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Das Gospel-Missverständnis

FOTO: STOCK.ADOBE.COM

Weihnachtsmusik verzaubert - doch nicht immer wie erhofft

Vor etwa drei Jahrzehnten wurde meine Liebe zur Weihnachtsmusik auf eine harte Probe gestellt. Mit meiner damaligen Freundin, die heute schon längst angetraute Ehegattin ist, spazierte ich am 24. Dezember vormittags durch die festlich geschmückte Einkaufsstraße unserer geschätzten Landeshauptstadt - damals unser Wohnort. Letzte Besorgungen machen für ein trautes Fest zu zweit. Eigene Kinder gab es noch nicht, und die Eltern ließen wir in diesem Jahr auch einmal allein.

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Im Guckkasten einer Kirche bemerkten wir ein kleines Plakat: „Gospelkonzert, heute, null Uhr.“ Mal was anderes, fanden wir und planten den Abend neu. Nach Bescherung und Weihnachtsschmaus ein erfrischender Spaziergang durch die kühle Nacht und ein stimmungsvoller musikalischer Ausklang, so unsere Idee. Gospel fanden wir super.

Ich war zwar kein Experte, aber das, was ich kannte, klang für mich sehr erbaulich. Soulige Klänge statt Stille Nacht. Ich erwartete einen James-Brown-artigen Prediger, so wie man ihn aus dem Blues-Brothers-Film kannte, Aretha-Franklin-mäßige Solistinnen und eine Lebensfreude wie in Harlem, mit Tanz, Rhythmus und euphorischer Stimmung. Die coolen Jungs und Mädels bitten zum Gottesdienst - „Praise the Lord!“

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Kurz vor Mitternacht betraten wir das Gotteshaus. Wir wurden stutzig, der karge Raum sah nicht nach übermäßig heißer Stimmung aus. Abwarten, beruhigte ich, selbst wenn es nichts für uns sein sollte, zu so später Stunde würde es nicht allzu lange dauern.

Es gab bereits vereinzelt Zuschauer. Der Chor kam. Es handelte sich um etwa 20 honorige Damen - kein James, keine Aretha. Man begann, aus vollem Herzen und mit nicht immer sicheren Stimmen ein ausuferndes Repertoire zum Besten zu geben. Die Vortragsweise war zurückhaltend-norddeutsch. Das einzige englische Lied im Programm war das unvermeidliche„Jingle Bells“, ansonsten: deutsche Klassiker. Kein Gospel. Ich lugte zur Freundin. Diese saß wie schockgefrostet neben mir, und ich meinte, etwas Ungläubiges, Fassungsloses in ihrem Pokerface zu erkennen. Vorsichtig schaute ich nach rechts. Dort hatten es sich in unserer Kirchenbank etwa zehn ältere Herrschaften gemütlich gemacht, manche mit geschlossenen Augen. Sie genossen wohl selig die Musik - oder hörte ich da ein leises Schnarchen? Jedenfalls war klar: Aus der Nummer kamen wir nicht raus, ohne für peinliches Aufsehen zu sorgen.

Das Konzert nahm seinen Lauf, es wurde später und später. Die Kirchturmuhr schlug bereits zweimal. Der Chor gab weiterhin alles, allerdings waren die Stimmen nach wiederholtem Hallelujah zunehmend mitgenommen - verständlich. Dann doch, nach weit über zwei Stunden, war ein Ende in Sicht: Die kleine Zuhörerschaft erwachte aus ihrer kollektiven Trance und gab artig Applaus. Welch ein fataler Fehler, wurde dies doch vom Chorleiter prompt missgedeutet: Der noch immer motivierte Chor erschien aufs Neue und ließ es sich nicht nehmen, einen ausgiebigen Zugabenblock anzuhängen, an dessen Ende die Gesichter der Lauschenden seltsam grau und ausdruckslos aussahen. Dann war es vorbei. Kaum jemand hatte noch genügend Kraft oder Mut zu klatschen. Wir waren erlöst, schleppten uns nach Hause. Es hatte sich ausgegospelt.

Ich muss noch einmal Abbitte leisten und klarstellen, dass ich mich hier keinesfalls über Chöre lustig machen will. Ich selbst konnte noch nie singen, und in der Kirche wage ich auch nur eine Art Playback. Deshalb beneide ich insgeheim alle Hobbysänger, die nur halbwegs einen Ton halten können. Es war damals vor allem die Gesamtsituation: erst die falsche Fährte (Gospel), dann der lange, sehr lange Abend.

Übrigens hat es sich seitdem noch nicht wieder ergeben, einen weiteren Gospelkonzert-Besuch-Versuch zu unternehmen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Praise the Lord! //Matthias Schlicht


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