Felix-Rüdiger Giebler hat viel erlebt. Davon legt schon ein Blick in sein Arbeitszimmer beredtes Zeugnis ab. Doch obgleich er Professor und keine 20 mehr ist, wirkt der Mediziner alles andere als zerstreut, scheint sich durch die Sedimente aus Fachbüchern und Notizen auf seinem Schreibtisch mühelos hindurch zu finden. „Es ist wichtig, alles zu wissen, um sich im Einzelfall eine Meinung bilden zu können“, sagt der Facharzt für Chirurgie und Leiter der Vincemus-Klinik für plastische Chirurgie in Friedrichstadt.
„Es gibt viele Meinungen und Wahrheiten“, fährt Giebler (Jahrgang 1940) fort und macht auch ohne große Worte deutlich, dass er nicht zu denen gehört, die am Zweifel zweifeln. Dabei ist er kurioserweise den umgekehrten Weg gegangen, den der Namensgeber seiner Schule in Berlin, Friedrich Paulsen, eingeschlagen hat. Während der Philosoph, im nordfriesischen Langenhorn geboren, später nach Berlin zog, verschlug es Giebler während der Krieges nach Norddeutschland.
Sein Vater, Chemiker und Mitarbeiter von Wernher von Braun, aber kein Freund der Nationalsozialisten, wird nach dem Krieg die Leitung des Bundesgesundheitsamtes übernehmen. Giebler-Senior, ein Mann mit Blick für das große Ganze. „hat uns schon Mitte der 1950er-Jahre ermahnt, behutsam mit Trinkwasser umzugehen“, erinnert sich Giebler. Die Mutter war Lektorin im Berliner Dietrich-Reimer Verlag und machte von sich reden, als sie in einer Simultan-Partie den damaligen Schachweltmeister bezwang. Felix- Rüdiger Giebler entschied sich nach dem Abitur für ein Studium der Medizin. Doch zuvor – noch während der Schulzeit – erfuhr er durch seinen Zeichenlehrer, einen Freund der Familie, eine akademische Grundausbildung im Malen. Tatsächlich ist der Professor seit damals ein großer Freund der Kunst sowie vieler zeitgenössischer Künstler wie Dieter Joachim Jessel, Diether Kressel oder Manfred Sihle-Wissel. In seinem Studium erwies sich Giebler als so vielseitig wie mutig. Assistenzarzt, Doktor-Arbeit, all das ließ nicht lange auf sich warten.
In Gieblers Jugend fuhren die Eltern oft nach Holland an die Nordsee. Später kaufte er selbst ein Haus im deutschen Holländer-Städtchen Friedrichstadt. Die 17-stündige Prüfung zum Examen endete mit einer glatten Eins. Und um seine Kenntnisse in der Chirurgie zu vervollständigen, mache Giebler seine Promotion in der Gerichtsmedizin.
Da war er bereits Medizinalassistent in einer Berliner Klinik, die er hätte übernehmen können. Doch dann steckte ihn ein Patient mit Hepatitis an. Annähernd ein Dreivierteljahr verbrachte er in fast vollständiger Isolation. Zu dieser Zeit hatten seine Frau, eine Medizinisch-Technische-Assistentin, und er bereits zwei Kinder und ich in der Reha viel Zeit zum Nachdenken und Studieren medizinischer Fachliteratur“. Am Ende stand die Entscheidung, kürzer zu treten und eine Stelle in Heide anzunehmen.
Dort operierte er einige Zeit später, nach Rücksprache mit seinem Chef einen Mann, der an einem handballgroßen Tumor litt. „Wir mussten sowohl Thorax als auch Bauchdecke öffnen“, so Giebler. Für den Eingriff bekam er freie Hand, obgleich der Erfolg mehr als fraglich war.
Jahre später klopfte ihm der Mann in einem Antiquitäten-Geschäft auf die Schulter und fragte: „Erinnern Sie sich noch an mich?“.
Besonders wichtig war Giebler von Beginn an die Idee „zu rekonstruieren“, Gewebe möglichst so wiederherzustellen, als hätte es den Eingriff gar nicht gegeben. Dazu hat sicher auch sein einstiger Lehrer und Professor Wolfgang Irmer beigetragen, der ihm nach der Darm-OP eines Patienten, dem Giebler mehrere Ausgänge gelegt hatte, zurief: „Du hast es herausgenommen, nun mach„ es auch wieder rein.“
Diese Devise durchzieht Gieblers Arbeit in der Vincemus-Klinik wie ein roter Faden - und das seit 40 Jahren.
„Jede Krankheit hat eine Geschichte“, sagt er. „Und Schönheit steht nur für äußere Harmonie. Dazu braucht es als Gegengewicht eine Haltung.“ Aber genau daran hapert es bisweilen. So erinnert sich der Arzt an eine junge Frau, die ihre Brust vergrößern lassen wollte. Giebler lehnte ab, „da natürliche Schönheit keiner Korrektur bedarf“.
Er ist eben so ein Mann mit Haltung. Erst kürzlich hat er seine Approbation als Kassenarzt zurückgegeben - „nicht weil ich nicht mehr wollte, sondern weil die Bürokratie jegliche ärztliche Freiheit konterkariert“. Und ohne diese Freiheit gehe es nun einmal nicht, sagt der Mann, der ein Leben ohne Kunst für sinnlos hält, täglich Gedichte schreibt und regelmäßig Gesangsunterricht nimmt.
Auch der Chirurgie will Giebler noch ein Weilchen erhalten bleiben. So hat er ein Verfahren entwickelt, mit dem Brustwarzen nach einer OP wiederhergestellt werden können. „Denn ohne Brustwarze ist eine Brust nicht mehr als ein Fetthügel“, erklärt er. In dieser Frage gibt es tatsächlich nur eine Wahrheit. Und doch spiegelt sich auch hier die Gieblersche Weltsicht wieder: „Es ist die Vielfalt, die den besseren Zugang zum Alltäglichen ermöglicht.“ RÜDIGER OTTO VON BROCKEN