Ein Schlag mit dem Schwert nach links, pariert. Ein Schlag nach rechts, das Schwert fällt. Dann noch drei Hiebe, und der Gegner liegt am Boden. Alle viere von sich gestreckt. Der Blick stur geradeaus. Jessica hat es geschafft, sie hat in einem schnellen Kampf Jannes besiegt. Und dieser liegt im Sand.
Doch Jannes steht zum Glück wieder auf. Denn der Kampf in Quarnbek am Nord-Ostsee-Kanal ist nur Show. Seit Oktober 2019 trainieren die Männer und Frauen vom Unternehmen hier in der Reithalle Schwertkampf.
Vor mehr als 15 Jahren hat Daniel Sattler den Sport für sich entdeckt. Damals lebte er noch in Hamburg und saß die meiste Zeit am PC, war rund um die Uhr online. „Irgendwann habe ich dabei so die Zeit vergessen, dass ich erst wieder in der realen Welt auftauchte, als ein neuer Tag anbrach“, erzählt er. „Das war für mich ein Aha-Moment.“ Er wusste, er muss die Notbremse ziehen und sich körperlich betätigen.
Doch welcher Sport sollte es sein? Als leidenschaftlicher „World of Warcraft“-Spieler wusste der damals 17-Jährige, dass die Beschäftigung „irgendwas mit Mittelalter zu tun haben soll. Doch Bogenschießen war mir zu langweilig.“ Über die Faszination für die Zeit von 1150 bis 1350 in Mitteleuropa landet er schließlich beim Schwertkampf.


Wegen seiner Minderjährigkeit war es jedoch zunächst schwer, einen Trainingsort zu finden. Daniel Sattler überlegte, sich den Sport selbst beizubringen, hatte jedoch 2007 bei der Schule für mittelalterlichen Schwertschaukampf Erfolg. „Dort habe ich gelernt, trainiert und zum Schluss auch gelehrt in der Niederlassung in Kiel.“
Vor drei Jahren dann der Entschluss, etwas Eigenes aufzumachen. Die Geburtsstunde von „Medieval Armsmen and Stunts“. Seitdem bringt der Rettungsassistent in seiner Freizeit anderen Männern und Frauen den Schwertschaukampf bei. Wie gehe ich? Wie stehe ich? Wie pariere ich? Wie kämpfe ich mit dem Schwert, ohne mich zu verletzen? All das lernen die Teilnehmer bei Daniel Sattler.
Seit einiger Zeit an seiner Seite: Jessica Bahr. „Ich hatte vorher schon Berührungen mit dem Mittelalter, habe meine Eltern oft mit auf Märkte gezogen“, erzählt die Steuerfachangestellte. Und dort, auf einem dieser Mittelaltermärkte, lernte sie ihren Ritter kennen und lieben. Er begeisterte sie für sein Hobby, und sie ließ sich ausbilden. Nun ist Jessica Bahr gleichberechtigte Trainerin.
„Der Schwertschaukampf ist eine total analoge Freizeitbeschäftigung - ohne Handy, ohne PC. Hier kann ich mein Leben entschleunigen und komme weg vom Alltag“, erklärt sie. „Ich bekomme wieder ein Gefühl für Zeit und die Realität. Besonders bei Veranstaltungen erdet mich der Schwertkampf.“
Gelernt werden kann dieser Sport aus dem Mittelalter in einem Anfänger- und mehreren Fortgeschrittenenkursen. Beim Training wird sich zunächst aufgewärmt – natürlich zu passender Musik. Dann zeigen die Trainer einige Techniken, im Anschluss wird gekämpft. „Dabei geht es nicht darum, seinen Gegner möglichst historisch korrekt in kürzester Zeit umzubringen“, sagt Ritter Daniel und muss schmunzeln. „Es ist eher eine Kombination aus Tanzen, Selbstverteidigung, Schauspielerei - ein bisschen wie in Hollywood.“


Dabei darf natürlich die richtige Ausrüstung nicht fehlen. Bei einem Schmied in Tschechien bestellen sich die Ritter ihre Schwerter, können sich individuell die Scheide, den Gurt und den Handgriff aussuchen. „Ab und zu müssen wir es abschleifen, damit es nicht scharf wird“, erklärt Daniel Sattler. Und wir pflegen es natürlich entweder mit Waffenöl oder einem guten Olivenöl.“
Am Körper tragen sie Stiefel oder feste Turnschuhe sowie bequeme Sportklamotten. Einige haben Beinlinge an sowie gesteppte Jacken. „Mit einer Jacke unter der Rüstung kann man noch ein bisschen fester zutreten“, so Sattler und lächelt. „Je mehr Rüstung man trägt, um so brutaler wird es.“ Und natürlich dürfen Handschuhe nicht fehlen. „Finger sind schön, solange sie funktionieren.“ Der eigentliche Schutz der Hände sei jedoch die richtige Technik.
Wie schnell mal etwas passieren kann, musste Daniel Sattler 2008 erleben. Kurz vor der Show hat er mit seinem Partner den Kampf geübt, der jedoch Alkohol getrunken hatte und sich bei einer Attacke verschätzte. „Dann waren meine Finger gebrochen.“
Das ist aber die Ausnahme. Anders als es der erste Eindruck vermuten lässt, gehen die Schwertkämpfer sehr rücksichtsvoll miteinander um. Es gibt feste Regeln und vereinbarte Zeichen, falls der Gegner unbeabsichtigt eine rote Linie übertritt, es doch schmerzhaft wird. Besonders wichtig für die Frauen, sagt Jessica Bahr. „Wir legen größten Wert auf die Sicherheit der Trainierenden, jede Technik, jeder Schritt, jeder Schlag ist so konzipiert, dass er zu jeder Zeit gestoppt oder abgebrochen werden kann und es so zu keiner ernsthaften Verletzung kommt.“ Und es ist den Trainern wichtig, dass sich alle willkommen und sicher fühlen. „Wir nehmen jeden, wie er ist.“
Ihre Knappen und Ritter sind zwischen 14 und 50 Jahre alt und kommen aus Hamburg, dem Kreis Plön, Hohenwestedt oder Kiel. So wie Jannes, der seit 2020 dabei ist. Oder Kathrin aus Flintbek, die über die Facebook-Gruppe zu den Rittern stieß. Oder Christoph aus Hohenwestedt, der den Schwertschaukampf auf dem "Spectaculum“ erlebt hat und daran dachte, wie schön es wäre, das auch zu können. Sie alle eint ihre Faszination für das Mittelalter. Und der Stolz auf ihren Sport. "Unsere Ritter-Urkunde hängt bei vielen zu Hause“, sagt Christoph. Dann nimmt er sich sein Schwert und pariert galant den Angriff von Jessica Bahr. Trainer Daniel Sattler schaut zufrieden auf seine Ritter vom Kanal.
Christina Köhn
INFO
Wer bei den "Medieval Armsmen and Stunts“ trainieren möchte, beginnt sein „Abenteuer Ritter“ mit einer Grundausbildung am Langschwert, die als Crash-Kurs an einem Wochenende stattfindet und sowohl Theorie als auch Praxis beinhaltet. Dafür wird Ausrüstung gestellt: Dolch, Einhandschwert und Schild, Streitaxt und Streitkolben und Schild sowie Stangenwaffen. Im Anschluss legen die angehenden Ritter eine Prüfung ab, um an den Aufbaulehrgängen und Spezialisierungen teilnehmen zu können. Die ausgebildeten Ritter sind regelmäßig bei Veranstaltungen zu sehen wie in Wedel oder Tangstedt. Auf den Mittelaltermärkten zeigen sie ihre ShowKämpfe. Außerdem können sie gebucht werden.
Mehr Informationen unter
www.marsritter.de , info@marsritter.de oder 0152/23086577.