Text: Sabine Giesbert-Wilke
Seit einem Jahr geht Uwe täglich im Meer schwimmen. Er war bei der Deutschen Eisschwimmmeisterschaft. Sein Ziel: Von Wyk nach Langeneß im September.
„Am Anfang war es Spaß an der Freude. Dann habe ich gemerkt, das tat mir total gut. Wenn du 10 Stunden arbeitest, tat das Schwimmen einfach gut.“ Total gut bekommt Uwe Stammer das Schwimmen. Seit einem Jahr geht er jetzt schwimmen. Täglich. Egal wie schietig das Wetter, egal wie kalt das Wasser ist. Zum ersten Mal am 10. September 2023. Anfangs gesellten sich ein paar Bewohner aus dem Haus, in dem er sein Geschäft „Der letzte Kaufmann vor Dagebüll“ betreibt, dazu.
Die Gruppe wuchs, als Uwe begann, sein Schwimmen in seinem WhatsApp-Status zu posten. Und eine richtige Community wurde daraus, als Uwe Mitte Oktober online ging. Täglich postet er seine Badeaktion auf Instagram. Und obwohl das Wasser kälter wurde, wuchs die Gruppe. Anfang Dezember waren bei Eis und Schnee häufig 10 bis 15 Leute mit Uwe im Wasser. Die Wassertemperatur damals: zwei, manchmal drei Grad. Und bei geradezu„warmen“ Wassertemperaturen von 5,5 Grad gingen 35 Schwimmer mit Uwe beim Neujahrsschwimmen vor dem AquaFöhr in die Nordsee.
So frisch ins Jahr gestartet, war das nächste Ziel schnell anvisiert. Uwe und zwei seiner regelmäßigen Mitschwimmerinnen - Steffi und Bea meldeten sich für die Deutschen Eisschwimmmeisterschaften im Februar im Erzgebirge an. Alle drei für die Strecke 100 Meter Brust und Uwe noch für 50 Meter Kraulen. Für die 50 Meter Freistil braucht Uwe 39 Sekunden, für die 100 Meter Strecke 1 Minute und 59 Sekunden. „Okay.“, nennt Uwe diese Leistung. Enttäuscht ist er, dass die Zeiten alle keinen Bestand haben. 5,2 Grad warm war das Wasser in Neuhermsdorf. Das sind 0,2 Grad zu viel, um als Eisschwimmen zu gelten. Denn Schwimmen bei Wassertemperaturen über 5 Grad gilt nicht als Eisschwimmen, lediglich als Kaltwasserschwimmen. Festgelegt hat das die International Ice Swimming Association. Und nach deren Regeln wurde bei den Meisterschaften geschwommen.„Cool war es aber dennoch“, sagt Uwe. „Wir sind da wirklich im Mittelfeld gelandet und es hat richtig Spaß gemacht. Es ist eine total nette, so eine eingeschworene Gemeinschaft. Das war echt spitze.“


Ganz klar, dass Uwe schon die nächste Challenge geplant hat. Im Januar 2025 geht es nach Faaborg zu den dänischen Eisschwimmmeisterschaften. Dann werden ihn drei Schwimmer begleiten. 500 Meter Freistil stehen auf dem Programm. Das müssen sie trainieren, denn beim Freistil ist auch der Kopf im Wasser. Und das tut am Anfang richtig weh, weiß Uwe aus dem letzten Winter zu berichten. „So gehirnfrostmäßig. Aber das geht auch. Da gewöhnst Du Dich dran.“
Gehirnfrost? Kann das gesund sein, dieses Eis- oder Kaltwasserschwimmen? Oder sind das alles nur Freaks? Für die, die es machen, ist ganz klar: Das Immunsystem wird gestärkt. Sie bekommen weniger Erkältungen. Und auch auf die Psyche soll sich das Winterschwimmen positiv auswirken. May Brit aus Uwes Gruppe, die im Winter viel dabei war, schreibt: „Das hat mich vor einer Winterdepression bewahrt. Nächstes Jahr möchte ich wieder mitmachen.“ Wissenschaftlich bewiesen ist all das nicht. Nur in einem Punkt scheint Einigkeit zu herrschen: Eisbader sollten fit sein. Wer Herz- oder Kreislauferkrankungen hat, muss verzichten. Und vor Unterkühlung schützt man sich, wenn man eine Grundregel beachtet. Pro Grad Wassertemperatur können Schwimmer eine Minute lang im Wasser bleiben.
Aber irgendwann neigte sich der lange Föhrer Winter dem Ende entgegen und das Nordseewasser wurde peu à peu wieder etwas wärmer. Nicht nur Feriengäste kamen wieder, auch ein wenig Prominenz ließ sich blicken. Im Wonnemonat Mai war Deutschlands wohl sportlichster Comedian auf Föhr. Wigald Boning las aus seinem Buch „Herr Boning geht Baden“.
Uwe war schon länger mit Wigald Boning über Social Media in Kontakt, lud ihn ein, in Wyk mit ihm und seiner Gruppe schwimmen zu gehen. Wigald ließ sich nicht lumpen und kam zum gemeinsamen Schwimmen am Südstrand. Uwe wirkt euphorisch, als er sich erinnert.„Der war total nett, wirklich total sympathisch. Es war so, als wenn sich alte Freunde treffen.“
Nicht zum Schwimmen mit Uwe, aber nach Föhr geschwommen, kam Ende Mai André Wiersig. Der Extremschwimmer legte einen Etappenstopp auf dem Weg von Husum nach Sylt ein. Der„Mann des Meeres“, wie er auch genannt wird, scheint Uwes neueste Inspirations- und Motivationsquelle zu sein. Wiersig hat als erster Deutscher die „Ocean Seven“ Meerengen durchschwommen und Bücher darüber geschrieben. Ganz so hoch hatte Uwe die Messlatte für sein neuestes Vorhaben nicht gelegt, aber eine Herausforderung war es dennoch. Am 2. September schwamm er bei bestem Wetter von Wyk in Richtung Langeneẞ. Auf der Hallig kam Uwe leider nicht an. Nach zwei Stunden und 43 Minuten und 5160 Metern war Schluss. Die Strömung war zu stark und Uwe stieg in das ihn begleitende DLRG-Boot. „Das probieren wir irgendwann noch mal. Ganz bestimmt.“, teilte er anschließend auf seinem Instagram-Account „schwimmen_mit_uwe“ mit. Und beim Neujahrsschwimmen 2025 vor dem AquaFöhr will er auch wieder dabei sein. "Bestimmt!" hatte sich Uwe bereits im Juli festgelegt.
Für den Terminkalender: Neujahrsschwimmen auf Föhr am 1. Januar 2025 um 14 Uhr am AquaFöhr.
Buchtipps
„Herr Boning geht Baden“ - ein Erfahrungsbericht von Wigald Boning
„Das Buch vom Winterschwimmen: gesund und fit durch Abhärtung“ - eine Untersuchung von Rainer Brenke und Werner Siems