Zwei Wochen in Spanien in der Tischlerwerkstatt arbeiten? Oder einen ganzen Monat lang auf der Baustelle in Italien mitanpacken und miterleben, wie der Beruf, den du gerade lernst, im Ausland funktioniert? Das Erasmus+ Mobilitätsprojekt „Lernen in Europa“ der Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein (WAK) sorgt dafür, dass du ein Teil deiner Ausbildung außerhalb von Deutschland machen kannst und so ganz neue Perspektiven bekommst. Wie genau das geht? Die Redaktion hat bei Nina Lindenroth von der WAK nachgefragt.
Frau Lindenroth, wie groß ist denn die Nachfrage für das Projekt „Lernen in Europa“? Und wie unterstützt die WAK dabei?
Im Moment ist sie wahnsinnig hoch. Unser Ziel ist es, junge Menschen zu fördern, indem wir ihnen bei der Suche nach Praktikumsstellen im Ausland helfen, bei der Organisation beiseite stehen und mit finanziellen Zuschüssen für die Kosten der Reise und des Aufenthalts unterstützen.
Gibt es eine Warteliste für Bewerber?
Es kommt darauf an, um welches Erasmus-Projekt es geht. Die meisten Kammern haben regional bezogene Projekte, die feste Gruppenreisen anbieten. Da ist die Teilnehmerzahl begrenzt und es kommt dann schon auch auf die Bewerbung an. Wir, die WAK, sind keine Kammer, daher sind wir nicht auf die Region bezogen, sondern sind mit Erasmus deutschlandweit unterwegs. Bei der Bewerbung gilt, wer zuerst kommt, die Kriterien erfüllt und die Bedingungen akzeptiert, mahlt zuerst. Eine Warteliste haben wir keine.
Welche Kriterien müssen denn Interessierte erfüllen?
Entweder sollten sie gerade in einer anerkannten Ausbildung oder höchstens zwölf Monate nach einer Ausbildung sein. Die duale Ausbildung, mit Kammerabschluss, gehört auch dazu. In der Regel sollten die Bewerber 18 Jahre alt sein, was daran liegt, dass wir keine Reisen mit Betreuern oder Lehrern machen. Bei uns fahren die Auszubildenden allein.
Hängt das auch an den Schulnoten oder der Sprache?
Das war früher einmal so, aber heute ist das Gott sei Dank von Note und Sprachkenntnissen unabhängig. Es muss allerdings die Berufsschule zustimmen, wenn man in einer dualen Ausbildung ist und natürlich muss der Betrieb sein Okay geben.
Wie ist die Bereitschaft der Unternehmen? Sie müssen ja ihre Azubis für die Zeit entbehren.
Ja, das stimmt. Die Unternehmen müssen ihre Auszubildenden auch weiterbezahlen und es darf dafür kein Urlaub angerechnet werden. Die Azubis müssen freigestellt werden, das kann natürlich nicht jeder Betrieb.
Von welchen Zeiträumen sprechen wir eigentlich?
Das geht los mit zwei Wochen und kann bis zu zwölf Monate gehen. Ein ganzes Jahr macht man aber meist erst nach der Ausbildung. In der Regel machen die Auszubildenden ein Praktikum zwischen drei bis fünf Wochen.
Welche Kosten sind denn über das Stipendium abgedeckt?
Es gibt einen Tagessatz für die Unterkunft und einen Fahrtkostenzuschuss, welche idealerweise diese Kosten decken. Ob das reicht, hängt allerdings davon ab, wo man ist. Es macht einen Unterschied, ob ich mitten in Paris wohne oder irgendwo in Frankreich auf dem Land. Der Tagessatz ist der gleiche.Â
Heißt das dann für Eltern, dass sie finanziell unterstützen müssen?
Nicht unbedingt. Wenn man während der Ausbildung geht, hat man seine Vergütung zur Verfügung. Wenn man es nach der Ausbildung macht, muss man vorher sparen. Das Stipendium deckt Freizeitgestaltung und Essen nicht mit ab. Manchmal kann man das Essen von der Tagespauschale noch mit bezahlen, das kommt aber auf das Land und die Ansprüche an.
Was ist denn der Vorteil an einem Praktikum im Ausland?
Die Betriebe haben mittlerweile herausgefunden, dass wenn sie ein Auslandspraktikum während der Ausbildung anbieten, dies auch ein Werbemittel ist, um gute Auszubildende zu bekommen. Die Azubis nehmen natürlich, je nach Länge des Aufenthalts, fachlich etwas mit. Große Betriebe schicken ihre Azubis beispielsweise gerne zu Zulieferer aus dem Ausland, um ihnen dort einen Einblick zu ermöglichen. Ansonsten nehmen sie immer viel für ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen mit. Die meisten sind das erste Mal allein im Ausland und müssen sich allein durchschlagen.Â

Wenn ich eine Bäckerlehre mache, muss ich dann im Ausland auch ein Praktikum bei einem Bäcker machen?
Während der Ausbildung ist das tatsächlich an den Beruf gebunden, weil das Praktikum ein Teil der Ausbildung ist. Es ist im Ausbildungsgesetz verankert, dass ich bis zu einem Drittel meiner Ausbildung im europäischen Ausland machen kann. Nach der Ausbildung ist man in der Branchenwahl völlig frei.
Müssen es eigentlich immer EU-Länder sein oder kann ich beispielsweise auch nach Brasilien?
 Ja, wir haben einen kleinen Teil unserer Erasmus-Projekte auch weltweit und können Stipendien im Bundesprojekt „Ausbildung weltweit“ gezielt beantragen.
Kann den jeder einen Platz bekommen? Von Kaufmann bis zum Friseur?
Ja. Es ist manchmal aber von der Jahreszeit abhängig. Als Gärtnerin kann ich im November kein Praktikum in Norwegen machen. Oder auf Malta im Hochsommer ein Praktikum im Büro zu bekommen, ist auch schwer. Auch wenn man eine bestimmte Stadt haben möchte, muss man teilweise sehr suchen. Die Auszubildenden sind aber immer frei, sich eigenständig um einen Praktikumsbetrieb zu kümmern. Wir unterstützen dann und beraten sie, welche Möglichkeiten es gibt und was erfahrungsgemäß machbar ist.Â
Ab welchem Lehrjahr kann man denn das Praktikum im Ausland machen?
Theoretisch ab dem ersten Tag der Ausbildung. Die meisten jedoch gehen nach der Zwischenprüfung.
Wie kommt man denn zu euch in die Beratung?
Idealerweise schickt man uns eine Mail und dann schicke ich das Bewerbungspaket raus. Oder man kann sich vorher schon die Unterlagen auf der Homepage www.wak-sh.de/projekte/lernenin-europa herunterladen. Dann verabrede ich immer ein persönliches Gespräch, auch gerne direkt im Betrieb, dann sind die Ausbilder oft gleich mit dabei. Wir sind auch Teil des Netzwerks ,Berufsbildung ohne Grenzen und kommen gerne auch im Vorfeld in den Betrieben vorbei und stellen die verschiedenen Möglichkeiten eines Auslandsaufenthaltes in Ruhe vor.
// Interview: Julia Voigt
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Leonie ist Zahnmedizinische Fachangestellte aus Neumünster, sie durfte vom 1. bis zum 27. Januar in Irland ein Praktikum machen. Ihr Fazit:

Irland war für mich eine sehr besondere Zeit. Ich war anfangs sehr schüchtern und hatte Respekt vor dieser Reise. Doch als meine Gastfamilie mir die Tür öffnete, war ich zu Hause. Ich habe mich sofort super wohlgefühlt und es waren tatsächlich meine Eltern in Irland. Ich habe morgens mein Frühstück bekommen und abends haben wir zusammen gegessen. Meine Arbeitszeiten waren von 8 bis 17:30. Somit war ich unter der Woche nur in der Praxis und am Wochenende habe ich mir die schönsten Spots in Irland angeguckt. An meinen Wochenenden bin ich immer mit meinem Rucksack allein durch Irland gereist und habe immer wieder überall Menschen kennengelernt. Meine erste Tour war zu den „Cliffs of Moher“ und die kleine, traumhafte Stadt Galway. Dann war ich in Nordirland und habe den „Giant's Causeway“ und die Stadt Belfast erkundet. An einem Tag habe ich mir die uralten Schlösser von Irland angeschaut und war in dem Museum von dem„Book of Kells“ und in der Bibliothek des Trinity College. Mein letzter Besuch in Irland war die kleine Stadt „Howth“. Eher wie eine kleine Insel. Dort war ich mit einer Freundin aus der Praxis und wir erlebten eine kleine Bootstour. Wir sahen die Insel Ireland's Eye und die Howth Cliffs. Es war atemberaubend schön und die kleinen Seehunde haben uns den Tag noch viel schöner gemacht. Mit meinen Arbeitskollegen war ich meistens abends unterwegs und wir saßen gemütlich in den Pubs zusammen und haben gemeinsam gegessen.
Die Praxis hat mich direkt aufgenommen und ich habe super viel über die Zahnmedizin gelernt und kann zugleich gut Englisch sprechen. Ein Praktikum im Ausland ist somit für mich die beste Entscheidung gewesen. Ich habe ganz viel Selbstbewusstsein und Stärke mitgenommen sowie teilweise richtige Freundschaften geschlossen und eine unvergessliche Zeit in Irland erlebt.