Diese so dunkle Zeit um Weihnachten war früher von Geheimnissen und Aberglauben geprägt. „Die Tage zwischen Weihnachten und den Heiligen drei Königen nannte man früher „die Zwölften“. Besonders hier im Norden wurde sie durch Märchen, Götter, Rituale und Dämonen geprägt“, sagt Gerd Vahder, Vorsitzender der Hans-Momsen-Gesellschaft.
Er hat sich damit eingehend beschäftigt. Diese Tage und Nächte, die auch Raunächte genannt werden, stünden für eine Zeit, die es an sich gar nicht gibt. Denn bei der Umstellung vom Mondauf den Sonnenkalender entstand genau für diesen Rest des Jahres eine Art Zeitlücke - die Tage zwischen den Jahren. In dieser „Niemalszeit“ ist laut alter Überlieferunge alles Übersinnliche seltsam nah, treiben mystische Wesen ihr Unwesen oder bringen auch mal gute Botschaften. In jedem Fall sollten sich die Menschen - wie auch die Natur - in dieser Zeit ausruhen, neue Energie schöpfen, Rück- und Vorschau halten und sich auf das Wesentliche besinnen - was auch zum Weihnachtsgedanken passt.

„Im Nordfriesland zur Zeit von Hans Momsen glaubte man, dass Götter und Dämonen in diesen Tagen das Zeitrad anhalten würden. Daher sollten auch alle anderen Räder ruhen, es durfte nicht gearbeitet, nicht mal Wäsche gewaschen werden, alle Räder und Spinnräder mussten still stehen“, erklärt Gerd Vahder. Von alledem wollte Hans Momsen (1735 - 1811) jedoch nichts wissen. Er war ein Kind der Aufklärung, mit einem starken Drang nach Freiheit des Geistes, bestärkt in dieser Haltung durch die Französische Revolution von 1789.
Hans Momsen war zunächst dem evangelischen Christentum verbunden. Kirchliche Dogmen und Aberglauben der damaligen Zeit hat der Vernunftmensch aber ebenso abgelehnt wie kirchliche Feiern an Sonn- und Feiertagen,. „Also auch zu Weihnachten“, erläutert Gerd Vahder. „Er war daher ein seltener Gast in der Laurentius-Kirche, die bis heute direkt neben seinem Wohnhaus steht.“ Und dennoch: „Momsen war zwar kein treuer Anhänger der damaligen Kirche, aber ein Christ nicht nur in Worten, sondern im ganzen Leben“, so zitiert der Momsenkenner aus „Blättern der Erinnerung an den Mathematiker und Mechaniker Hans Momsen aus Fahretoft in Nordfriesland“ von Ingwer Petersen aus Bredstedt.
„Vor diesem Hintergrund wird Momsen das Weihnachtsfest, auf seine eigene Art und Weise ge- und erlebt haben“, sagt Gerd Vahder. Die Weihnachtsandacht in der Kirche wird er vernommen haben, vermutet Vahder. Einen Weihnachtsbaum dürfte es auf der Gabrielswarft - wie sonst auch damals im nördlichen Nordfriesland – wohl nicht gegeben haben, zumal es erste Hinweise auf einen Christbaum in Norddeutschland gibt erst für das Jahr 1796 gab. Der Grund dafür ist simpel: Auf den Inseln und an der Küste gab es keine Wälder. -
Als Ersatz gab es eine Art Weihnachtsgestell aus Holz, den so genannten Jülebuum, der mit Buchsbaum umwickelt und mit Kinkentüch, dem Friesengebäck aus Salzteig und den vier Adventskerzen geschmückt wurde. Ob es einen solchen Jülebuum als Vorläufer des Tannenbaums auch im Haus von Momsen gegeben hat, muss offen bleiben.
„Damals war alles, auch das Weihnachtsfest und die Geschenke sehr viel bescheidener, das wird besonders für den Lebensstil von Hans Momsen gegolten haben“, meint Gerd Vahder. Jeder Tag gehörte von früh morgens an der Wissenschaft. Hans Momsen stand zu jeder Jahreszeit zwischen 4 und 5 Uhr auf. „Erst am Abend beschloss er seinen tätigen Tag“, berichtet Gerd Vahder. „Er war kein Freund von Leckereien und Unmäßigkeit.“ Eine gewisse Geselligkeit sei aber doch zu vermuten: Zu Weihnachten könnte es durchaus einmal, vor allem durch den Einfluss seiner Frau, ein etwas üppigeres Mahl gegeben haben.
Diese Vorstellung der häuslichen Szenerie in der Weihnachtszeit passt vielleicht: Momsen sei ein Mensch mit einem tiefen Gemüt gewesen. „Er liebte die Harmonie und Musik, er baute sogar eine Orgel für die Kirche und schmolz bei sanften Klängen dahin“, ergänzt Gerd Vahder.
„Er liebte seine Familie.“ Mit seinen Kindern dürfte er zu Weihnachten und in den Tagen darauf selbst gefertigte Spiele gespielt und auch aus seinen vielen Büchern vorgelesen haben - ganz so wie es viele Eltern bis heute in unserer Zeit tun. // Arndt Prenzel