Lange wurde diskutiert, gestritten und geplant – doch jetzt ist er da. Pünktlich zur Sommersaison wurde Mitte Juni der erste Abschnitt des neuen Multiparks im Süden von Westerland eröffnet – ein Skatepark, ein Streetball-Feld und eine legale Graffitiwand stehen Einheimischen und Gästen jetzt zur Verfügung. Und was vor zehn Jahren noch als ehrgeizige Idee von Gernot Westendorf und Thomas Urmersbach begann, strahlt schon seit dem ersten Tag über die Insel hinaus.
Zur feierlichen Eröffnung tummelten sich etwa 500 Menschen auf der Anlage – unter ihnen nicht nur Sylter Jugendliche, sondern auch Besucher vom Festland, wie etwa die Ehefrau des Bürgermeisters aus St. Peter-Ording, die sich tief beeindruckt zeigte. Dort existiert zwar bereits eine Anlage, die aber vergleichsweise klein ist. Und so sagt Susanne Pfau das, was Sylter Skater regelmäßig von sich gegeben haben, wenn sie wieder einmal auf dem Festland unterwegs waren, um ihrem Hobby in ansprechender Umgebung nachgehen zu können: „Sowas brauchen wir auch!“ Zusätzlich bewies die Anlage direkt am Eröffnungstag ihre wettertechnischen Insel-Qualitäten: Ein kurzer Schauer kurz vor dem Start ließ die Initiatoren zwar kurz zittern, doch der moderne, glatte Spezialbeton trocknete dank Sonne und Nordseewind sprichwörtlich „ratzfatz“ wieder ab.
Tricks an der Lärmschutzmauer
Besonders bemerkenswert ist die Geräuschkulisse – oder besser gesagt: das Fehlen derselben. Im Vorfeld gab es heftige Diskussionen um potenzielle Lärmbelästigung, die sogar im Bau einer massiven Schallschutzmauer gipfelten – und die jetzt als besonderes Merkmal der Anlage für spektakuläre Tricks in bis zu sechs Metern Höhe herhalten darf. Der geschmeidige, sogenannte Flüster-Beton ist dabei so leise, dass man von den Rollen auf dem Untergrund kaum etwas hört. Thomas Urmersbach ist sich sicher: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Erste die Wand komplett bezwingt.“



Für die Experten unter den Lesern: Was macht die Anlage so besonders? Im Gegensatz zu klassischen, stufigen Street-Skateparks handelt es sich hier im ersten Abschnitt primär um einen sogenannten Flowpark mit einer integrierten „Corner Bowl“. Das Design lehnt sich dabei ganz bewusst an den Ursprung des Skatens an, der in Kalifornien der 1960er liegt. Damals bauten Surfer dort die ersten Skateboards, um wellenlose Tage zu überbrücken. Surfen und Skaten – beides hat auch auf Sylt eine lange Tradition. Der Beton ist pfeilschnell. Der Park bietet unendlich viele Fahrlinien („Lines“), bei denen man kaum noch mit dem Fuß Schwung holen muss. „Wer geschickt in die Kurven fährt, nutzt die reine Fliehkraft und die Neigung der Rampen aus und kann sprichwörtlich ewig im Kreis fahren, ohne anzuhalten“, sagt Michel Volz, 1. Vorsitzender vom Verein Skateboarding Sylt. Ergänzt wird die Anlage derzeit durch clevere Elemente wie „Slappy Curves“ und „Banks“.
Vom maroden Stadion zum Vorzeigeprojekt
Der Verein Skateboarding Sylt ist 2018 aus der Interessengemeinschaft Multipark hervorgegangen, die zwei Jahre zuvor von Gernot Westendorf und Thomas Urmersbach ins Leben gerufen wurde, als beiden klar wurde, dass der Traum vom Multipark ein ganz anderes Management brauchte, um Realität zu werden.
Angefangen hatte alles mit dem Frust darüber, dass an einer örtlichen Schule Sportflächen fehlten, gepaart mit dem Wunsch, den eigenen Kindern eine Perspektive zu bieten. Selbst als Gemeindevertreter in der Inselpolitik unterwegs, führten sie ihre Pläne durch alle Instanzen. Schließlich geriet das marode Sylt-Stadion ins Visier der Planung. Was wiederum Anwohner auf den Plan rief, die die Anlage lieber am Sportzentrum im Osten der Insel zwischen Tinnum und Keitum gesehen hätten. „Das wäre eher das Abstellgleis für so ein Projekt gewesen, weder zentral noch attraktiv“, sagt Urmersbach dazu. Der jetzige Standort in Westerland ist perfekt: fußläufig für die Schulen, direkt neben dem Campingplatz und für Sylter wie Gäste gleichermaßen erreichbar. Der Park versteht sich explizit als offene, freie Begegnungsstätte abseits starrer Vereinsstrukturen. „Keine festen Trainingszeiten, kein Wettbewerbsdruck – man schnappt sich sein Brett und macht sein Ding“, erklärt Michel Volz, nachdem er gerade selbst zum ersten Mal die Anlage getestet hat.
Auch die urbane Kunst hat hier ihren Platz gefunden: Eine eigens auf der Rückseite der Lärmschutzwand integrierte Graffiti-Box dient als legale Fläche für Sprayer. Das Prinzip: Kunstwerke werden gesprüht, digital per Foto für die Ewigkeit festgehalten und dürfen dann vom Nächsten wieder weiß grundiert und übersprüht werden. Wichtig ist den Skatern nur eines: Die Fahrrampen selbst müssen absolut graffitifrei bleiben, da Farbe die Oberfläche rutschig macht und das schnelle Abtrocknen verhindert. Aus ähnlichem Grund wurde neben der Anlage ein überdimensionales Skateboard zur Hälfte in einem Betonfundament versenkt. Es dient so als Stickerwand und soll eine Alternative bieten für Aufkleber, die eben nicht auf der Anlage einen Platz finden sollen.
Der 14-Millionen-Plan für Westerland
Der aktuelle Zustand für rund zwei Millionen Euro, voll finanziert durch die Gemeinde Sylt, ist erst der Anfang. Insgesamt stehen im kommunalen Masterplan rund 14 Millionen Euro für das Gesamtgelände bereit. Als weitere Bausteine ist eine komplette Leichtathletikanlage mit Laufbahnen und Anlagen für alle Wurf- und Sprungdisziplinen geplant. Hiervon sollen nicht nur die Gäste und Einheimischen im Allgemeinen profitieren, sondern gerade der TSV Westerland als zweitgrößter Verein Nordfrieslands und das Schulzentrum im Besonderen. Mit dieser Anlage können dann die Athleten des Breitensportvereins wieder unter professionellen Bedingungen trainieren und die Schüler sich auf ihr Sportabitur vorbereiten. Außerdem sind ein Fußball-Kleinfeld, Beachvolleyball sowie Möglichkeiten für Parkour und zum Bouldern angedacht.
Und auch der Skatepark ist in seiner jetzigen Form noch nicht die finale Fassung. Neben einem Gebäude, in dem der TSV Westerland mit seiner Geschäftsstelle einziehen soll und insulare Kultureinrichtungen Räume erhalten werden, wird auch der Skatepark noch um einen weiteren Abschnitt ergänzt. Wenn das in die Tat umgesetzt worden ist, erfüllt der vom dänischen Architekturbüro Glifberg und Lücke entwickelte Skatepark laut Unternehmensangaben internationale Standards. Dann sind auch offizielle Wettbewerbe dort möglich oder sogar die Einrichtung eines Olympia-Stützpunktes, wie Thomas Urmersbach verrät. Als ehemaliger Weltspitzen-Skateboarder nahm der Planer Rune Glifberg, der auch das Titelbild dieses Magazins ziert, jetzt schon das Angebot gerne an, die Anlage offiziell am Eröffnungstag einzuweihen. Wobei man sagen muss, dass er dafür ein bisschen zu spät gekommen ist. Denn während vor seinem Auftritt noch diverse Reden gehalten wurden, hatten zahlreiche Kinder und Jugendliche den Skatepark bereits für sich erobert. So hatten sich Gernot Westendorf und Thomas Urmersbach das schon vor zehn Jahren vorgestellt.
Text: Armin Struve