Eine einfache Frage vorweg: Was ist Geriatrie überhaupt?
Geriatrie kommt vom griechischen "geras", übersetzt Alter. Und in der Medizin ist es die Altersmedizin. Sie beschäftigt sich mit den besonderen Situationen älterer Menschen - sowohl medizinisch als auch funktionell. Wir versuchen, Schulmedizin aus der Perspektive des alten Menschen zu denken. Und das ist wichtig, weil sich im höheren Alter vieles überlagert: Krankheiten, Medikamente, körperliche Einschränkungen, kognitive Themen, soziale Situation, Versorgung zu Hause.
Was heißt "älter“ in Ihrem Fach? Ab wann spricht man von einem geriatrischen Patienten?
Es gibt einen groben Orientierungswert: ab 70, sicher ab 80 Jahren. Aber das allein ist nicht entscheidend. Es gibt Menschen, die sind 70 und biologisch so fit, dass sie eher in eine indikationsspezifische Reha gehören - etwa nach einem Herzinfarkt oder einer Hüftoperation. Und es gibt umgekehrt Menschen, die deutlich jünger sind, aber durch schwere Erkrankung, Lebensumstände und funktionellen Abbau einen geriatrischen Behandlungsbedarf haben.
Das heißt: Geriatrie ist nicht einfach "Medizin für alte Menschen", sondern eher "Medizin für komplexe Situationen"?
Genau. Es geht oft um Komplexität: Multimorbidität, also mehrere Erkrankungen gleichzeitig, dazu Polypharmazie - viele Medikamente -, dazu funktioneller Abbau. Und dazu kommen Faktoren, die man in jüngeren Jahren häufig ausblenden kann: kognitive Einschränkungen, Depressionen, Einsamkeit, Angehörigenbelastung, Wohnsituation, Pflegebedarf.
Wie ist Geriatrie in Deutschland strukturell aufgestellt? Was passiert, wenn ein älterer Mensch in die Klinik kommt?
Es gibt verschiedene Versorgungsformen. Eine ist die Akutgeriatrie: Wir behandeln akute Erkrankungen - eine Lungenentzündung, eine Herzinsuffizienz, eine Infektion. Und dann gibt es die geriatrische Komplexbehandlung, die stärker rehabilitativ gedacht ist und wie folgt strukturiert ist. Es wird im Team gearbeitet: Ärzte, Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie, Sozialdienst/Versorgungsmanagement. Das ist ein Kernpunkt, weil viele Probleme im Alter nur im Zusammenspiel sinnvoll zu lösen sind.
Können Sie an einem Beispiel erklären, was dieser "geriatrische Blick“ im Alltag bedeutet?
Nehmen wir die Lungenentzündung. Als Internist behandle ich die Infektion - Anamnese, klinische Untersuchung, Diagnostik, Therapie. Aber geriatrisch schaue ich gleichzeitig: Was bedeutet diese Lungenentzündung für Mobilität, Muskelkraft, Sturzgefahr? Wie ist die Vorgeschichte? Gibt es eine alte Hüft-OP? Gibt es einen Gangstörung? Wie ist die Wohnsituation? Gibt es Angehörige, die unterstützen? Gibt es Konflikte, die die Versorgung erschweren? Denn wenn man nur die Lunge behandelt, ist die Person vielleicht "infektfrei“, aber nicht wieder selbstständig.
Wir Menschen werden immer älter. Aber werden wir damit auch kränker?
Ja. Das muss man so klar sagen. Die Erwartung, dass Menschen einfach nur älter, aber nicht kränker werden, ist unrealistisch. Viele Erkrankungen nehmen mit dem Alter deutlich zu: Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern, Demenz, Herzschwäche, Stürze, Gebrechlichkeit. Die Prävalenzen steigen - 70-Jährige sind in der Regel weniger betroffen als 80-Jährige, 80-Jährige weniger als 90-Jährige.
Kommen wir zu den kognitiven Themen. Wann ist Vergesslichkeit noch normal - und wann wird es in Richtung Demenz kritisch?
Erstmal: Kurzzeitgedächtnis- und Konzentrationsprobleme kennen viele Menschen auch früher schon. Kritisch wird es, wenn etwas neu ist oder deutlich zunimmt. Wenn jemand früher sehr strukturiert war und plötzlich Orientierung verliert, Alltagsabläufe nicht mehr schafft, oder stark verunsichert ist - dann sollte man aufmerksam werden.
Wie testen Sie das medizinisch?
Wir nutzen Screeningtests wie den Mini-Mental-Status und bei Bedarf ausführlichere Verfahren wie den MoCA - Montreal Cognitive Assessment, CERAD, ... Dazu einfache Aufgaben wie den Uhrentest. Wichtig ist: Es sind Tests, die bestimmte Domänen abbilden, etwa Orientierung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, visuo-konstruktive Fähigkeiten.
Ein Begriff, den Angehörige oft erst im Krankenhaus hören, ist "Delir“. Was ist das genau?
Ein Delir ist eine akut auftretende Verwirrtheit, die typischerweise zeitlich begrenzt ist - oft Tage bis Wochen, maximal spricht man von bis zu sechs Monaten. Auslöser können schwere Infekte, Operationen, Narkosen, Medikamente, Entgleisungen im Stoffwechsel sein. Bei Menschen mit Demenz tritt es leichter auf und ist oft ausgeprägter.
Welche Vorsorgeuntersuchungen halten Sie ab 70 für besonders sinnvoll?
Das ist sehr individualisiert. Bei sehr Hochaltrigen - 90 plus - ist Krebsfrüherkennung oft weniger sinnvoll, weil Therapien belastender sein können als der Nutzen. Bei 70- bis 80-Jährigen kann es sinnvoll sein, je nach Gesundheitszustand.
Was ich aber grundsätzlich wichtig finde: Impfungen. Influenza, Corona, Pneumokokken und Zoster (Gürtelrose) nach STIKO. Die genannten Impfungen reduzieren oder vermeiden schwere Verläufe, Krankenhaus- und Intensivaufenthalte.
Depression im Alter - ist das wirklich so häufig?
Ja. Und Einsamkeit ist dabei ein riesiger Faktor. Es gibt eine Dynamik: Menschen verlieren den Partner, Freunde, ihre Mobilität. Sie ziehen sich zurück und werden dadurch noch einsamer. Und dann kippt es emotional.
Woran können Angehörige eine Depression erkennen?
Warnzeichen sind Antriebsverlust, Rückzug, Vernachlässigung des Alltags, Schlafstörungen, Appetitverlust, eine neue Gereiztheit oder Resignation. Wichtig ist jedoch, genau hinzusehen: Auch kognitive Störungen oder körperliche Erkrankungen können. ähnliche Symptome zeigen. Aber, wenn sich das Verhalten deutlich und über längere Zeit verändert, ist das ein ernstzunehmendes Signal sein.
Was hilft, um den kognitiven Abbau zu verlangsamen?
Beeinflussbare Faktoren sind regelmäßige Bewegung, wenig Alkohol, nicht zu rauchen, gutes Hören und Sehen, sowie das Vermeiden von Kopfverletzungen, etwa durch das Tragen eines Helmes beim Fahrradfahren. Wichtig ist außerdem, das Gehirn aktiv zu fordern, also bewusst Neues zu erlernen wie eine Sprache oder sogar ein Instrument.
Patientenverfügung: Aus Ihrer Sicht unverzichtbar?
Ja. Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung sind extrem wichtig. Nicht nur juristisch, sondern als Entlastung für Angehörige. Man nimmt ihnen die Verantwortung ab und die Angst, falsch zu entscheiden.
Sie haben im Vorgespräch noch einen Punkt erwähnt, der gar nicht so medizinisch klingt: äußere Würde, Selbstfürsorge. Warum ist das wichtig?
Weil Körper und Seele zusammenhängen. Wenn Menschen sich gehen lassen, sich nicht mehr pflegen, sich nicht einmal mehr richtig anziehen - dann wirkt das zurück auf die Psyche und die innere Stabilität.


Gibt es Themen, die zu selten gefragt werden, obwohl sie wichtig wären?
Demenz und Depression sind immer noch stark tabuisiert - Gehirnerkrankungen werden anders bewertet als Herz- oder Lungenerkrankungen. Und Sexualität im Alter ist ein weiteres Tabu. Auch im hohen Alter sind Nähe und Berührungen bedeutsam und können vor Depressionen schützen.
Wenn Sie Menschen, die gerade merken "Wir müssen uns mit dem Älterwerden beschäftigen" - bei uns selbst oder bei unseren Eltern - drei Sätze mitgeben dürften: Welche wären das?
Mutig bleiben. Wünsche entwickeln und nicht nur dahinleben“. Im Gespräch bleiben - mit Familie, Ärzten, dem Umfeld. Und gleichzeitig: realistisch sein, eigene Grenzen erkennen und Hilfe annehmen. Altern ist nicht einfach, aber man kann es gestalten.
// Interview: Julia Voigt