Schließen
Um Ihre Registrierung abzuschließen, gehen Sie in Ihr E-Mail-Postfach und folgen dem Link in der Bestätigungsmail. Danach können Sie den Artikel frei lesen. E-Mail erneut senden

Mehr als Dosenbier und Lakritz:

Rund 3000 Mitarbeiter sind direkt in den Märkten des Grenzhandels tätig. FOTOS: SEBASTIAN IWERSEN

Grenzhandel bringt viele Touristen in die Region um Flensburg

Zehntausende Menschen aus Skandinavien und vor allem aus unserem Nachbarland Dänemark besuchen jedes Jahr die deutsche Seite der Grenzregion. „Die wollen nur billiges Bier und Süßigkeiten kaufen“, lautet die landläufige Meinung über die Grenzhandelskunden. Doch mittlerweile sind die Märkte mit den übergroßen Reklametafeln zu einem wichtigen Tourismus- und Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region geworden. Während andere sich über stockenden Verkehr auf dem Ochsenweg in Harrislee ärgern, strahlt Martin Ellermann über das ganze Gesicht. „Ich freue mich immer, wenn die Parkplätze der Grenzhandelsmärkte voll sind“, gibt Harrislees Bürgermeister unumwunden zu. In seiner Gemeinde befindet sich die Herzkammer des Grenzhandels. „Zehn Filialen von Grenzmärkten haben sich in Harrislee niedergelassen“, weiß Ellermann. Auch andere Kennzahlen zu der Einkaufsmeile für skandinavische Kunden hat er griffbereit. „Der Grenzhandel selbst spricht von 3000 Arbeitsplätzen direkt in den Märkten in ganz Schleswig-Holstein“, verdeutlicht der Bürgermeister die Dimension des Handelszweiges. 

Der jährliche Umsatz der Filialen entlang der Landesgrenze wird mit 800 Millionen Euro angegeben. Doch im Gegensatz zu früher kommen viele Kunden nicht mehr nur zu einer Stippvisite über die Grenze bleiben länger, als es der Einkauf erforderlich machen würde.
Diese Entwicklung bestätigt auch der Geschäftsführer der „Tourismus-Agentur Flensburger Förde“ (TAFF), Gorm Casper. „Wir haben keine genauen Zahlen über diejenigen Gäste, die wegen des Grenzhandels kommen und dann noch Flensburg oder die Region besuchen“, gibt er zu. Doch das Reiseverhalten der Kunden habe sich in den letzten Jahren gewandelt. 

„Der Einkauf ist meistens noch der zentrale Reiseanlass“, weiß Casper. Doch mit Aufwertung der Fußgängerzone und des Weihnachtsmarktes habe man eine deutliche Zunahme von skandinavischen Touristen in der Stadt beobachtet. „Da ist nachgelagert eine riesige Kaufkraft für die Region entstanden“, lobt Tourismus-Experte Casper. Denn während ihres Aufenthalts buchen die Grenzhandelskunden möglicherweise ein Hotelzimmer, lassen ihr Auto in Deutschland reparieren oder besuchen Restaurants, Ärzte und Friseure.
„Man geht davon aus, das weitere 1000 Arbeitsplätze in der Region unmittelbar von der Existenz des Grenzhandels in seiner derzeitigen Form abhängen und in anderen Branchen ein weiterer Umsatz von 400 Millionen Euro durch die Kunden des Grenzhandels erwirtschaftet wird“, gibt Harrislees Bürgermeister Martin Ellermann die von der „Interessengemeinschaft Grenzhandel“ ermittelten Zahlen wieder. In der Flensburger Nachbargemeinde Harrislee ist allein der Grenzhandel für 30 bis 40 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen verantwortlich. 

„Damit finanzieren wir ganz wesentlich die Einrichtungen der Daseinsvorsorge, wie Kindergärten, Schulen, Feuerwehr und Infrastruktur“, verdeutlicht Ellermann die Bedeutung des Grenzhandels für unsere nach seinen Worten abseits von Handel und Tourismus „strukturschwachen Region“. „Und die hohe Anzahl an Menschen aus dem Nachbarland befruchtet auch den interkulturellen Austausch zwischen beiden Ländern“, nennt er einen weiteren positiven Aspekt.
Untersuchungen in Dänemark sollen derweil gezeigt haben, das jeder Haushalt mit einem Anhänger ebenso wie jeder dänische Staatsbürger über 18 Jahren statistisch betrachtet einmal pro Jahr im Grenzhandel einkauft. Doch das diese Anzahl an Kunden und damit Umsatz und Kaufkraft auf ewig erhalten bleiben, scheint auch abseits des viel diskutierten „Dosenpfand“, das nach einer Novellierung der EU-Verpackungsrichtlinie in fünf Jahren auch auf den Grenzhandel zukommen könnte, keineswegs sicher. 

„Der Fehmarnbelttunnel“, sagt Hans Werner Petersen, „könnte dafür sorgen, dass sich die Verkehrsströme plötzlich ganz anders entwickeln“. Petersen betreibt seit 2006 den „Scandinavian Park“, der direkt im Dreieck der beiden wichtigen Transit-Achsen von Norden nach Süden (A7) und von Osten nach Westen (B199) in Handewitt beheimatet ist. Unter den Grenzhandelsmärkten nimmt der mehrere Hektar große Park eine Sonderrolle ein, denn der Supermarkt bietet ein Vollsortiment, für das Petersen auch in Deutschland Werbung macht. Zudem finden sich auf dem Gelände weitere Einzelhandelsbetriebe, Restaurants, ein Indoor-Spielpark und eine Autowaschanlage ebenso wie die größte „Tankstelle“ für Elektroautos in der Region.

„Mit der Eröffnung des Tunnels unter dem Fehmarnbelt ist für Menschen aus Kopenhagen dann Hamburg plötzlich genau so schnell zu erreichen wie Flensburg“, mahnt der Grenzhandelskaufmann. Welchen Weg die Reisenden dann einschlagen, hängt nach seiner Einschätzung maßgeblich vom Ziel der Reisenden ab. „Wer zum Beispiel nach Österreich möchte, ist mit dem Weg über Hamburg vielleicht schneller am Ziel“, gibt Petersen zu bedenken und fordert dazu auf, die Bedeutung des „Border-Trade“ für die Region nicht zu unterschätzen. „Wir müssen am Ball bleiben, denn es wird schwieriger werden als in der Vergangenheit“. Denn neben der Konkurrenzsituation zwischen den einzelnen Märkten könnten Teile der Kunden plötzlich von der Verkehrsachse um Flensburg verschwinden. „Es wird ein ganz anderer Wettbewerb entstehen“, prophezeit Petersen. Seine Auswirkungen für die Kaufkraft des Grenzhandels und die Region sind noch nicht absehbar. 

 Sebastian Iwersen

Meine Favoriten:
Alle Orte: