Herr Geertz, wie ist in der Region die aktuelle Stimmung im Handwerk?
Die Stimmung ist zurzeit mäßig. Wenn wir auf unsere Konjunkturumfragen des letzten Jahres schauen, sehen wir, dass die Situation schlechter wurde, besonders im vierten Quartal. Ein Hauptgrund ist, dass weniger gebaut wird. Die Zahl der Bauanträge ist seit 2021 um mehr als 40 Prozent gesunken.
Das trifft das Baugewerbe natürlich, das jedoch zuvor von einer sehr guten Konjunktur dank niedriger Zinsen profitiert. Jetzt sehen wir die Auswirkungen von Inflation, hohen Zinsen und politischer Unsicherheit. Viele halten sich beim Bauen zurück.
Und wie sehen Sie die langfristigen Aussichten für das Handwerk?

Aus meiner Perspektive gibt es keinen Grund zur Sorge. Auch wenn wir gerade eine schwierige Phase durchlaufen, denke ich, dass das Handwerk langfristig stabil bleibt.
Dieses Jahr wird sich die Lage wahrscheinlich nicht verbessern, aber sobald es auf politischer Ebene zuverlässigere Rahmenbedingungen gibt, bin ich optimistisch.
Wir brauchen mehr denn je Wohnraum, und die Energiewende in Deutschland bietet dem Handwerk enorme Chancen. Insgesamt hat das Image des Handwerks in den letzten Jahren deutlich dazu gewonnen, und es bleibt unverzichtbar. Maschinen und KI werden echte Handarbeit nicht ersetzen können.
Welche Hürden stehen den Handwerksbetrieben derzeit am meisten im Weg?
Die aktuelle Herausforderung besteht darin, die konjunkturelle Delle einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Wir müssen dringend Wege finden, um den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen. Die demografische Entwicklung zeigt, dass in den kommenden Jahren viele Arbeitskräfte in den Ruhestand gehen werden. Nachwuchs zu finden und auszubilden ist die größte Aufgabe des Handwerks, um auch in Zukunft gut aufgestellt zu sein.
Wie attraktiv sind Handwerksberufe heute für junge Menschen?

Ich denke, das Handwerk hat in den vergangenen Jahren enorm an Attraktivität gewonnen.
Unsere Imagekampagnen und die Tatsache, dass das Handwerk auch während der Corona-Pandemie weiterarbeiten konnte, haben dazu beigetragen, dass viele junge Menschen den Wert handwerklicher Arbeit durchaus wertschätzen.
Hinzu kommt, dass Digitalisierung und technologische Fortschritte viele Berufe weniger körperlich belastend und somit attraktiver machen.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Handwerk?
In den letzten zwei Jahrzehnten hat das Handwerk einen erheblichen Sprung in Richtung Digitalisierung gemacht. Heute ist das Handwerk vernetzter als je zuvor - von der Hausautomation über modernste Werkzeuge bis hin zu komplexen IT-Lösungen in der Fahrzeugtechnik. Die Digitalisierung bringt neue Herausforderungen, macht die Arbeit aber auch interessanter und eröffnet neue Chancen.
Welche Rolle spielt die Handwerkskammer bei der Unterstützung der Betriebe?
Wir engagieren uns stark in der Werbung für eine Ausbildung im Handwerk und zeigen die vielfältigen Karrierechancen auf. Gleichzeitig setzen wir die überbetriebliche Ausbildung für die Betriebe um. Auch setzen wir uns dafür ein, dass die Politik mehr Unterstützung bietet.
Wie sehen die Ausbildungszahlen zurzeit aus?
In Schleswig-Holstein sehen wir ein kleines Plus von rund einem Prozent bei den neuen Auszubildenden. Allerdings gibt es regionale Unterschiede: Während die Städte wie Flensburg, Kiel und das Hamburger Umland Zuwächse verzeichnen, ist die Situation an der Westküste, bedingt durch demografische Faktoren, weniger positiv.
Gibt es Berufe, die besonders gefragt sind und welche sind schwieriger an den Azubi zu bringen?

Unter anderem ist der Beruf des Kfz-Mechatronikers weiterhin sehr gefragt. Berufe im Elektrobereich sind ebenfalls beliebt. Beim Bauwesen gibt es hingegen derzeit angesichts der konjunkturellen Unsicherheiten eine gewisse Zurückhaltung.
Herausforderungen bestehen weiterhin auch im Nahrungsmittelgewerbe wie bei Bäckern und Fleischern, da lassen sich junge Leute nicht so leicht begeistern.
Welche Unterstützung bietet die Handwerkskammer im Bereich der Weiterbildung?
Unsere Meisterkurse sind nach wie vor stark nachgefragt. Wir unterstützen bei der Weiterentwicklung durch umfassende Beratungen, finanzielle Förderungen wie das Meister-BAföG und auch durch praktische Hilfe bei der Beantragung von Förderinstrumenten wie der Meistergründungsprämie. Außerdem bieten wir Programme an, um junge Meister mit potenziellen Arbeitgebern zu verknüpfen.
Sie selbst haben eine Ausbildung im Handwerk gemacht. Was war Ihre Motivation?

Ja, ich habe Tischler gelernt, weil ich schon immer eine Leidenschaft für den Werkstoff Holz hatte. Holz riecht, fühlt sich toll an. Meine Frau freut sich auf jeden Fall, dass ich handwerklich begabt bin. Nach einer Ausbildung zum Erzieher habe ich dann Betriebswirtschaft studiert.
Mir kommt die handwerkliche Ausbildung heute in meiner Position zugute, da ich eine Ahnung davon habe, was unsere Unternehmer beschäftigt.
Was wollen Sie jungen Menschen, die vielleicht ins Handwerk einsteigen wollen, mitgeben?
Dass sie Lust und Interesse am Handwerk haben. Man kann alles lernen und erreichen, aber man braucht Leidenschaft für das, was man tut. Handwerk ist nicht nur erfüllend, sondern auch zukunftssicher und lukrativ.
Was würden Sie sagen, lohnt sich Selbstständigkeit im Handwerk noch?
Auch wenn ich verstehen kann, dass es Befürchtungen wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten gibt, würde ich auf jeden Fall „Ja“ sagen. Die Selbstständigkeit im Handwerk kann sich durchaus lohnen, obwohl sie mit Herausforderungen verbunden ist. Bürokratie ist ein großes Thema, das viele Selbstständige mehr Zeit im Büro verbringen lässt, als ihnen lieb ist. Trotzdem gibt es Hoffnung, dass durch zukünftige Entwicklungen, wie den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die Attraktivität der Selbstständigkeit im Handwerk gesteigert wird.
Das Handwerk ist weniger von großen Schwankungen abhängig. In den letzten Jahren hat sich die finanzielle Lage vieler Handwerksbetriebe positiv entwickelt, was sich an steigenden Erträgen zeigt. Letztlich lässt sich sagen, dass das Potenzial, im Handwerk gutes Geld zu verdienen und eine stabile Karriere aufzubauen, nach wie vor hoch ist. Für mich hat das Handwerk mehr goldenen Boden, als je zuvor.
Interview: Julia Voigt