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"Viele Kunden brauchen keine eigene Wärmepumpe“

Stadtwerke-SH-Chef Bernd Reichelt vor einem Schleswig-Holstein-Bild des Künstlers Franco Costa. Das Bild passt in die Zeit: Die einzigen Industrieanlagen, denen er mit seinem Werk ein Denkmal setzte, sind Windkrafträder. FOTO: MARCUS DEWANGER

Interview mit Stadtwerke-SH-Chef Bernd Reichelt

Stadtwerke-Geschäftsführer Bernd Reichelt über regenerative Energien, die Sorgen der Kunden und neue Nahwärmenetze in bestehenden Quartieren

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen Gebäude künftig überwiegend mit Strom aus regenerativen Energien versorgt werden. Der Gesetzentwurf dazu ist umstritten und wurde kürzlich entschärft. Dennoch ist die Sorge der Kunden groß, dass sie künftig bei der Strom- und Wärmeversorgung weitestgehend auf sich allein gestellt sind. Stadtwerke-SH-Chef Bernd Reichelt will ihnen die Sorge nehmen. Das Unternehmen arbeitet daran, künftig auch Alt-Quartiere mit Energie aus regenerativen Quellen zu versorgen.

Herr Reichelt, wir haben in Deutschland jahrzehntelang sehr gut davon gelebt, dass Atomkraftwerke günstigen Strom produzierten und Gas in rauen Mengen aus Russland kam. Beides ist Vergangenheit. Wie schätzen Sie aktuell die Lage ein?

Die Menschen sind verunsichert. Und das hängt nicht allein mit den aktuellen Krisen zusammen. Wir haben in Deutschland das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden. Das löst eine ganze Fülle an Gesetzesvorhaben aus. Mit dem Kriegsausbruch hat das eine andere Wendung bekommen, die vermutlich niemand vorausgesehen hat: Wir wollten den Ausstieg aus den fossilen Energieträgern erreichen, aber jetzt müssen wir erst einmal unsere Versorgung damit sichern, zum Beispiel über LNG. Damit waren wir aber ziemlich erfolgreich.

Heißt das, dass von einem drohenden Gasnotstand nicht mehr die Rede sein kann?

Es gab 2022 Momente, in denen wir uns ernsthaft gefragt haben, ob die Versorgung mit Erdgas gefährdet ist und ob deswegen Unternehmen die Produktion einstellen müssen. An solche Momente kann ich mich selbst in Zeiten des Kalten Krieges nicht erinnern. Es ist aber auch festzustellen, dass Wirtschaft und Politik in der Not zusammengerückt sind. Hier wurde gemeinsam Großes geleistet, um die Versorgung zu sichern, aber auch um die Versorgungsunternehmen selbst zu sichern. Das bedeutet nicht, dass wir über den Berg sind. Niemand weiß, wie streng der kommende Winter sein wird. Allerdings kann man auch feststellen, dass die Gasspeicher aktuell voller sind als vor einem Jahr. Die Antwort auf Ihre Frage lautet: Die Gefahr eines Gasnotstandes ist nicht gebannt, aber sie ist deutlich geringer geworden.

In einem Interview zu Ihrer Amtseinführung haben Sie davon gesprochen, dass eine kommunale Wärmeplanung ganz oben auf Ihrer Agenda steht. Was meinen Sie konkret?

Das ist zumindest in anderen Bundesländern gar nicht neu. In Baden-Württemberg ist es sogar schon Landesgesetz, dass jede Kommune eine Wärmeplanung machen muss, die nicht auf fossilen Brennstoffen beruht. Jetzt will ja auch die Bundesregierung dies in ihren Entwurf für das neue Gebäudeenergiegesetz einarbeiten. Die kommunale Wärmeplanung startet in der Regel mit einer Datenerfassung. Da geht es um jedes Gebäude und wie es versorgt wird. Und dann befassen wir uns mit der Frage, wie man etwa mit Geothermie, Wärmepumpen und Strom aus regenerativen Quellen die Wärmewende hinbekommen kann.

Die Stadtwerke-SH haben drei Unternehmensstandorte. Auf diesem Foto ist die Zentrale in Rendsburg zu sehen. FOTO: MARCUS DEWANGER
Die Stadtwerke-SH haben drei Unternehmensstandorte. Auf diesem Foto ist die Zentrale in Rendsburg zu sehen. FOTO: MARCUS DEWANGER

Die Debatte um die Energiewende hat bei einigen Kunden die Sorge ausgelöst, dass sie sich künftig selbst um ihre Energieversorgung kümmern müssen. Plötzlich interessieren sich sehr viele Menschen für Wärmepumpen und sind schockiert, welche Kosten auf sie zukämen. Können Sie den Menschen helfen?

Selbstverständlich können wir das. Wir haben erst in diesen Tagen mit dem Aufsichtsrat besprochen, dass wir proaktiv auf die Kunden zugehen werden. Die Stadtwerke sind dazu da, auch für die Energieversorgung der Zukunft Angebote zu machen. Mich stört an dieser bundesweit geführten Debatte, dass sie von der falschen Seite angefangen wurde. Alle reden von Wärmepumpen, aber die Voraussetzungen dafür sind gar nicht geschaffen. Das vorhandene Stromnetz würde das gar nicht schultern können, wenn jeder eine Wärmepumpe hätte. Wir müssen erreichen, dass das Stromnetz deutlich höhere Lasten verträgt. Und es ist auch unsere Aufgabe als Stadtwerke, uns hier kräftig einzubringen. Ich halte das für alternativlos. Denn unser Geschäftsmodell, das Jahrzehnte auf fossilen Brennstoffen beruhte, ist endlich.

Was bedeutet das in der Konsequenz?

Das bedeutet, dass der Ausbau der Netze die Basis von allem ist. Nur dann kann man im zweiten Schritt überlegen, ob der Haushalt, der heute über eine Gas- oder Ölheizung verfügt, auf eine andere Versorgung umsteigt. Aber das heißt dann immer noch nicht, dass der Kunde das selbst in die Hand nehmen muss. Es wäre ja genauso gut möglich, dass sich der Kunde dafür entscheidet, an ein Nahwärmenetz angeschlossen zu werden.

Die Debatte um Wärmepumpen erweckt bisweilen den Eindruck, als gäbe es gar keine Alternative, was insbesondere den Eigentümern von Häusern in den Innenstädten mit altem und oft schlecht isoliertem Gebäudebestand große Sorgen bereitet. Können Sie denen das Angebot machen, sich für Nahwärme von den Stadtwerken zu entscheiden?

Da muss die Antwort ganz klar lauten: Ja. Wir müssen Lösungen nicht nur für Neubaugebiete entwickeln, was wir ja jetzt schon machen, sondern auch für die gewachsenen alten Quartiere. Die Wärmeversorgung dieser alten Quartiere ist das Geschäftsmodell der Zukunft für uns. Es löst bei uns die klassische Erdgasversorgung ab. Viele Kunden brauchen gar keine eigene Wärmepumpe. Was die Kunden, aber auch wir als Versorger brauchen, sind gemeinschaftliche Lösungen.

Robert Habecks Wirtschaftsministerium hat ein neues Gebäudeenergiegesetz vorgelegt. Im ersten Entwurf war enthalten, dass ab 2024 neue Heizungen zu 65 Prozent mit Energie aus regenerativen Quellen betrieben werden müssen. Wie schnell können Sie Ihre Vision einer quartiersbezogenen Nahwärmeversorgung umsetzen?

Wir sind mittendrin. Aber man muss ja auch sagen, dass der Gesetzentwurf noch nachgeschliffen wurde, gerade im Hinblick auf die Fristen. Es wackelte da zwischen Wunsch und Realität. Grundsätzlich hat der Gesetzentwurf ja eine positive Komponente. Es zahlt auf das Ziel ein, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral wird.

Bernd Reichelt zur Energieversorgung der Zukunft: „Wir müssen Lösungen nicht nur für Neubaugebiete entwickeln, was wir ja jetzt schon machen, sondern auch für die gewachsenen alten Quartiere.“ FOTO: MARCUS DEWANGER
Bernd Reichelt zur Energieversorgung der Zukunft: „Wir müssen Lösungen nicht nur für Neubaugebiete entwickeln, was wir ja jetzt schon machen, sondern auch für die gewachsenen alten Quartiere.“ FOTO: MARCUS DEWANGER

Im dänischen Esbjerg entsteht derzeit das größte Wärmepumpen-Kraftwerk der Welt, das Energie aus Meerwasser generiert. Wäre ein solches Kraftwerk für Sie ebenfalls ein Geschäftsmodell?

Ich finde das klasse. Da gibt es aber noch viel Forschungsbedarf. Ich bin ein starker Befürworter von Projekten dieser Art. In einem großen Umfang diese Umweltenergie zu nutzen, ist nicht nur richtig, sondern notwendig. Die Kernstädte im Versorgungsgebiet der Stadtwerke SH liegen allesamt am Wasser: Rendsburg an NOK und Eider, Eckernförde an der Ostsee, Schleswig an der Schlei. Und da sind wir wieder bei der Quartiersversorgung. Eine Wärmepumpe für einzelne Häuser können sie realisieren auch vor dem Hintergrund der Stabilität des Stromnetzes, aber eben nicht für ein ganzes Quartier. Da müssen wir in größeren Lösungen denken. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Esbjerg-Prinzip ebenfalls in den Fokus nehmen.

Sie haben ein Unternehmen übernommen, das als innovativ gilt. Wo würden Sie die Stadtwerke SH auf der rein fiktiven „Richterskala“ der innovativsten Versorgungsunternehmen einsortieren?

Wenn die Skala bis zehn reicht, dann auf jeden Fall mindestens bei einer 9plus. Mit diesem Aspekt habe ich mich auch schon befasst bei den Auswahlgesprächen im vergangenen Jahr, als es um die Nachfolge von Wolfgang Schoofs ging. Ich wurde damals gefragt, warum ich gern zu den Stadtwerken SH möchte. Die Innovationskraft des Unternehmens war für mich ein wichtiger Grund. Drei Beispiele: In Schleswig wurde die kalte Nahwärme etabliert, in Eckernförde die Kraft-Wärme-Kopplung forciert, und Rendsburg war bei der Glasfaserversorgung sehr früh dabei. Mir war es eine Freude, in sowas einzusteigen.

Und wie sind Sie als Geschäftsführer aufgenommen worden?

Herzlich, und zwar nicht nur bei den Stadtwerken SH, sondern bei allen Firmen und Betriebszweigen, die dazugehören. Das Gesamtunternehmen ist sehr komplex. Es gibt die Stadtwerke, die Umweltdienste in Schleswig, den UTH in Rendsburg, die Abwasserentsorgung, den Bäderbetrieb, die Häfen und die Wohnmobilstellplätze. Hinzu kommt: Meine Familie und ich haben auch unseren Lebensmittelpunkt in den Norden verlegt. Ich kann sagen: Auch rein privat empfinde ich diese Region als extrem freundlich. Dirk Jennert

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