
Frau Professorin Neumann, Sie haben an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert und danach unter anderem beim Fernsehen und in der Industrie gearbeitet. Eine ganz andere Richtung, als die Arbeit an einer Hochschule. Wie kam es zum Wechsel in die Lehre?
Während meiner Promotion habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie wir maschinelles Lernen nutzen können, um die soziale Wahrnehmung bei Kindern besser zu verstehen. Diese Arbeit hat mein Interesse für KI weiter verstärkt. Ich war knapp fünfzehn Jahre in der Freien Marktwirtschaft unterwegs, unter anderem bei ProSiebenSat.1 Media SE und Amazon Web Services. Das war für mich superspannend. Dort habe ich gelernt, wie KI in großen unternehmerischen Kontexten eingebunden werden kann und in bestehende Geschäftsprozesse integriert wird. Mein Ziel jetzt ist es, mein Wissen und meine Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben zu können. In der Lehre habe ich die Freiheit, meine eigenen Schwerpunkte zu setzen und gleichzeitig Studierende dabei zu unterstützen, sich mit der KI auseinanderzusetzen.
Wie kam es zur Entscheidung, sich auf die Kl zu konzentrieren? Sie hätten auch etwas ganz anderes studieren können.
Ja, habe ich auch tatsächlich. An-gefangen hat es für mich mit einem abgebrochenen Medizinstudium. Daraufhin habe ich mich für Bioinformatik eingeschrieben und meinen Master in Neurowissenschaften gemacht. Mich faszinieren biologische Systeme und die Frage, wie die Natur das alles hinbekommt. Alleine wir Menschen sind schon so ein unfassbares Wunderwerk. Wir sind mit Intelligenz ausgestattet worden, ergänzt mit Emotionen und sozialem Verhalten. Und all das entspringt einem biologischen System - gesteuert von unserem Gehirn und der Information in unserer DNA. Die Idee, diese natürliche Intelligenz nachzubilden und eigene Systeme zu entwickeln, die klug agieren und in verschiedenen Bereichen nützlich sind, finde ich sehr spannend. KI bietet die Möglichkeit, die Faszination für menschliches Denken und Verhalten in technologische Innovationen umzuwandeln, die unsere Gesellschaft verbessern können.
Künstliche Intelligenz ist ja mittlerweile allgegenwärtig. Welche Rolle wird sie Ihrer Meinung nach in unserem Alltag spielen?
KI hat das Potenzial, viele Aspekte unseres Alltags zu verbessern von der Automatisierung alltäglicher Aufgaben bis hin zur Unterstützung in komplexen Bereichen wie der Gesundheitspflege. Stellen Sie sich vor, KI-Systeme könnten Routinearbeiten in Krankenhäusern übernehmen, sodass Pflegekräfte mehr Zeit für die Patienten haben. Aber nicht alle technologischen Möglichkeiten sind automatisch sinnvoll. Es ist entscheidend, dass wir uns fragen, welchen konkreten Nutzen wir erreichen wollen, bevor wir KI in ein Anwendungsfeld einführen. Diese verantwortungsvolle Herangehensweise ist einfach wichtig, um KI dazu zu bringen, tatsächlich Leben zu verbessern.
Die KI macht Menschen auch Angst und Sorge, dass ihr Arbeitsplatz durch sie ersetzt werden kann. Wie begegnen Sie diesen Gedanken?
Ich verstehe, dass solche Sorgen existieren, aber ich sehe KI auf keinen Fall als Ersatz für den Menschen. Vielmehr sehe ich sie als ein Werkzeug, das uns in vielen Bereichen unterstützen kann. Beispielsweise kann KI sich immer wiederholende und standardisierte Aufgaben übernehmen, sodass Menschen sich auf kreativere oder strategische Arbeiten konzentrieren können. Es geht darum, KI als Ergänzung zu betrachten – nicht als Konkurrenz. Natürlich müssen wir auch reflektiert darüber nachdenken, wer KI entwickelt und wie sie programmiert wird, um ethische Standards zu wahren und ihren Missbrauch zu verhindern. Bisherige technologische Revolutionen, wie die Digitalisierung und das Internet zum Beispiel, haben gezeigt, dass zwar Arbeitsplätze verloren gingen, dafür jedoch auch neue Jobs entstanden. Das wird mit der KI auch so sein. Wichtig ist die Aufklärung und Bildung, um Menschen die Angst vor der Technologie zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie sie die Vorteile von KI sinnvoll nutzen können. Deswegen sage ich immer wieder: beschäftigt euch mit dem Thema.
Wenn Sie in die Glaskugel gucken, wie wird die KI unsere Arbeitswelt verändern können?
Die Frage kann ich eigentlich nicht beantworten, weil man heute noch nicht weiß, wie sich alles entwickeln wird. Es hängt sehr stark von uns ab und wie wir als Gesellschaft entscheiden, mit dieser Technologie umzugehen. Technologisch gesehen hat KI das Potenzial, eine Vielzahl von Aufgaben zu übernehmen, die bisher von Menschen erledigt wurden. Aber wie gesagt, es liegt an uns, festzulegen, welche Aufgaben wir an KI delegieren wollen und welche nicht. Dabei spielen nicht nur technische Möglichkeiten eine Rolle, sondern auch gesellschaftliche und persönliche Werte. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, die richtige Balance zu finden.
In der Hochschule Flensburg widmet sich Ihre Arbeit auch der Einbindung von Unternehmen in die Nutzung von Kl Wie kann man sich das vorstellen?
Unser Ziel ist es, KI nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern sie auch praktisch erfahrbar zu machen. Dazu haben wir an der Hochschule Flensburg verschiedene Initiativen. Wir bauen zum Beispiel gerade ein „AI Living Lab“ auf, um mit unseren Studierenden und lokalen Unternehmen an alltagsnahen KI-Einstiegsanwendungen zu arbeiten. Wir sind auch Teil des KI-Anwendungszentrums, eine geförderte Verbundinitiative in Schleswig-Holstein. Hier wollen wir Unternehmen direkte Unterstützung bei der Implementierung von KI anbieten. Wir sehen, dass besonders kleine und mittelständische Unternehmen oft Hemmschwellen haben, sich mit KI auseinanderzusetzen, sei es aus Kostengründen oder wegen unklarer Nutzenabschätzungen. Durch praxisnahe Workshops und individuelle Beratung helfen wir, diese Barrieren abzubauen und den strukturellen Zugang zur Technologie zu erleichtern. Unser Fokus liegt darauf, die Unternehmen aufzuklären, wie sie KI gewinnbringend und verantwortungsvoll einsetzen können.
Wie gut wird das Kursangebot von den Studierenden angenommen?
Die Nachfrage nach Kursen im Bereich künstliche Intelligenz ist groß. Allerdings gibt es ein gewisses Missverständnis darüber, was KI wirklich umfasst. Viele Menschen denken, dass KI ein neues Phänomen ist, obwohl sie schon seit den 1950er-Jahren existiert. Aktuell wird KI häufig durch generative KI-Modelle wie Chatbots, zum Beispiel ChatGPT, wahrgenommen, was eine Hype-Welle ausgelöst hat. Aber das Studium der KI ist viel mehr als nur das Erstellen von Prompts für solche Systeme. Es ist wichtig, den Studierenden zu vermitteln, dass KI-Lehre viel breiter gefächert ist. Sie umfasst das Verständnis, wie solche Systeme im Kern funktionieren, was man lernen muss, um Systeme selbst zu entwickeln, zu beeinflussen und zu trainieren. Dabei wird es häufig sehr mathematisch und algorithmisch und kann für manche deshalb ganz schön trocken sein.
Und wie sehen Lerninhalte konkret aus?
Unsere Studierenden lernen in den KI-Kursen eine Vielzahl von Fähigkeiten, abhängig davon, ob sie sich im Bereich Informatik oder in anderen Studiengängen befinden. In den Informatikstudiengängen konzentrieren wir uns stark auf Software-Engineering und die Entwicklung von KI-Systemen. Die Studierenden lernen, welche mathematischen Prinzipien notwendig sind und wie wichtige Algorithmen funktionieren. Ein zentraler Bestandteil ist das Verständnis, wie man Programme schreibt, die selbstständig aus Daten lernen können – anders als bei herkömmlicher Software, bei der explizite Anweisungen vorgegeben werden. Zusammengefasst ist es das Ziel, Studierende sowohl technisch fit zu machen in der Entwicklung und Programmierung von KI-Systemen als auch -strategisch in der Anwendung und Entscheidungsfindung im Business-Umfeld.
Welche besonderen Herausforderungen und Chancen sehen Sie bei der Entwicklung von KI-Lösungen in Deutschland?
In Deutschland und Europa stehen wir vor der Herausforderung, mit den großen Technologieriesen aus den USA und China Schritt zu halten. Doch wir haben auch Stärken, besonders in der Forschung und in der Verknüpfung von Technologie mit sozialverträglichen Aspekten. Unsere Aufgabe hier ist es, nicht nur bestehende Technologien weiterzuentwickeln, sondern auch eigene innovative Ansätze zu erarbeiten. Ich sehe große Chancen darin, spezielle Nischen zu besetzen und durch neue Methoden und Lösungen global zu punkten. Dazu müssen wir eng mit der Wissenschaft, der Industrie und auch der Politik zusammenarbeiten, um ein unterstützendes Umfeld für Kreativität und Innovation in der KI zu schaffen.
Wenn Sie drei Ratschläge für den Umgang mit Kl geben könnten - sowohl für Unternehmen als auch für den privaten Menschen-, welche wären das?
Seien Sie neugierig und offen. Lassen Sie sich nicht von technischen Herausforderungen oder neuen Konzepten abschrecken, sondern sehen Sie darin eine Chance, Neues zu lernen und zu entdecken. Zweitens: Nehmen Sie sich die Zeit, die ethische Bedeutung von KI zu verstehen. KI ist mächtig. Damit sie verantwortungsvoll genutzt wird, muss sie mit Bedacht und Weitsicht eingesetzt werden. Und schließlich: Haben Sie keine Angst vor dem Scheitern. Gerade in einem sich so schnell entwickelnden Bereich wie der KI sind Rückschläge oft wertvolle Lerngelegenheiten. Eine offene Fehlerkultur kann helfen, Innovationen schneller und erfolgreicher zu gestalten. Gemeinsam können wir die Technologien von morgen gestalten, indem wir heute die richtigen Fragen stellen und mutig sind.