Herr Geist, wie würden Sie die Ausbildungslage in den Kreisen Pinneberg und Segeberg denn einschätzen?
In den letzten Jahren hat sich die Ausbildungslage deutlich dazu entwickelt, dass es mehr Ausbildungsstellen gab, als Bewerber. Auch langfristig gesehen, stellen wir fest, dass die Zahl der Bewerber, die sich um eine Ausbildung bemühen, immer kleiner wird. Das hat letztlich auch damit zu tun, dass die Schulabgängerzahlen über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich abgenommen haben. Zudem gehen viele junge Menschen auf das Gymnasium und sehen dann erst nach ihrem Abschluss, wo sie hin wollen. Aktuell freuen wir uns aber über eine leicht steigende Zahl von jungen Menschen, die sich um eine Ausbildung bemühen. Im Vergleich sind es im Kreis Pinneberg beispielsweise über 120 mehr Bewerber als im Vorjahr. Insgesamt sind es in Pinneberg dieses Jahr 1350 Menschen, die sich für eine Ausbildung bewerben.
Wie sehen denn die Zukunftsperspektiven in den Kreisen aus?
Seit 2009 hatten wir durchgehend eine wirtschaftlich gute Lage. Das führte auch dazu, dass die Betriebe in die Lage waren Personal einzustellen. Die Zahl der Beschäftigten ist aktuell auf einem historischen Höchststand.Diese Situation verändert sich nun ein wenig. Wir sehen, dass die Zahl der Bewerber nach oben geht und die Zahl der Ausbildungsstellen leicht nach unten. Trotzdem haben wir immer noch mehr Ausbildungsstellen als Bewerber, was eine gute Ausgangssituation für junge Menschen ist und auch in Zukunft so sein wird.
Wie sehen Sie die Entwicklung des Ausbildungsmarktes und der Ausbildungslage in den nächsten zehn Jahren? Was wird sich Ihrer Meinung nach verändern und welche Herausforderungen und Chancen wird es geben?
In den nächsten zehn Jahren wird sich der Ausbildungsmarkt stark verändern, vor allem durch die Digitalisierung und die Dekarbonisierung. Diese Themen werden in vielen Berufen eine größere Rolle spielen, was bedeutet, dass die Inhalte der Ausbildungen sich weiterentwickeln werden. Für junge Menschen wird das die Chancen deutlich erhöhen, da es viele neue und spannende Berufsfelder geben wird. Der demografische Wandel wird zudem dafür sorgen, dass Betriebe zunehmend um Auszubildende werben müssen, anstatt umgekehrt. Unternehmen werden sich also selbst gut präsentieren und interessante Ausbildungsplätze anbieten müssen. Ein gutes Betriebsklima und eine qualitativ hochwertige Ausbildung sind dabei ausschlaggebend, um junge Menschen für sich zu gewinnen. Eine optimale Wissensvermittlung und ein positives Arbeitsklima sprechen sich herum. Junge Menschen lassen sich leichter für einen Ausbildungsplatz begeistern, wenn sie Gutes über den Betrieb hören. Vier-Tage-Woche und die Möglichkeit der Teilzeitausbildung spielen in der Ausbildung bislang keine große Rolle. Innerhalb der Unternehmen beobachten wir jedoch, dass es eine zunehmende Flexibilität gibt, unterschiedliche Teilzeitmodelle für Angestellte anzubieten. In der Ausbildung hingegen überwiegen nach wie vor die klassischen Arbeitszeitmodelle.
Welche Branchen sind auf dem Ausbildungsmarkt in der Region besonders gut vertreten?
Es sind eigentlich immer ähnliche Berufe, die Nachwuchs suchen. Wir haben eine starke Nachfrage im Handel, beispielsweise Verkäufer und Einzelhandelskaufleute. Im Handwerk sind es immer noch der Tischler und der Kfz-Mechatroniker. Im Bürobereich werden unter anderem Kaufleute für Büromanagement gesucht. Der Bedarf hier bleibt von Jahr zu Jahr konstant. Auf der Bewerberseite haben wir ebenfalls ähnliche Wünsche und das deckt sich ganz gut mit dem Angebot.
Gibt es Maßnahmenprojekte aus Ihrem Haus, um mehr junge Menschen in die Ausbildung zu bringen und auch Betriebe auf ihrer Suche zu helfen?
Wir unterstützen als Bundesagentur beispielsweise Berufsmessen und sind dort auch selbst vor Ort. Wir haben vielfältige Programme wie die außerbetriebliche Berufsausbildung und die assistierte Ausbildung, um Unterstützung zu bieten. Diese Maßnahmen erleichtern es sowohl den Betrieben als auch den jungen Menschen. Die Berufsausbildung in außerbetrieblichen Einrichtungen wird beispielsweise benötigt, wenn eine normale betriebliche Ausbildung nicht möglich ist.
Wie stark ist der Fachkräftemangel in Ihrer Region spürbar, und wie wird sich die Situation Ihrer Meinung nach entwickeln?
Der Fachkräftemangel ist in unserer Region ein bedeutendes Thema. Wir sprechen inzwischen eher von einem generellen Arbeitskräftemangel, da nicht nur spezialisierte Fachkräfte fehlen, sondern auch allgemein benötigte Arbeitskräfte. Dies betrifft besonders die sogenannten „warmen Hände“, also Berufe mit direktem menschlichen Kontakt und Fürsorge, zum Beispiel im Gesundheits- und Pflegebereich. In den letzten. sechs bis zwölf Monaten hat sich zusätzlich gezeigt, dass die wirtschaftliche Lage durch Konjunkturschwankungen beeinflusst wird. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese wirtschaftlichen Einflüsse kurz- bis mittelfristig überwunden werden können. Langfristig bleibt der Arbeitskräftemangel aufgrund der demografischen Entwicklung bestehen und erfordert nachhaltige Lösungen.
Wie ist die Unternehmensstruktur in der Region? Gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Kreisen, und welche Unternehmen sind die wichtigsten Arbeitgeber?
Gesundheitssektor und Pharmaindustrie, Lebensmittelwirtschaft und Maschinenbau sind die bedeutenden Branchen im Kreis Pinneberg. Darunter gibt es auch einige „Hidden Champions“. Insgesamt ist der Kreis von einer Vielfalt an kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt, welche sehr engagiert betrieblich ausbilden. Entsprechend groß ist die Auswahl an unterschiedlichen Ausbildungsangeboten. Mobilen Ausbildungssuchenden steht zudem die Metropolregion Hamburg offen. So gibt es zusätzliche Möglichkeiten bei den Unternehmen, die sich entlang der A7 zwischen Norderstedt und Bad Bramstedt angesiedelt haben. Die Region bietet jungen Menschen somit hervorragende Chancen für einen Berufseinstieg.

Was haben Städte wie Pinneberg, Elmshorn, Norderstedt und andere Standorte aus den Kreisen sonst noch zu bieten?
Ein wesentlicher Punkt ist die Nähe zur Stadt Hamburg, die eine hohe kulturelle Vielfalt und viele Freizeitmöglichkeiten bietet. Die gute Infrastruktur, mit schnellen S-Bahn-Verbindungen in die Innenstadt, ermöglicht es den Bewohnern, innerhalb von etwa 25 Minuten ins Zentrum zu gelangen. Zusätzlich sind die Lebenshaltungskosten in den Randgebieten oft niedriger als im Zentrum, was besonders für junge Menschen attraktiv sein kann. Die Kombination aus städtischem Angebot und entspannterem Wohnen macht diese Regionen für Familien besonders lebenswert.
Wie attraktiv ist denn Ausbildung eigentlich für junge Menschen?
Laut einer Bertelsmann-Studie möchten viele Schulabgänger in die Ausbildung einsteigen. Über alle Schularten hinweg nannten 45 Prozent Ausbildung als Wunsch und 33 Prozent als Option. Es gibt zudem zwei weitere interessante Zahlen: Der Unterschied im Lebenseinkommen zwischen Menschen mit und ohne Ausbildung beträgt fast 400 000 Euro. Die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Ausbildung liegt bei nur 2,2 Prozent, ohne bei fast dem Zehnfachen. Eine berufliche Ausbildung bietet eine solide Basis, auch wenn sich die Inhalte der Berufe durch Digitalisierung und andere Trends ändern werden.
Welche Funktion haben denn die Berufsberater der Agentur für Arbeit?
Die Berufsberatung bietet eine neutrale und persönliche Einordnung der Informationen und berät nach den Eignungen und Neigungen der jungen Menschen. Neben der Beratungskompetenz gibt es verschiedene Berufstests und Persönlichkeitstests sowie Selbsterkundungstests im Internet wie beispielsweise Check U. Es geht darum, im Dialog Richtungen und Fähigkeiten zu erkennen und passende Unternehmen zu finden.
Wie bewerten Sie das Thema duale Ausbildung beziehungsweise das duale Studium?
Deutschland ist bekannt für die duale Ausbildung und wird weltweit darum beneidet. Es bringt Schule und Betrieb gut zusammen. Das duale Studium hat ebenfalls an Zulauf gewonnen, es bietet Sicherheit und eine gute Kombi aus Studieren und Arbeiten.
Was würden Sie jungen Menschen raten, am Anfang ihres Berufslebens die jetzt stehen?
Aus meiner Erfahrung heraus ist es wichtig, erst einmal zu überlegen, was man wirklich möchte. Die Berufswelt bietet heute zahlreiche Chancen und Möglichkeiten. Selbst wenn die Rahmenbedingungen des Arbeits- und Ausbildungsmarktes sich verändern, wird es weiterhin gute Perspektiven geben. Es ist sinnvoll, sich frühzeitig klar zu werden, welche Stärken und Interessen man hat. Ein realistischer Blick ist dabei wichtig. Nicht jeder kann Webdesigner werden, aber es gibt viele andere Berufe, die vielleicht besser zu den eigenen Fähigkeiten passen. Nimm dir die Zeit, dich zu informieren und nutze die Beratungsangebote, wie zum Beispiel die Berufsberatung. Sie kann einschätzen, ob deine Vorstellungen umsetzbar sind und welche Möglichkeiten es in deinem Wunschberuf gibt. Dabei ist es auch hilfreich, flexibel und offenzubleiben. Ein weiteres wichtiges Thema ist das lebenslange Lernen. Der Beruf, den man mit 18 wählt, muss nicht der sein, den man bis zur Rente macht. Heutzutage wechseln viele Menschen im Laufe ihres Lebens den Beruf oder bilden sich weiter. Es ist daher wichtig, das Bewusstsein zu haben, dass die berufliche Entwicklung ein fortlaufender Prozess ist und man immer wieder neue Chancen ergreifen kann.
INFO
Die Internetseite www.arbeitsagentur.de/ausbildungklarmachen führt zum digitalen Selbsterkundungs-Tool „Check-U“, zur Ausbildungsplatzsuche und zur Terminvereinbarung für die Berufsberatung. Beratungstermine gibt es auch telefonisch unter 0800 4555500. Die Arbeitsagentur berät ganz nach Bedarf zu Ausbildung, Studium, Alternativen und Überbrückungsmöglichkeiten.