Aufgewachsen in einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Nähe von Bad Oldesloe, ist ihr das Gespür für Land und Tier schon in die Wiege gelegt worden. Heute ist Ute Volquardsen nicht nur erfolgreiche Unternehmerin, sondern auch in zweiter Amtszeit Präsidentin der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein - und das im Ehrenamt. Unsere Redakteurin Julia Voigt hat sich mit der dreifachen Mutter in ihrem kleinen Hofladen an der Westküste getroffen und sich über Zukunftsperspektiven und berufliche Möglichkeiten in der Landwirtschaft unterhalten.
Frau Volquardsen, Sie sind in Ihre zweite Amtszeit als Präsidentin der Landwirtschaftskammer gestartet. Welche sind derzeit die größten Herausforderungen in der Landwirtschaft?
Zur Kammer gehört nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch der Gartenbau, der Forst und die Fischerei. Zurzeit stehen wir vor einer Reihe von Herausforderungen, die uns täglich intensiv fordern. Wir alle haben die Bauern-Proteste miterlebt und ein Verständnis dafür bekommen, dass es nicht ganz einfach ist, in dem Beruf wirtschaftlich durchzuhalten. Aber man muss Landwirtschaft immer auch langfristig sehen. Ein zentrales Problem sind zudem die ausgesprochen komplexen bürokratischen Hürden.
Diese Bürokratie ist nicht nur zeitraubend, sondern geht oft mit einer erheblichen Ressourcenbindung einher, die uns einschränkt. Wir müssen einen immer größer werdenden Teil unserer Zeit und Energie in Verwaltungsaufgaben stecken. Zudem befinden wir uns inmitten eines digitalen Wandels, der enorme Veränderungen mit sich bringt. Die Geschwindigkeit, mit der neue Technologien Einzug halten, ist rasant. Während diese Entwicklung neue Chancen eröffnet, etwa durch Effizienzsteigerungen und Automatisierungen, stellt sie die Betriebe auch vor große Herausforderungen, finanziell als auch beim Wissenstransfer.
Wie hat sich denn besonders die Landwirtschaft in den letzten Jahren verändert?
Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten in großen Schritten weiterentwickelt. Zu meiner Kindheit waren die landwirtschaftlichen Betriebe sehr breit aufgestellt. Das bedeutete, dass jeder Hof eine Vielzahl von Aktivitäten abdeckte, darunter Viehzucht, Ackerbau und oftmals auch Obst- und Gemüseanbau. Irgendwann wurde dazu geraten, sich zu spezialisieren. Die Idee war, sich auf bestimmte Bereiche zu konzentrieren. Diese Spezialisierung brachte viele Vorteile, etwa eine Optimierung von Abläufen und einen gezielten Technikeinsatz. Doch mit der zunehmenden Veränderung der Märkte und deren schwankenden Erzeugerpreisen und den immer extremeren klimatischen Bedingungen sehen wir nun, dass Spezialisierung auch viele Hürden für die Betriebe mit sich bringt.
Eine breitere Aufstellung eines Betriebs hilft nicht nur, finanzielle Schwankungen besser abzufangen, das Risiko zu streuen, sondern gibt auch die Möglichkeit, innovativ auf neue Herausforderungen zu reagieren und flexibel zu bleiben. Wir haben ja beispielsweise mittlerweile immer häufiger eine Direktvermarktung auf den Höfen. Aber trotzdem muss man sich darüber im Klaren sein, dass jeder andere Betriebszweig immer auch mehr Arbeit macht.
Kann man überhaupt in der Landwirtschaft gut Karriere machen?
Ja, auf jeden Fall. Die Landwirtschaft bietet eine Vielzahl an Karrierechancen und ist ein Berufsfeld mit viel Zukunftspotenzial. Gerade in den letzten Jahren entschieden sich mehr junge Menschen für agrarwissenschaftliche Studiengänge und gut die Hälfte davon hat keinen familiären Bezug zur Landwirtschaft. Außerdem klettert man meist nicht die Leiter Stufe für Stufe hoch, sondern bekommt schnell Verantwortung und wird sein eigener Chef. Das hat für viele auch einen Reiz.
Was macht Ausbildung und den späteren beruflichen Weg in der Landwirtschaft besonders attraktiv?
Früher war das Bild des Landwirts häufig durch harte, oft körperliche Arbeit geprägt, frühes Aufstehen und 24 Stunden an sieben Tagen die Woche bereitstehen, das ist die Vorstellung, die viele von diesem Beruf hatten. Glücklicherweise hat sich das sehr verändert. Besonders in größeren Betrieben, die Mitarbeitende haben, ist heute eine gesunde Work-Life-Balance möglich und das ist meiner Meinung nach sehr wichtig, mit Blick auf die Nachfolgeregelung. Junge Menschen, die sich für eine Ausbildung in der Landwirtschaft entscheiden, erleben eine umfassende Wissensvermittlung und wenn man wirklich Lust dazu hat, dann macht dieser tolle und innovative Beruf auch sehr zufrieden.
Sie lernen schnell, eigenverantwortlich zu handeln und entwickeln ein starkes Gefühl für Teamarbeit und unternehmerisches Denken. Der Beruf selbst ist vielfältig und bietet die Möglichkeit, direkt mit der Natur zu arbeiten und ich sehe das als sehr sinnstiftend an. Wir Menschen brauchen die Landwirtschaft zum Leben. Auch die zunehmende Digitalisierung und Automatisierung eröffnet neue Möglichkeiten.
Warum schlägt Ihr Herz für die Landwirtschaft?
Für mich ist die Landwirtschaft weit mehr als nur ein Beruf - sie ist Teil meines Lebens und dafür bin ich sehr dankbar. Seit meiner Kindheit bin ich auf einem Bauernhof zu Hause und das bedeutete für mich und meine Schwester damals ein kleines Paradies. Auf einem Hof aufzuwachsen, hat mein Verständnis von Natur, Arbeit und Gemeinschaft von Grund auf geprägt. Man bekommt ein Gefühl für unsere Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und insbesondere den Wert von Lebensmitteln. Wer einmal miterlebt hat, wie viel Arbeit und Fürsorge in der Erzeugung steckt, entwickelt eine tiefere Wertschätzung dafür und einen ganz anderen Blick. Mich hat die Arbeit in der Landwirtschaft Respekt, Verantwortungsbewusstsein, aber auch Demut gelehrt.
Was raten Sie jungen Menschen, die sich für ein Studium oder eine Ausbildung in der Landwirtschaft interessieren? Was möchten Sie ihnen aus Ihrer Erfahrung und Position mit auf den Weg geben?
Eine gute Ausbildung ist die Grundlage für alles. Selbst wenn man nicht in der Landwirtschaft bleibt, kann man mit einer Ausbildung oder einem Studium überall etwas anfangen. Besonders wichtig ist die Prägung, die durch eine landwirtschaftliche Ausbildung entsteht. Ich rate jungen Menschen auch, über den Tellerrand hinauszublicken, ins Ausland zu gehen und mutig dem nachzugehen, was ihnen wirklich Spaß macht. Leidenschaft und Kreativität sind entscheidend, denn in der Landwirtschaft muss man immer innovativ sein.
Auch wenn es schwierig ist, sich selbst zu beschreiben, wie würden Sie Ihre Charakter-Eigenschaften benennen, die zu Ihrem Erfolg beigetragen haben?
Auf jeden Fall bin ich neugierig und ich mag Menschen. Es ist wichtig, bereit zu sein, neue Dinge auszuprobieren. Besonders in der Kammerarbeit musste ich lernen, mit politischen Vertretungen umzugehen, obwohl wir selbst politisch neutral sind. Dafür braucht es Mut. Es ist auch wichtig, ständig aus der eigenen Komfortzone herauszutreten, den Blickwinkel zu wechseln und kontinuierlich zu lernen. Dazu gehört auch Beharrlichkeit. Man muss dranbleiben, auch wenn es manchmal unbequem ist. Werte, die ich aus meiner Kindheit mitgenommen habe, wie die Demut, helfen mir dabei.
Es ist mir wichtig, meine Aufgabe bewusst und mit vollem Einsatz zu erfüllen, aber auch loslassen zu können, wenn die Zeit gekommen ist, weiterzugeben. Ich bin auch ausgebildete Trainerin und Schiedsfrau gewesen, was mir geholfen hat, zwischen Menschen zu vermitteln, Wege zu finden und Brücken zu schlagen.
Gibt es auch Möglichkeiten für Quereinsteiger in der Landwirtschaft?
Ja, definitiv. Die Landwirtschaft bietet großartige Möglichkeiten für Quereinsteiger, wie unter anderem durch Umschulungen oder Zertifikatsprogramme.
Haben Sie einen Herzenswunsch für die kommenden Jahre?
Ja, mein Herzenswunsch wäre, dass der Dialog zwischen Landwirtschaft und Gesellschaft weiterhin gestärkt wird. Ich habe in meiner Zeit in der Zukunftskommission Landwirtschaft gelernt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, um Missverständnisse und Vorurteile abzubauen. Es ist entscheidend, dass Menschen, die kritische Ansichten zur Landwirtschaft haben, den Dialog suchen, statt nur Kritik auszuüben, wiederum die Landwirte/ innen ebenfalls offen sind.
Die letzten Jahre haben gezeigt, dass uns auch viel Wertschätzung entgegengebracht wurde und viele Brücken zwischen Verbrauchern und Landwirten geschlagen wurden. Ich hoffe, dass dieser positive Austausch bestehen bleibt und weiter ausgebaut wird. Es ist wichtig, offen über Herausforderungen zu sprechen und das Verständnis füreinander zu fördern. Denn letztendlich sind wir alle Teil des gleichen Systems; Landwirte sind auch Verbraucher, und ohne Landwirtschaft kann niemand leben.
// Julia Voigt
Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein
Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein (LKSH) existiert seit 1896. Sie steht mit Ausbildung und Beratung und ihrem Versuchswesen an der Seite der Praxis. Ihr Ziel ist es, die Betriebe zu unterstützen, um die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen, die Produktion hochwertiger Nahrungsmittel und das Erzielen angemessener Einkommen auf den Betrieben zu sichern unter der Bedingung, möglichst umweltverträglich zu wirtschaften. Sie hat laut Kammergesetz die Aufgabe, die Landwirtschaft, den Gartenbau und Forst sowie die Fischerei und deren dort tätige Menschen fachlich zu fördern, zu betreuen und zu beraten. Mehr unter: www.lksh.de