Konzentriert blickt Boje Hinz auf seine Finger. Geduldig friemelt er an den Fäden herum, die an einer Stange hängen. Masche für Masche arbeitet er sich vor. So entsteht langsam ein Netz. Genauer gesagt, ein Fischernetz. "Das dickere Netzgarn gefällt mir besser“, sagt er und lacht verschmitzt. "Dafür braucht man nicht so viel Fingerspitzengefühl."
Doch wenn Boje Hinz sein Ziel erreichen will, muss er auch lernen, wie man kleinere Netze knüpft. Denn der 21-Jährige ist Schüler an der Fischereischule in Osterrönfeld. Er will Fischwirt werden. Und dafür steht Netzkunde auf seinem Stundenplan.
Gemeinsam mit neun weiteren jungen Männern hat er die ersten Schulwochen seines zweiten Lehrjahres hinter sich. Mit der Fischerei beschäftigt er sich allerdings schon länger. "Mein Vater und mein Bruder sind in dem Bereich tätig", erzählt er. Auch er habe immer wieder übers Fischen nachgedacht, seitdem er mit der Schule fertig war. "Ich habe aber erstmal eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker für Nutzfahrzeuge absolviert." Keine schlechte Idee, denn das Wissen kommt ihm in der zweiten Ausbildung zugute. Wenn sein Lieblingsfach Maschinenkunde auf dem Stundenplan steht, beschäftigt sich Boje Hinz mit ähnlichen Motoren wie in seiner ersten Lehre.
Im Klassenraum gegenüber der Netz- und Maschinenhalle steht Dr. Karsten Zumholz vor den Schülern. Seit 2008 ist der studierte Fischereibiologe Lehrer an der Schule, die zum BBZ am Nord-Ostsee-Kanal gehört, unterrichtet die Fächer Nautik/Navigation und Biologie.
Kein Wunder also, dass an den Wänden verschiedene Plakate mit Fischarten hängen und auf den Tischen große Seekarten, Kursdreiecke und Zirkel liegen. In der Biologie beschäftigen wir uns nicht nur mit dem Aufbau eines Fisches, sondern auch mit ökologischen Aspekten und vor allem mit der nachhaltigen Fischerei“, erklärt der Fachgruppenleiter.
Neben den bereits genannten Fächern gehören auch Bestandsbewirtschaftung und Vermarktung sowie fachbezogenes Englisch zu den Unterrichtsinhalten. Insgesamt sind dafür sechs Lehrer an der Fischereischule beschäftigt, die momentan 26 Schüler in drei Jahrgängen unterrichten.
"Die angehenden Fischwirte lernen alle in Betrieben aus Salzwassergebieten. Die Fischereischule für die Binnenfischer aus Schleswig-Holstein ist in Hannover", erklärt Dr. Karsten Zumholz. Dabei sind die Ausbildungsbetriebe ganz unterschiedlich. Einige der jungen Männer sind auf kleinen Stellnetzkuttern unterwegs, andere wiederum fischen auf großen Seelachskuttern vor Norwegen. Doch eines haben alle gemeinsam: "Die Chefs, die Decksmänner, einige von ihnen habe ich schon unterrichtet. Alle Fischer müssen hier zur Schule gehen."
Unterricht in einer stickigen Netz- oder Maschinenhalle, statt Fischen auf dem Meer mit einer steifen Brise - für Boje Hinz aus Husum nicht immer einfach. "Natürlich wäre ich lieber auf dem Kutter“, erzählt er und meint den 16,9 Meter langen Krabbenkutter "Hartje“. „Wir haben in diesem Jahr relativ gut gefangen und ordentlich geackert.“ Sonntag bis Freitag, 18 Stunden täglich - das muss man mögen. Doch wenn Boje Hinz von seinem Beruf erzählt, merkt man schnell: Das ist mehr als nur ein Job, das ist seine Berufung.
Unterwegs ist der Nachwuchsfischer dort, wo die Krabben sind - aktuell in Büsum, sonst liegt das Schiff in Wyk auf Föhr. "Ich möchte am liebsten für immer nur Krabben fangen“, sagt der 21-Jährige. Passenderweise isst er die Delikatesse auch selbst ganz gern. "Am liebsten in einer Sahnesoße mit Kartoffeln von meiner Oma - Porrenpann heißt das Gericht." Für Boje Hinz steht fest: Wenn er mit der Ausbildung fertig ist, will er sein Kapitänspatent an der Seefahrtsschule in Cuxhaven oder Flensburg machen. Andere Seeluft schnuppern, das möchte er nicht. Seine Fischer-Heimat ist und bleibt das Wattenmeer.



Sein Mitschüler Tjark Petersen ist an der anderen Küste Schleswig-Holsteins zu Hause. Der 17-Jährige aus Maasholm fischt mit seinem Betrieb in der Ostsee, hoch bis zum Kattegat. Kaisergranat, Plattfische, Sprotte landen in den Netzen. "Mein Opa war Fischer, das hat mich schon früher sehr interessiert“, erzählt der Schüler. Als er dann ein Schiff voll mit Dorsch im Hafen gesehen hat, wusste er: Das will ich auch. Nun drückt er die Schulbank. "Ich mag am liebsten die handwerklichen Fächer wie Netz- und Maschinenkunde oder Navigation“, sagt Tjark Petersen.
Doch wenn er ganz ehrlich sein soll, ist er am liebsten auf dem Wasser. Im Januar hat er mal zwei Wochen zu Hause gefischt, ab Mai ging es hoch nach Dänemark. „Als wir vor Arkona lagen, haben wir an Bord übernachtet“, erzählt der 18-Jährige, und seine Augen. leuchten. "Wasser ist Freiheit, nirgendwo sonst sieht man so viele Sonnenauf- und -untergänge.“ Und ja, auch ein angehender Fischer wird besonders in den Anfangsjahren ab und zu auch mal seekrank, verrät er.
So wie viele seiner Klassenkameraden will auch Tjark Petersen nach der erfolgreichen Ausbildung zum Fischwirt sein. Kapitänspatent machen. Und dann? "Dann werde ich sehen, wo die Fischerei hingeht. Ich muss gucken, wo wir Quoten und Lizenzen bekommen." Doch eines steht für ihn fest: "Am liebsten fische ich zu Hause."
// Christina Köhn
Fischereischule
In der Fischereischule (Landesberufsschule für Fischwirte) werden Auszubildende aus dem Bereich "Küsten- und kleine Hochseefischerei“ unterrichtet. Die Ausbildungsbetriebe bilden das gesamte Spektrum der Nord- und Ostseefischerei aus den Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg ab.
Die Auszubildenden absolvieren in jedem Lehrjahr zehn Schulwochen im Blockunterricht (Montag bis Freitag von 8 bis 16.30 Uhr mit einer Stunde Pause), in den ersten beiden Lehrjahren aufgeteilt auf zwei Mal fünf Wochen. Während dieser Zeit können sie direkt gegenüber der Fischereischule, Grüner Kamp 13 in Osterrönfeld, im Deula-Internat mit Vollverpflegung wohnen. Mehr Informationen erhalten Interessierte bei der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein. Ansprechpartner ist Ausbildungsberater Frank Eli. Er zertifiziert die offiziellen Betriebe, vermittelt die Interessierten für ein Praktikum. Kontakt: Telefon 04331/9453434 oder E-Mail feli@lksh.de.