Wer Sophia in ihrem Ausbildungsbetrieb, dem Blumenladen Bleifuß in der Schleistadt Schleswig, besucht, der merkt schnell: die 21-jährige fühlt sich hier so richtig wohl. „Ich habe für mich genau das Richtige gefunden“, sagt sie. Doch so klar war für Sophia die Berufswahl nicht von Anfang an. Nach der Schule begann sie zunächst einen Lehrgang für das Fachabitur, brach ihn jedoch ab. Danach, sagt sie selbst, habe sie zwei bis drei Jahre „nichts richtig zu Ende gebracht“. Der Einstieg in die Floristik kam eher zufällig: Sie wollte etwas Handwerkliches machen, dachte zuerst an Tischlereien, weil sie sich kreativ ausleben möchte und am Ende des Tages sehen will, was sie geschafft hat. Weil der Blumenladen praktisch in ihrer Straße liegt, fragte sie dort nach einem Praktikum – aus einer Woche wurde schließlich ein halbes Jahr.


Weil sie sich sicher sein wollte, bevor der Arbeitsvertrag unterschrieben wurde, nahm Sophia den Weg über eine sogenannte Einstiegsqualifizierung (EQ) der Agentur für Arbeit. „Im Grunde ein Jahr Probezeit, in dem beide Seiten prüfen können, ob der Beruf und der Azubi wirklich zusammenpassen“, erklärt sie. Für Sophia war vor allem die Berufsschule ein Unsicherheitsfaktor: Dafür muss sie jeden Monat etwa zwei Wochen nach Kiel am Stück pendeln. Eine Unterkunft gäbe es zwar, wäre aber mit zusätzlichen Kosten verbunden – also fährt sie täglich hin und her, morgens gegen sechs Uhr los und am späten Nachmittag wieder zurück. Von der Agentur für Arbeit wurden 276 Euro beigesteuert, ihr Chef rundete auf 350 Euro auf. Immerhin übernahm die Agentur auch die Fahrtkosten, etwa über das Deutschlandticket. Doch für Sophia ging alles glatt und ihr Entschluss, Floristin zu werden, steht fest und auch das Team des Blumenladens freute sich über die fröhliche Azubine. Inzwischen ist die EQ-Zeit anerkannt: Sophia steigt jetzt ins zweite Lehrjahr ein und hat noch zwei Jahre bis zum Abschluss.
Im Alltag arbeitet sie, wie sie erzählt, oft eigenverantwortlich. Montags wird der Verkaufsraum auf Vordermann gebracht, sie überprüft die Schnittblumen und räumt Ware ein. Sie bindet Sträuße, erledigt Bestellungen. und arbeitet auch an Hochzeits- und Trauerfloristik mit. Gerade bei besonderen Aufgaben holt sie sich aber lieber noch Unterstützung von erfahrenen Kollegen.
Als wichtigste Fähigkeiten für den Beruf nennt Sophia Geduld und Ruhe. Im Kundengespräch dürfe man sich nicht hetzen lassen oder nervös werden, auch wenn man länger braucht. Außerdem müsse man lernen, den eigenen Geschmack zurückzustellen: Nicht jede Farbkombination, die einem selbst gefällt, passt auch zum Kundenwunsch. Zeitdruck entsteht vor allem an Tagen wie Muttertag, wenn der Laden vollgestellt ist, hunderte Bestellungen vorbereitet und ausgeliefert werden müssen. Ähnlich herausfordernd sind Phasen mit vielen Beerdigungen, wenn an einem Tag zahlreiche Trauergestecke gefertigt werden müssen. Überstunden gehören dann dazu.
In der Berufsschule ist der Unterricht in Lernfelder gegliedert, etwa Trauer- und Hochzeitsfloristik. Dazu kommen Farblehre, botanische Namen, Wirtschaftsmathematik und Kommunikation – also der professionelle Umgang mit Kunden und das richtige Einschätzen des Gegenübers. Prüfungen haben auch einen praktischen Teil: Schon in der Zwischenprüfung, die später in die Abschlussnote einfließt, muss sie unter Zeitvorgaben Werkstücke wie Anstecker (zum Beispiel für den Bräutigam), einen Strauß, eine Pflanzschale sowie einen Tür- oder Tischkranz anfertigen.
Die 21-Jährige liebt die kreative Arbeit und schätzt das Team, das für sie wie eine Familie ist. Für die Zukunft kann sie sich sogar Selbstständigkeit vorstellen. Viele Kunden kämen zudem nicht nur zum Kaufen, sondern auch für ein Gespräch. Auf die Idee mit der Einstiegsqualifizierung sei ihr Chef übrigens durch die Agentur für Arbeit gebracht worden – es war das erste Mal, dass er dieses Modell nutzte, um „auf Nummer sicher“ zu gehen. Heute ist Sophia angekommen: Sie erhält ein reguläres Azubi-Gehalt im zweiten Lehrjahr und sagt, der Übergang sei gut gelungen.
Die Einstiegsqualifizierung (EQ) ist ein gefördertes betriebliches Langzeitpraktikum, das jungen Menschen den Einstieg in eine Ausbildung erleichtern soll, besonders dann, wenn der Lebenslauf Lücken hat, etwa durch einen Schulabbruch, einen abgebrochenen Bildungsweg oder eine längere Orientierungsphase. Ziel ist ein möglichst nahtloser Übergang in eine reguläre Ausbildung: Man lernt den Beruf und den Betrieb über mehrere Monate intensiv kennen und kann im Arbeitsalltag zeigen, was man kann.
Julia Voigt