Ultraleichtflugzeuge wurden entwickelt, um mehr Menschen den Traum vom Fliegen zu ermöglichen. In Rendsburg-Schachtholm starten und landen sie – dort befindet sich die „UL-Flugschule-Rendsburg“ von Joachim Stühmer. Einblicke in ein luftiges Hobby mit Ausblick.
Torsten Grevsmühl war schon allein in der Luft – ohne Lehrer. Bei den sogenannten Platzrunden über Rendsburg-Schachtholm schraubt sich der vom 58-Jährigen gesteuerte Flieger 650 Fuß hoch, knapp 200 Meter. Von dort reicht der Blick bis zur Eisenbahnhochbrücke – doch dafür hat der Elektroingenieur aus Neumünster in diesem Moment kaum Zeit. Der Flugschüler muss die Instrumente im Cockpit im Blick behalten, und er darf den Sichtkontakt zum Flugplatz südwestlich von Rendsburg nicht verlieren. Dort steht Joachim Stühmer (63), Chef der „UL-Flugschule-Rendsburg“, und behält seinen Schüler fest im Blick.

Auf den Platzrunden sammeln die Flugschüler praktische Erfahrung. Starten, landen, starten – immer wieder, bis jeder Handgriff sitzt. Vollgas auf der Startbahn, der Flieger beschleunigt, das Leichtgewicht der Lüfte hebt ab. Die Erde wird kleiner, die Wolken rücken näher.
Stühmer und seine Schüler vertrauen auf UL-Flieger vom Typ Ikarus C42. Die Zweisitzer werden von einem bis zu 120 PS starken Motor angetrieben und erreichen eine Reisegeschwindigkeit von 150 Kilometer pro Stunde. Eine Tankfüllung reicht für 650 Kilometer, 65 Liter Super, wie für Autos. Ein Mini-Flieger wiegt im Gegensatz zu einem klassischen Motorflugzeug etwa die Hälfte. Mit einem Leergewicht von 290 Kilogramm ist er so leicht, dass er sich von nur einer Person aus der Halle schieben lässt.
Mit jeder Platzrunde, jedem Schulungsflug und jeder Theoriestunde kommt Grevsmühl dem Ultraleicht-Flugschein ein Stück näher. In diesem Sommer will er es schaffen. „Es macht unheimlich viel Spaß“, erzählt der 58-jährige Elektroingenieur und passionierte Segler aus Neumünster. „Für mich ist das ein neues Hobby.“ Beim Fliegen könne er Schleswig-Holstein „aus einer ganz anderen Perspektive erleben. Es rückt alles zusammen“.

Weiterer Vorteil: UL-Fliegen ist vergleichsweise erschwinglich. „Es ist die günstigste Form, motorbetrieben in die Luft zu kommen“, bestätigt Stühmer, der auf die Erfahrung von mehr als 2500 Flugstunden zurückblickt. 200 Stunden kommen jährlich hinzu. Drei bis fünf Schüler pro Jahr durchlaufen bei ihm die Ausbildung. Der älteste war 72 Jahre alt. „Viele haben im Leben alles erreicht und wollen sich jetzt ihren Kindheitstraum erfüllen.“
Bei ihm selbst wurde die Flugleidenschaft früh über den Modellbau entfacht. Als junger Mann stieg Stühmer in Segelflieger, bevor sich die Prioritäten in Richtung Familie und Beruf verschoben. Als wieder mehr Zeit für Hobbys blieb, absolvierte der Mann aus Schwentinental seinen Pilotenschein. 2007 eröffnete er die Flugschule unmittelbar am Kanal. Inzwischen ist Stühmer im Ruhestand und würde eigentlich gerne kürzertreten. Doch der Fachkräftemangel macht auch vor der Fliegerei nicht Halt. „Es fehlen Fluglehrer“, berichtet der Firmenleiter.
Flugschüler Grevsmühl profitiert von einem anderen Hobby, das er seit Jahrzehnten ausübt: Segeln. Einige Kenntnisse vom Wasser sind auch in der Luft nützlich – der Blick für das Wetter, die Wolken, den Wind. „Darauf kann man gut aufbauen“, sagt Grevsmühl. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Jeder Fehler im Flug kann verhängnisvoll enden. Die Demut vor der Natur ist erste Pilotenpflicht. In der Atmosphäre kann sich alles schnell ändern. Exaktes Arbeiten ist Grundlage, höchste Konzentration unabdingbar. Vor allem bei der Landung. Sie ist für Grevsmühl der schwierigste Teil eines jeden Flugs. „Da muss man voll bei der Sache sein.“
Ein Manöver wird nie in der Praxis geübt – der Notfallschirm. Er ist die letzte Option. Eine Rakete zieht den Fallschirm aus einer schwarzen Tasche hinter dem Piloten, der Schirm entfaltet sich, die gesamte Maschine sinkt daran zu Boden. Jeder UL-Flieger hofft, diesen Moment nie am eigenen Leib zu erleben. Stühmer: „Der Mensch hat Grenzen, und das Flugzeug hat sie auch. Beide müssen immer geachtet werden.“ Frank Höfer
INFO
Mit diesen Kosten müssen Flugschüler rechnen
Im theoretischen Teil der Schulung (65 Stunden) werden Luftrecht, Meteorologie, Navigation, Technik, Aerodynamik und weitere Grundlagen vermittelt. Der praktische Teil (30 Stunden) umfasst unter anderem 40 Starts und Landungen sowie zwei Überlandflüge von mehr als 200 Kilometern mit Fluglehrer und Zwischenlandung. Pro Flugstunde ist mit Kosten von 165 Euro zu rechnen. Je älter der Schüler, desto länger gewöhnlich die Ausbildung. Eine Faustregel lautet: Pro Jahr Lebensalter kommt eine Flugstunde zusammen. Die durchschnittlichen Gesamtkosten pro Flugschein belaufen sich auf rund 7000 Euro.