Als eine von ganz wenigen Frauen macht Tess Sanny aus Bovenau bei Trecker-Wettkämpfen mit. Auch beruflich verbringt die 21-Jährige viel Zeit an Bord von Landmaschinen - und bekommt oft den Frust von Autofahrern ab.
Tess Sanny aus Bovenau muss aufs Gewicht achten, damit sie in der Acht-Tonnen-Frauen-Klasse starten darf. Ihr Fahrzeug ist so schwer, dass sie einige Teile abbauen muss, bevor sie beim Trecker-Treck an den Start gehen kann.
Im April dieses Jahres war die 21-Jährige erstmals bei einem solchen Wettkampf dabei – in Kleinvollstedt. Und sie ist auf den Geschmack gekommen. Künftig wird sie mit ihrem 200 PS starken Fendt 820 häufiger bei den Wettkämpfen zu sehen sein. Beim Trecker-Treck geht es darum, einen sogenannten Bremswagen möglichst weit zu ziehen. Die Schwierigkeit: Je weiter man fährt, desto tiefer bohrt sich der Bremswagen in den Boden.


Während bei den Männern Hunderte Teilnehmer an den Start gehen, ist es bei den Frauen übersichtlicher. Mit elf anderen Teilnehmerinnen konnte sich Tess Sanny in Klein Vollstedt messen. „Frauen sind absolut in der Minderheit“, berichtet sie. Daher gibt es für sie auch nur eine Startkategorie: die Acht-Tonnen-Frauen-Klasse.
Tess Sanny sitzt auch beruflich hinter dem Steuer ihres Treckers. In der Hauptsaison täglich. Die 21-Jährige arbeitet auf dem Milchviehbetrieb Eidermilch in Bovenau. Geleitet wird der Hof von ihrem Vater Henning Ströh. Tess Sanny kümmert sich vor allem um die Gesundheit der Kühe, studiert nebenbei noch Agrarwissenschaft an der Kieler Uni. Doch wenn Gülle gefahren werden muss oder die Maisernte ansteht, setzt sie sich auch mal stundenlang auf den Trecker – und hat Spaß dabei: „Ich bin nicht der große Maschinenfreak. Aber auf einem dicken Trecker sitzen, ist geil.“
Landwirtschaft bezeichnet sie als „24/7-Beruf“. Ihre Erkenntnis: „Da muss man den Beruf zum Hobby machen. Sonst hast du keine Hobbys. Du musst das leben.“ Als Zuschauerin war die 21-Jährige schon oft beim Trecker-Treck. Selbst anzutreten – „das war ein Saufgedanke”, sagt Tess Sanny und lacht. Beraten ließ sie sich bei ihrem ersten Start von einem ExEidermilch-Lehrling. Er durfte während des Wettkampfes mit an Bord, um Tipps zu geben. Am Ende reichte es trotzdem nur für einen der hinteren Plätze. Doch der Ehrgeiz der 21-Jährigen ist geweckt: Nächstes Mal will sie besser abschneiden. Die Platzierung steht aber nicht allein im Vordergrund, sagt sie. Bei den Trecks gehe es darum, gemeinsam Party zu machen.
Im Alltag ist Treckerfahren aber nicht immer spaßig. Gerade auf der Straße gibt es immer wieder brenzlige Situationen. „Man muss wahnsinnig aufpassen”, so Tess Sanny. Viele Autofahrer überholen nach ihren Erfahrungen an den unmöglichsten Stellen und unterschätzen die Größe eines Treckergespanns. Daher müsse man am Treckersteuer stets die Fehler der anderen Verkehrsteilnehmer vorausahnen, um Unfälle zu verhindern.
Auf der Straße müssen Treckerfahrer also extrem wachsam sein. Bei der Arbeit auf dem Feld dagegen nimmt die Technik dem Menschen mittlerweile viele Aufgaben ab. Die meisten Trecker steuern heutzutage selbstständig per GPS über den Acker, erklärt Tess Sanny. Außerdem erkennt die Maschine automatisch, an welchen Stellen bereits gedüngt oder eingesät wurde.
Schmälern diese technischen Hilfen nicht die Freude am Treckerfahren? Nein, stellt Tess Sanny klar. Sie ist froh, dadurch Kraft und Konzentration für die Rückfahrt auf der Straße sparen zu können. Nerven kosten hier nämlich auch immer wieder Diskussionen mit genervten Autofahrern, die keine Zeit hinter den großen Landmaschinen verlieren wollen. Einige hätten sie sogar schon angehalten, um ihren Frust rauszulassen. Doch das nimmt die 21-Jährige in Kauf, um ihren Traumjob ausüben zu können. Aljoscha Leptin
INFO
700 Milchkühe sind auf dem Betrieb Eidermilch in Bovenau zu Hause. Der Hof hat eine Kooperation mit einem Ackerbauern aus Sehestedt, auf dessen Flächen zusätzliches Futter für die Tiere produziert wird.