N ach einem Überfall auf einen Einzelhändler im Zentrum von Nortorf im Juni war für die FDP offenbar das Maß voll. Die Fraktion forderte in der Stadtverordnetenversammlung ein Konzept zur Gewaltprävention, um die vermeintlich ausufernde Jugendgewalt in den Griff zu bekommen. Die Schilderungen in der Begründung klindrastisch. Das tatsächliche Problem scheint aber gen woanders zu liegen.
Entspricht die Situation dem Vorstoß?
Der Antrag der FDP-Fraktion sieht die Gründung einer Arbeitsgruppe vor, die ein kommunales Konzept zur Gewaltprävention erarbeiten soll. Mit dabei: Kommunalpolitiker, die Polizei, außerdem Vertreter aus dem Schulverband, der Jugendarbeit und des Seniorenbeirats. Drastisch klingt vor allem die Begründung des FPD-Vorstoßes, die eine ganze Reihe von Vergehen und Straftaten aufführt. Doch entspricht die Lage in der Stadt dem Szenario, das der Antrag zeichnet?
Einer, der es wissen muss, ist Hauke Schmidt, Leiter der Polizeistation Nortorf. Er hat mit seinen Kollegen das tägliche Geschehen in der Stadt im Blick und sieht „eher ein Politikum, als eine Angelegenheit für die Polizei“. „Es hat in den vergangenen Jahren keinen signifikanten Anstieg von Straftaten Jugendlicher gegeben“, sagt der Beamte. Vielmehr sei es das „normale Grundrauschen“ in einer Kleinstadt dieser Größenordnung. Viele der aufgeführten Taten seien zudem nicht eindeutig einem bestimmten Täterkreis zuzuordnen. Es gebe in Nortorf zwar immer wieder Jugendgruppen, die sich etwa am Bahnhof aufhalten würden, aber das sei keine Sache für die Polizei. „Wir sind natürlich trotzdem am Ball.“
Leiter der Polizeistation Nortorf
Laut Schmidt ziele die Debatte vielmehr auf das Sicherheitsempfinden vor allem älterer Einwohner ab. Diese würden sich häufig unsicher fühlen, wenn Jugendliche in Gruppen öffentlich in Erscheinung treten und dann vielleicht kein Deutsch sprechen würden. Aber: Die Anzahl der Übergriffe von Jugendlichen auf Senioren belaufe sich auf null. „Das subjektive Sicherheitsempfinden ist wichtig, aber die objektiven Zahlen geben nichts her, das Grund zur Sorge gibt.“ Auch für Bürgermeister Torben Ackermann ist die Situation „nicht auffällig“. Es gebe keine örtlichen Schwerpunkte, auch die Anzahl der Straftaten Jugendlicher liege für Nortorf deutlich unter dem Durchschnitt.
„Allerdings treten die Jugendlichen heute selbstbewusster in Erscheinung und sind im öffentlichen Raum präsenter. Das sorgt überwiegend bei Senioren für Verunsicherung“, sagt er. Es sei jedoch wahrscheinlicher, Opfer eines Unfalls zu werden, als in Nortorf überfallen zu werden. „Wenn die Senioren Angst haben, abends vor die Tür zu gehen, müsste man mit ihnen sprechen, um die Ängste zu nehmen.“
Sport als Prävention im Fokus
Die Einflussmöglichkeiten der Arbeitsgruppe zur Gewaltprävention, die sich am 17. September erstmals treffen will, sieht Ackermann als begrenzt an. Die Stadt würde viel in Sportangebote als Prävention investieren. „So können die Jugendlichen lernen, sich ins soziale Gefüge der Stadt einzubringen.“
Und wie nehmen die Jugendlichen die Debatte wahr? Was sagen die Experten aus der Jugendarbeit? Beate Bolln, Leiterin des Kinderund Jugendtreffs Tee in der Bargstedter Straße, wollte sich auf Nachfrage unserer Redaktion nicht zu den aktuellen Entwicklungen äußern. Florian Wigger, Jugendwart des TuS Nortorf, sieht „in keinster Weise ein Problem“ mit Jugendgewalt in Nortorf. „Wir arbeiten eng mit den Jugendlichen zusammen. Es würde schnell zur Sprache kommen, wenn ein so sensibles Thema die jungen Menschen bewegen würde“, sagt Wigger. Auch im privaten Bereich habe der Vater zweier Teenager bislang noch nichts von möglichen Schwierigkeiten mit Gewalt mitbekommen.
Lutz Timm
Die FDP fordert Arbeitsgruppe und Konzept zur Gewaltprävention
Es liest sich wie ein Protokoll des Grauens, was die FDP in ihrem Antrag zur Stadtverordnetenversammlung aufführt. Unter anderem heißt es darin: „Am 10. Juni 2024 ist ein Geschäft in der Innenstadt von vermutlich zwei Jugendlichen mit Gewalt unter Einsatz von Waffen (mindestens ein Schlagring) überfallen worden, während der Mittelpunktmesse ist ein Stadtverordneter inmitten vieler Menschen ins Gesicht geschlagen worden, ältere Menschen sind tagsüber auf der Straße bestohlen worden,
ein jugendlicher Täter hat zum wiederholten Mal in der Kirche Geldbehälter aufgebrochen, auf dem Friedhof wurde Sachbeschädigung und Grabschändung betrieben, es wurden zahlreiche Autos angezündet und in mindestens einem Fall vor einem Haus der Holzstapel angezündet, es wurden Telekomkabel ausgerissen, es gab massive ,Graffities 589´. Laut FDP werde in der Stadt „häufiger darüber gesprochen, ob man in Nortorf noch sicher ist“.