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Nord-Ostsee-Kanal: Morgens Schwarzbrot, mittags Fleisch oder Speck

8000 Arbeiter haben den Nord-Ostsee-Kanal gebaut. Einige kamen von weit her, angelockt von guten Löhnen und neuen sozialen Standards. Die Nachfahren der Arbeiter leben noch heute in der Region.

„Nord-Ostsee-Kanal – Biographie einer Wasserstraße“: Dietrich Duppel über seine Forschungsergebnisse

Der Nord-Ostsee-Kanal ist ein Jahrhundert-Bauwerk. In nur acht Jahren graben ihn rund 8000 Arbeiter. Mit Schaufel, Spaten und Hacken, aber auch mit modernen Dampfbaggern. Die Technik steckt zwar noch in den Kinderschuhen, wird aber bereits überall auf der Großbaustelle eingesetzt. Der 98,65 Kilometer lange Kanal ist in den 1880er Jahren nicht nur die größte deutsche Baustelle, sondern auch die modernste (Baukosten: 156 Millionen Goldmark). Und für die Arbeiter wird so gut gesorgt, wie sonst nirgendwo im Kaiserreich. Aber wer sind diese Männer und Frauen, die von weit her in den Norden kommen? Was ist aus ihren Familien geworden? Gibt es Nachkommen, die über Generationen dem Kanal treu geblieben sind?

Der Dokumentarfilmer, Volkskundler und Journalist Dietrich Duppel (Foto links) hat sich in dieses Thema hineingekniet. Zusammen mit dem Kieler Historiker Professor Martin Krieger hat er daraus nicht nur das Buch „Nord-Ostsee-Kanal – Biographie einer Wasserstraße“ geschaffen, sondern auch einen erfolgreichen 90-Minuten-Film für den NDR gedreht, der 2020 Premiere hatte. Von seinen Forschungen berichtet er: „Leider hat es beim Kanalbau keine zentrale Kartei über die Arbeiter gegeben. Die kündigten einfach, wenn sie genug Geld in der Tasche hatten. Und kamen vielleicht nach einem halben Jahr wieder, um weiter zu machen.” Am Kanal waren zwölf große Bauunternehmen aus ganz Deutschland im Einsatz. Die Arbeiter waren bei ihnen direkt angestellt. Wir sprachen mit Dietrich Duppel über seine Forschungsergebnisse.

Herr Duppel, wer sind diese Männer, deren Werk noch heute von 1 jährlich mehreren zehntausend Schiffen durchfahren wird?

Dietrich Duppel: Sie strömen aus ganz Europa nach Schleswig-Holstein, sie werden „Wanderarbeiter“ oder „Monarchen“ genannt. Alle dürfen kommen, sie müssen männlich, über 17 Jahre alt und keine Anarchisten oder Sozialdemokraten sein. Denn im Deutschen Reich gibt es inzwischen das Sozialistengesetz“, sogar Krankenkassen. Mit diesen Maßnahmen will Reichskanzler Otto von Bismarck einem möglichen Umsturzversuch von Sozialdemokraten zuvorkommen. Um den Kanal störungsfrei von politischen Querelen bauen zu können, plant man von vorneherein „arbeiterfreundliche Einrichtungen“. Frauen dürfen nur als Hauswirtschafterinnen in den Baracken, aber nicht auf der Kanalbaustelle arbeiten.

Was reizt die Menschen, die zum Teil von weither kommen, besonders?

Es hat sich unter den Arbeitern herumgesprochen, dass sie hier nicht nur für damalige Zeiten gut behandelt, sondern auch ebenso bezahlt werden. Sie kommen zumeist ohne ihre Familien aus Schlesien, dem heutigen Rumänien, Polen, Dänemark und Italien. Von dort reisen auch besonders gut entlohnte Facharbeiter an, Steinsucher und Steinsprenger. Diese Spezialisten müssen die beim Ausbaggern gefundenen Findlinge sprengen.

Wie sieht die Bezahlung für den „Knochenjob“ auf der Baustelle aus?

Die Löhne werden alle vierzehn Tage, immer mittwochs, an die Arbeiter ausbezahlt. Tagelöhner bekommen 2,60 bis 3,00 Mark, Akkordarbeiter erhalten bis zu sechs Mark. Die italienischen Steinsprenger kommen auf bis zu acht Mark, für Vorarbeiter und Aufseher gibt es zehn Mark pro Tag.

Zudem soll es innovative Sozialleistungen geben. Was ist konkret damit gemeint?

Damit die Arbeiter nicht „der Ausbeutung durch gewissenlose Cantinenwirthe, unregelmäßigen, ungesunden Lebenswandel, mit einem Worte der Verwilderung und dem Elende anheimfallen und den Kanalbau zu einer Plage für die durch ihn in Mitleidenschaft gezogenen Ortschaften und Gegenden und ihrer Bewohner machen“, sorgt die Kanalkommission nicht nur für Unterkünfte, sondern auch für eine ausreichende nahrhafte Verpflegung. Die Kanalkommission schließt mit den Bauunter nehmen Verträge ab, in denen sie sich weitreichende Kontrollrechte vorbehält, auch um die Arbeiter vor Ausbeutung und Betrug zu schützen. Um die „Arbeitsverhältnisse in einer dem Geiste der deutschen sozialpolitischen Gesetzgebung entsprechenden Weise zu regeln“. Nur bei Trunksucht oder Widersetzlichkeit darf es zu fristlosen Kündigungen kommen.

Was hat der einzelne Arbeiter nun von diesen modernen Regelungen?

Die Arbeitszeit beträgt täglich zehn Stunden. Nacht- und Sonntagsarbeit werden nur im Ausnahmefall von der Kanalkommission genehmigt. Denn sonntags finden für die Arbeiter eigene Gottesdienste statt. In Baustellennähe werden die Arbeiter zunächst in neu errichteten Barackenlagern zu je 400 Mann untergebracht. Dort gibt es neben dem Schlafsaal einen großen Speiseraum, sowie Küche, Wäscherei, Arztzimmer, Desinfektionsraum und einen Raum mit vier „Regenbädern“ (Duschen). Verheiratete Paare dürfen zusammenwohnen; für den Schulunterricht der Kinder ist ebenfalls gesorgt.

Wie sind die Baracken ausgestattet?

„Zur Ausstattung der Schlafstuben gehörten eine entsprechende Anzahl eiserner Bettstellen mit Matratze, Kopfpolster aus Seegras und einer Decke (im Winter zwei) aus Wolle mit Leinwandbezug, eine verschließbare Kiste und ein Schemel für jeden Mann und einige Kleiderriegel. Mit der Reinigung der Zimmer und dem Ordnen der Lagerstätten hatten die Arbeiter nichts zu tun, dies besorgten ebenso wie die Reinigung der Lampen und das Heizen im Winter besonders angestellte Wärter.“

Und die Verpflegung?

Morgens gibt es einen halben Liter gesüßten Milchkaffee und Schwarzbrot mit Butter. Mittags wird eine reichliche Mahlzeit mit 160 Gramm Fleisch und Speck angeboten, was seinerzeit den Ernährungsvorschriften für die Truppenverpflegung im Felde entspricht. Dafür mussten die Arbeiter für Unterkunft, Wäsche, Teilverpflegung, Heizung und Licht 65 Pfennige pro Tag an die Verwaltung zahlen. Darüber hinaus können weitere Nahrungsmittel sowie Tabakwaren, sogar Bier (zum günstigen Preis von acht Pfennigen) und in geringen Mengen Schnaps (zu teuren achtzig Pfennigen) in der Kantine eingekauft werden. Höher bezahlte Handwerker, wie Maurer, Zimmerleute oder Schlosser dürfen auch außerhalb der Lager wohnen oder leben in besser ausgestatteten Baracken, in denen auch eine anspruchsvollere Verpflegung angeboten wird.

Gibt es für die Arbeiter eine gesundheitliche Versorgung? Was geschieht bei Unfällen?

Zu teilweise schweren Unfällen kommt es auf der Kanalbaustelle immer wieder. Der Verunglückte, dem sämtliche Gliedmaßen zerschmettert wurden, soll sofort eine Leiche gewesen sein, berichtet die Brunsbütteler „Kanalzeitung“. Zu über 6000 Arbeitsunfällen, insbesondere bei Sprengungen oder Böschungs-Abrutschungen, soll es gekommen sein. 90 Tote sind zu beklagen. Bereits vor der Einstellung wird bei den Arbeitern ein Gesundheits-Check von Vertrauensärzten vorgenommen. Marinearzt Dr. Gutschow besucht die Arbeiter-Unterkünfte. Vierteljährlich überwacht er die Einhaltung der vorbeugenden Gesundheitsmaßnahmen. Alle Arbeiter sind in Betriebskrankenkassen oder in der eigens errichteten Baukrankenkasse pflichtversichert. Arztsprechstunden vor Ort werden regelmäßig angeboten.

MIT EINER SCHAFHERDE ZUM KANALBAU

Bei Nacht und Nebel macht sich der Schäfer und Heizer Friedrich Wilhelm Jegliewski mit seiner Schafherde und der gesamten Familie auf den Marsch aus Ostpreußen nach Kiel. Er hat nicht nur Ärger mit seinem Gutsherrn, in den 1880er Jahren sind es auch wirtschaftliche Zwänge, die ihn zur Suche nach neuer Arbeit zwingen. Und da lockt natürlich die große Kanalbaustelle im fernen Schleswig-Holstein. In Kiel angekommen verkauft er seine Schafherde an die Kanalverwaltung. Er selbst und seine Frau finden Arbeit in der Marketenderei der Kaiserlichen Kanalverwaltung in Holtenau. Von dort aus werden die Kanalarbeiter im Barackenlager versorgt. Familie Jegliewski erhält sogar eine eigene Wohnung, muss nicht ins Lager ziehen. Außerdem bekommen sie eine Schankerlaubnis, so dass sie eine Gastwirtschaft (genannt „Probierstube“) eröffnen können. Die Söhne Karl und Friedrich Wilhelm erlernen auf der Holtenauer Schleuse den Beruf des Schlossers. Karl arbeitet - nach einem Jahr Seefahrt anschließend auf der Kaiserlichen Werft (später Deutsche Werke, Kiel). Friedrich Wilhelm bleibt dem Kanal treu und arbeitet als Maschinist auf der Schleuse. 1918 wird er auf die damalige Kettenfähre Landwehr versetzt. Sohn Wilhelm wird Tischlermeister und heiratet 1933 eine Kielerin. -

Im Zweiten Weltkrieg ausgebombt, siedelt er sich mit seiner Familie ebenfalls in Landwehr an und eröffnet eine Tischler-Werkstatt. 1944 wird Sohn Hartmuth geboren, der ab 1960 die Ausbildung zum Matrosen aufnimmt. Später bildet er sich zum Steuermann und zum Kapitän auf großer Fahrt weiter. Für die Reederei der Deutschen Shell fährt er große Tankschiffe, geht sogar für vier Jahre zusammen mit seiner Frau Renate - an den Persischen Golf für Sonderaufgaben seines Arbeitgebers. 1980 wird Hartmuth Jegliewski zum Kanallotsen gewählt - für 24 Jahre bis 2004 fährt er nun auf der Wasserstraße, die schon für seinen Urgroßvater und Großvater Lebensmittelpunkt waren. Auch der Kreis zur alten Marketenderei schließt sich. Als Pensionär betreibt Hartmuth Jegliewski bis Anfang dieses Jahres bekannte Gaststätte „Kanalschänke“ beim Fähranleger Achterwehr. Jegliewski: „Jetzt ist Schluss, das letzte Fass Bier ist leer, und das Haus wird verkauft.“

EIN HUFSCHMIED AUS MEMEL

Die größte Baustelle Europas lockt in den 1880er Jahren zahlreiche Menschen, besonders aus dem wirtschaftsschwachen Osten des Deutschen Reichs, nach Schleswig-Holstein. So macht sich auch der Bauer und Hufschmied Wilhelm Kumbartzky (geboren 1860) aus einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Memel (heute Klaipeda) auf den Weg nach Brunsbüttel. An den Ort, an dem die großen Schleusen gebaut werden sollen. Dort in der Elbmündung gibt es besonders schwierige Baustellen, wo kräftige Männer gebraucht werden. Genau das richtige für Kumbartzky. Er ist ein typischer Saisonarbeiter, der im Sommer am Kanal arbeitet und im Winter zurück nach Hause zieht. Auch um das hart verdiente Geld zu seiner Familie zu bringen. Denn im Memelland gibt es nur wenig Arbeit und die Bauern sind arm.

So geht es Jahr für Jahr, bis Wilhelm Kumbartzky beschließt, seine Familie nach Brunsbüttel zu holen. Sein 1886 geborener Sohn Carl Leopold wird in der kleinen Dorfkirche konfirmiert. Am 20. Juni 1895 kommt der große Tag der Kanaleinweihung. In der besten Sonntags-Kleidung steht die kleine Familie zwischen den vielen hundert jubelnden Menschen am Kanalufer und grüßt den auf seiner Yacht „Hohenzollern“ vorbeifahrenden Kaiser Wilhelm II. Kumbartzky ist beim Kanalbau vom ersten Tag dabei gewesen. Er gehört zu den Erdarbeitern, die mit ihrer Hände Arbeit den Kanal geschaufelt haben. Und so bleiben auch die ihm folgenden Generationen dem Kanal treu und sind bis heute in Brunsbüttel ansässig. Als Seemann, Schiffskoch Kapitän oder Kanallotse. Wilhelms Enkel Max (geboren 1919) heiratet 1943 als Marinesoldat eine Norwegerin und zieht nach dem Krieg mit ihr an die Elbe. Werner (geboren 1943), ein Kapitän auf großer Fahrt, arbeitet später 27 Jahre lang als Lotse auf dem Kanal, den sein Urgroßvater mitgebaut hat. Sohn Christoph (geboren 1984) tritt als Schlepperkapitän auf Nord- und Ostsee wie im Kanal in dessen Fußstapfen. Nur Sohn Oliver (geboren 1981) schlägt einen neuen Weg ein. Er wird Politiker, sitzt seit 14 Jahren im Kieler Landtag und ist heute FDP-Landesvorsitzender und Parlamentarischer Geschäftsführer. Seine Frau Mareike macht den „Ausrutscher“ wieder wett, sie stammt aus einer Kieler Familie, in der ihr Großvater Kanallotse war.

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