungen angepasst.
Das nahezu flächendeckende Fernwärmenetz erweist sich für die Flensburger im Rahmen der Energiewende als Glücksfall. Sie müssen nicht in neue Heizungsanlagen investieren, sondern die grüne Wärme kommt automatisch in die Wohnung. Die Stadtwerke verfügen mit ihrem Kraftwerk über einen großen Klima-Stellhebel für die ganze Stadt. Während in anderen Städten noch an den Grundlagen für einen Wärmeplan gearbeitet wird, haben die Stadtwerke mit ihrem zentralen Kraftwerk und mehr als 90 Prozent Fernwärmeabdeckung schon die Basis für die Transformation zur Klimaneutralität der Wärmeversorgung der ganzen Stadt geschaffen. In den nächsten elf Jahren investieren die Stadtwerke Flensburg fast eine halbe Milliarde Euro in den Umbau der Fernwärme zur Klimaneutralität.
Warum macht die Rechtsprechung das?
Thole: Wenn man dieses Wärmeelement nicht hätte, würde immer nur die eigene Erzeugungsstruktur abgebildet werden - also von uns. So kann der Kunde sicher sein, dass es sich um ein deutsches Durchschnittsniveau handelt.
Flensburg gilt als Deutschlands Fernwärmehauptstadt. In Zeiten der Energiewende blickt so manche Stadt neidisch in den Norden.
Jensen: Wir versorgen mehr als 90 Prozent aller Haushalte in Flensburg mit Fernwärme. Für die gesetzlich vorgeschriebene Umstellung zur Klimaneutralität muss sich kein Flensburger Gedanken über eine neue Heizungsanlage machen wie das in vielen anderen Städten und Gemeinden der Fall ist. Die Transformation zur grünen Wärme übernehmen die Stadtwerke Flensburg durch die Umstellung ihres Kraftwerks auf regenerative Energien.
Welche Möglichkeiten gibt es für kleinere Umlandgemeinden rund um Flensburg?
Jensen: Als Fernwärmezentrum könnten wir unsere Erzeugungsleistung benachbarten Gemeinden zur Verfügung stellen. Dazu müssten wir eine Transportleitung legen. Das ist technisch möglich und kann auch wirtschaftlich sinnvoll sein.
Mit der Fernwärme ist also viel möglich.
Jensen: Genau. In Dänemark werden Ortschaften miteinander verknüpft, die teilweise mehrere 10 Kilometer voneinander entfernt sind. Die einzige Hürde ist die Finanzierung.
Gibt es ein aktuelles Beispiel in der Region?
Jensen: Wir arbeiten gerade an einem Projekt in Niehuus. Dort gibt es etwas mehr als 50 meist ältere Häuser. Mit dänischer Unterstützung und der Bereitschaft der Bürger haben wir eine wirtschaftliche Möglichkeit gefunden, Niehuus an unser Fernwärmenetz anzuschließen. Wir standen in Konkurrenz zur Pellet-Heizung und Wärmepumpe. Das unabhängige Beratungsunternehmen GP Consult hat den Bürgern aber empfohlen, auf die Fernwärme der Stadtwerke Flensburg zu setzen - begründet wurde es unter anderem mit der Langfristigkeit und Nachhaltigkeit der Fernwärmeversorgung. // Julian Heldt
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Die Großwärmepumpe
Nachdem die Stadtwerke gerade erst den 29 Millionen Liter heißes Wasser fassenden zweiten Wärmespeicher mit Elektrodenheizkessel in Betrieb genommen haben, geht es mit der Inbetriebnahme der ersten Großwärmpumpe für das Jahr 2027 in hohem Tempo weiter. Sie wird die aktuellen Kraftwerkanlagen ergänzen und einen bedeutenden Schritt zur Reduzierung der CO₂-Emissionen beitragen. Weitere Großwärmepumpen werden folgen. Sie werden aber auch weniger hohe Temperaturen liefern als die aktuellen Anlagen, da sie nur dann einen sehr hohen Wirkungsgrad haben und entsprechend effektiv arbeiten. Das bedeutet, dass das Fernwärmewasser mit niedrigeren Temperaturen zu den Flensburger Haushalten gelangen wird. Aus diesem Grund muss die Fernwärme-Wassermenge, die durch das Leitungssystem fließt, erhöht werden, damit die gleiche Wärmemenge in den Haushalten ankommt und keiner frieren muss.
Für diese höhere Durchflussmenge sind einige Fernwärme-Leitungen nicht ausgelegt. Diese müssen erneuert werden. Darum müssen die Stadtwerke die Bautätigkeit für die neuen, größeren Leitungen erhöhen. Quasi Bauen für den Klimaschutz. Auf der Empfängerseite können auch die Kunden etwas tun und ihre Heizungsanlage so optimieren, sie ihren Wärmebedarf nicht durch einen großen Volumenstrom sondern durch eine möglichst gute Auskühlung des Fernwärmewassers decken, damit das Fernwärmewasser gut ausgekühlt zurück zum Kraftwerk fließt. Hier können sich die Stadtwerke spezielle Motivationstarife vorstellen, wie es sie in Dänemark bereits gibt.