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Auf Tuchfühlung mit großen Pötten

Eine Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal mit dem Sportboot ist immer ein faszinierendes Erlebnis FOTO: NIKOLAUS SCHMIDT

Ein faszinierendes Erlebnis ist die Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal

Respekt fuhr von Anfang an mit. Eine wirkliche Wahl gab es nicht, um das soeben erworbene in Wedel an der Elbe liegende Segelboot nach Kiel an die Ostsee zu überführen. Zudem wäre ein Transport über Land teuer und aufwändig gewesen. Also musste es durch den NOK, den Nord-Ostsee-Kanal gehen. Da der bisherige Eigner das entspannt sah und anbot, mitzufahren, war die Entscheidung klar ausgegangen. So ging es an einem trüben, leicht nieselndem Morgen im Juli 2021 mit ablaufendem Wasser in Richtung Brunsbüttel. Meine letzte Fahrt durch den NOK – nun ja, die lag schon etwas zurück, genau genommen war sie in den 1970er Jahren. Die genaue Erinnerung daran war naturgemäß blass, aber der Eindruck, dass sie beeindruckend und einmalig schön war, war deutlich präsent. 

Gelassenheit ist eine Charaktereigenschaft, die jeder besitzen sollte, der sich auf dem Wasser bewegt. Unvorhergesehenes passiert immer und das sollte einen nicht aus der Ruhe bringen. Vor der Schleuse in Brunsbüttel überrascht mich denn auch der Vor-Eigner des Schiff es mit der Frage, wann man denn in die Schleuse einfahren dürfe und ob ich das wisse. Dabei war ich davon ausgegangen, dass ich es mit einem erfahrenen NOK-Skipper zu tun habe. Die Lösung ist schnell gefunden: Wir folgen der Herde und fahren dann, wenn alle einfahren. Inzwischen habe ich auch einen Sportküstenschiff erschein (SKS), seit dem weiß ich, blinkende weiße Lichter ohne rote oder grüne Lichter sind das Zeichen für die Erlaubnis in die Schleuse einfahren zu dürfen.

Bei unserem Schiff handelt es sich um eine Variante 65 von Dehler aus den siebziger Jahren. Länge: 6,50 Meter. Damit sind wir das kleinste Schiff in der Schleuse und finden am Ende des Stegs an Steuerbord unmittelbar vor dem elbseitigen Schleusentor noch einen Platz. Die Leinen werden auf Slip gelegt, um später problemlos ablegen zu können. Für den Schleusenvorgang begeben wir uns auf den Steg und werden dann sanft aus der Tiefe in die Höhe und damit auf den Wasserspiegel des Kanals gehoben, nachdem sich hinter uns das massive Schleusentor geschlossen hat. 

Nach der Ausfahrt aus der Brunsbütteler Schleuse öffnet sich an den Ufern des Kanals zunächst einmal eine riesige Industrielandschaft mit Kränen, runden Lagern und sämtlichen Bauten, die für ein hochindustrialisiertes Land prägend sind. Doch schon nach wenigen Kilometern wird es idyllischer, säumen Wiesen die Ufer, kreuzt die erste Fähre die größte künstliche Wasserstraße der Welt und kommt nach gemächlichem Tuckern die Eisenbahn-Hochbrücke von Hochdonn in Sicht. In Dückerswisch steht ein kleines Häuschen einsam direkt am Ufer – so dicht, dass sich einem Bewohner der Sprung in den Kanal – was natürlich verboten ist – als morgendliches Bad anböte. In der Weiche von Dückerswisch bieten Dalben die Möglichkeit des Festmachens. Sportbooten ist die Durchfahrt des Kanals nur von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang erlaubt. Für die Nacht müssen sie sich einen Liegeplatz suchen. 

Es geht weiter, immer Richtung Osten, wie auf einer Leinwand zieht die idyllische Landschaft an uns vorbei bis der nächste industrielle Ballungsraum vor dem Bug auftaucht: Rendsburg. Etwa die Hälfte ist geschafft. Es könnte aber auch gerne immer so weiter gehen. Denn, wer eine solche Fahrt für langweilig oder unattraktiv hält, der dürfte wenig übrig haben für die Natur und die Faszination, die ein solches Bauwerk, in dem sich riesige Pötte mitten durch die Landschaft ziehen, wenig übrig haben. Aber es ist eben einzigartig, dass Schiffe diesen Ausmaßes der Landschaft so nahe kommen und dass man wiederum vom Wasser aus der Landschaft so nahe ist, was sonst ja nur auf Flüssen möglich ist. Rendsburg also wird gerade passiert, in der Ferne die historische Eisenbahnhochbrücke, dieses Bauwerk der Stahlkunst – eine Bauart, die es sonst ja nur in Paris oder in den Industriebrachen des Ruhrgebietes gibt.

 An Steuerbord dann der imposante Neubau einer Megayacht, die hier in Rendsburg entsteht, um später vermutlich in Bond-Filmen mitzuwirken oder einfach nur in wärmeren Regionen ihren gestressten Eignern ein wenig Entspannung und Zerstreuung vom anstrengenden Alltag zu ermöglichen. In Rendsburg sind wir dann das erste Mal auf der Überholspur – weitestgehend fahren wir aber immer weit rechts als Sportboot mit geringem Tiefgang (im Kanal gilt grundsätzlich Rechtsfahrgebot) – und ziehen an einer anderen Segelyacht vorbei. Gleichwohl schieben auch wir uns mit knapp vier Knoten (also rund 8 km/h, erlaubt sind maximal 15 km/h im Kanal) durch die Wasserstraße. Wie erwähnt ist Ungeduld oder Eile eh der größte Feind des Seglers, denn sie führt unweigerlich früher oder später zu einem Malheur. 

Irgendwie hat eine solche Fahrt etwas Beruhigendes, Entspannendes und wegen der Abwechslung auch Anregendes. Von Zeit zu Zeit ziehen ganz gemächlich die großen Pötte an uns vorbei oder kommen uns entgegen und jedes Mal ist man beeindruckt von dieser schieren Größe, die da schwimmt. An der Fähre von Strohbrück kommen dann doch langsam heimatliche Gefühle auf – die Fähre, die ich auf dem Weg vom Wohnort auf der Südseite des Kanals nach Gettorf oder Eckerförde schon so oft benutzt habe. Von der rauen, grauen Elbe ist es nach Stunden in Richtung Ostsee gegangen, wo die Sonne am wolkenlosen Himmel steht und sich inzwischen langsam wieder dem Horizont zuneigt. Als wir die Holtenauer Schleuse gegen 20 Uhr erreichen, haben wir enormes Glück. Das Tor ist geöffnet, wir können direkt einfahren ohne lange Wartezeit, schließlich dämmert es schon. Nach über 14 Stunden Fahrt, rund 11 davon auf dem Kanal, machen wir in Mönkeberg fest. Es war eine traumhafte Fahrt, bei herrlichem Sonnenschein und mit vielen unvergesslichen Eindrücken.

Und ein klein wenig stolz ist der frische Eigner dann doch, als er mit seinem Kleinkreuzer im von nun an heimischen Hafen am Steg liegt und der erste Stegbesucher, der vorbeikommt in leicht nostalgischem Ton fragt: „Ach die gibt es auch noch, diese kleinen Schiffe – die hatte ich auch einmal. Ein schönes Boot.“ Ja, sie gibt es und auch mit ihnen lohnt sich eine Fahrt durch den NOK. Nikolaus Schmidt

INFO

Zahlen, Daten, Fakten:

► 12.000 Sportboote und 29.000 Berufsschiffe befahren jährlich den Kanal
► Bauzeit: 1886 bis 1895, 9 Jahre
► Die Fahrt durch den Kanal erspart Schiffen 250 Seemeilen Umweg um Skagen herum, wo es zudem gelegentlich auch gerne mal heftig weht
► 10 Brücken, 14 Fähren queren den Kanal
► 12 Weichen dienen als Wartezonen, damit große Schiffe einander nicht zu dicht passiern müssen
► Der Kanal ist 53,3 sm oder 98,637 km lang. Alle 500 m zeigt ein Schild die Distanz anaufsteigend von West nach Ost

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