Kerstin Christiansen ist eine Hüterin und Bewahrerin. Eine jener „echten“ Friesinnen, die schon in Hose und Pulli auffällt und eine Würde und Bodenständigkeit ausstrahlt, welche vermutlich über Generationen starker Frauen hinweg weitergegeben wurde - so wie ihre Trachten.

Nach der verheerenden Sturmflut von 1634, die als „Zweite Mandränke“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist, war die Not ab Mitte des 17. Jahrhunderts besonders auf den großen Geestinseln und verbliebenen Halligen enorm. Damals waren die Niederlande die größte Seefahrernation und bedienten sich für ihre Mannschaften auch bei anderen Nationen. Als die Walfangnationen Baskenland und Frankreich es ihren Seefahrern jedoch untersagten, auf niederländischen Schiffen anzuheuern, spielte das den Friesen in die Karten. Sie übernahmen die Jobs und leiteten so das „goldene Zeitalter“ für die Inseln und Halligen ein, das bis Ende des 18. Jahrhunderts andauern sollte.
Enger Zusammenhalt war unerlässlich, um allen Belastungen standzuhalten
Was aber bedeutete die Seefahrt für daheimgebliebene Frauen? Während der Fangsaison vom Frühjahr bis zum Spätherbst waren diese auf sich gestellt und von Kindern und Alten umgeben. Der Walfang brachte aber nicht nur Wohlstand an die nordfriesische Küste, sondern auch viele Ängste und Dramen. Stets war eine Wiederkehr von Söhnen und Ehemännern ungewiss, unzählige blieben auf See.
Hinzu kamen Haushalt und Kinderbetreuung. Die Friesinnen galten als ungewöhnlich selbstbewusst und emanzipiert. Eigentlich übliche, schmucklose Arbeitstrachten mit vor der Brust gekreuztem Schultertuch wurden durchaus auch schon zu dieser Zeit gegen Hosen getauscht.
70 bis 100 Nadeln halten das Schultertuch zusammen
Schmucklos ist die Tracht von Kerstin Christiansen hingegen keinesfalls. Die auf einem Föhrer Bauernhof aufgewachsene Reiseverkehrskauffrau hat ihre sogenannte Festtagstracht angelegt und bietet, hochgewachsen und blond, einen beeindruckenden Anblick, der ihren Ahninnen alle Ehre macht. Über einem seidenen, spitzengesäumten, mit einem Bolero vergleichbaren Jäckchen befindet sich der Pai, ein wollener, dunkelblauer Trägerrock mit einer Weite von viereinhalb bis fünf Metern, der im hinteren Bereich 60-fach gefältelt und unten mit einem Saum aus hellblauer Seide versehen ist.



Ein ordentliches Gewicht, das für äußerst aufrechten Gang sorgt. Darüber befindet sich eine weiße Schürze aus Madeiraspitze. Um die Schultern schmiegt sich ein kunstvoll in Falten gestecktes, quadratisches Tuch, das in den Farben je nach Geschmack variieren kann. 70 bis 100 Nadeln halten das Kunstwerk zusammen. Was der Trägerin eine besondere Anmut verleiht, ist das an eine Krone erinnernde Kopftuch, ebenfalls quadratisch, welches mit seinen seidenen, handgeknüpften Fransen an einer Borte auf eine halbmondförmige Pappe gesteckt ist, gehalten von 12 bis 15 Nadeln. Jedes Tuch ist zudem mit handgestickten, floralen Motiven versehen, allesamt Unikate.
„Ich habe recht früh bemerkt, dass ich gerne das Kopftuchbinden beherrschen würde.“
In Kerstins Toftumer Wohnzimmer gibt es allerlei zu entdecken. Auf einer Schneiderpuppe befindet sich ein Nähprojekt. Eine dunkle Schürze und ein mit Blumen besticktes Dreieckstuch hängen auf Bügeln an einem Schrank. Letzteres gehört zu einer alten, weniger bekannten Tracht. Auch an das Nähen einer solchen hat Kerstin sich nach Vorbild historischer Trachten schon gewagt. Schnittmuster liegen am Boden. „Es war tatsächlich eine ziemlich lange. Entwicklung, die ich mit mir selbst durchgemacht habe“, resümiert die Mutter zweier erwachsener Söhne. Nach der Konfirmation habe ich mit dem Trachtentanz angefangen.“ Zu diesem Zeitpunkt dürfen junge Frauen erstmalig die komplette Festtagstracht mit vollem Schmuck anlegen. Auch zum Abitur oder zu Hochzeiten wird sie gerne getragen. Fast immer handelt es sich um Erbstücke.
„Ich habe recht früh bemerkt, dass ich gerne das Kopftuchbinden beherrschen würde. Das war schon 1991. Das habe ich in einem Landfrauenkurs gelernt, den ich mit meiner Mutter besucht habe, die irgendwann keine Lust und Geduld mehr hatte. Ich war als Modell mitgekommen, und wir haben dann getauscht.“ Das sorgte für Respekt bei den deutlich älteren Landfrauen, und schon mit 18 Jahren durfte Kerstin erstmalig einer Braut das Kopftuch binden. „Bei Hochzeiten überlässt man heute meist der Braut die weiße Schürze und wählt als Gast eine dezentere, dunkle. Früher war denen das egal“, scherzt Kerstin.
„Mit 25 habe ich meinen ersten Pai genäht“
Ursprünglich waren die Föhrer Trachten bunter. Das änderte sich durch die wirtschaftlich schwierigen Verhältnisse nach dem Ende der Seefahrt, aber auch aufgrund neuer Mode, an der man sich auch bei den Trachten orientierte. Die bekannteste, heutige Festtagstracht entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. „Mit 25 habe ich bei der Föhrer Schneidermeisterin Gaby Brandt, die ebenfalls Trachtenexpertin ist, meinen ersten Pai genäht. Im gleichen Jahr habe ich auch mit den Ärmeln angefangen, da ich unbedingt etwas in meiner Größe haben wollte. Alles. Ererbte war zu klein und zusammengestückelt. Und ich wollte was Ordentliches haben.“
Das Nähen hat Kerstin von ihrer Mutter gelernt. Und schon ihre aus Goting stammende Uroma war Schneiderin. Als Kerstin fünf Jahre alt war, erkrankte ihr Bruder schwer, und während der einjährigen Abwesenheit ihrer Mutter kümmerte sich die Großmutter um das kleine Mädchen, das ein inniges Verhältnis zu ihr entwickelte. Zu jedem Geburtstag gab es zwei silberne Filigranknöpfe geschenkt. „Und ich wollte doch lieber eine Barbie haben“, lacht Kerstin. Wie ihr erging es vielen Friesinnen. Doch wie groß waren Stolz und Freude, wenn am Konfirmationstag erstmalig der volle ,eigene, zuvor auf Kommission erworbene Silberschmuck angelegt werden durfte, der zudem aus einer mehrgliedrigen Panzerkette und dem Glaube-Liebe-Hoffnung-Symbol besteht. „Als meine Oma nicht mehr so rüstig war, hat sie mich zu sich eingeladen und gesagt: ‚Heute habe ich was Besonderes mit dir vor!‘ Sie ging einen Moment weg und kam mit einer kleinen Schatztruhe zurück. Dann packte sie ihren eigenen Schmuck aus und sagte: ,Heute ist es so weit! Das sollst du jetzt haben.'“



Ab 2016 intensivierte Kerstin nach einer beruflichen Veränderung das Nähen von Trachten. Im gleichen Jahr kam die Nähbeauftragte des Nordfriesischen Vereins auf sie zu und bot ihr an, ihr Amt zu übernehmen. Allerdings zögerte Kerstin. „Ich fühlte mich mit der Aufgabe zunächst überfordert, da ich keine gelernte Schneiderin bin“, erinnert sie sich. Doch nach einem Dreivierteljahr Bedenkzeit ließ sie sich überzeugen, Nähkurse zu geben. Ihr Herzensanliegen ist es, die Kultur der Trachten zu bewahren und Kenntnisse zu vermitteln. „Sonst endet es mit uns. Irgendwann sind diese Trachten verschlissen, und wenn niemand mehr weiß, wie sie genäht werden, verschwinden sie. Und wenn ich morgen vom Auto überfahren werde, weiß auch kaum noch jemand, wie es geht.
Darum ist es mir sehr wichtig, Wissen so breit wie möglich zu streuen.“ Das macht sie in Nähkursen auf Föhr und Amrum, die dort im jährlichen Wechsel stattfinden und lange im Voraus bis auf den letzten Platz ausgebucht sind. Die Fertigkeiten hierfür hat sie sich mühsam durch Lesen, Lesen und nochmals Lesen und noch mehr Ausprobieren erarbeitet. Von ihrer Uroma erbte sie zudem einen Korb mit angefangenen Handarbeiten, darunter ein Kopftuch mit begonnener Stickerei und leitete daraus Techniken ab, Motive auf den Samt zu übertragen - ein mühseliges Unterfangen. „Ich habe so eine Stickerei einmal gemacht - das hat zwei Jahre gedauert“, lacht sie. Mittlerweile ist eine ganze Mappe mit von ihr selbst entwickelten Zeichnungen und Schnittmustern gefüllt.
Der erste Nähkurs erforderte zwar sehr viel Mut, war aber so erfolgreich, dass Kerstin weitermachte, dieses Jahr auch auf Pellworm und Langeneß. Zudem bietet sie zusammen mit der Föhrerin Ella Christiansen für den Ferring Ferian, den Föhrer Heimatverein, jährlich im Januar „Bindekurse“ an. Eine historische Art, alte, sogenannte Kopenhagener Kopftücher zu binden, die ein Karomuster und keine Fransen besaßen, lernte sie von der damals schon hochbetagten und an Demenz erkrankten Wykerin Christel Ingwersen. Dieses Wissen war ihr allerdings nicht verloren gegangen, und Kerstin bewahrt es so, wie all die anderen Geheimnisse rund um die Tracht. Annette Keisat