Virtuoser Pianist, außergewöhnlicher Komponist, zugewandter Geschichtenerzähler und leidenschaftlicher Improvisateur auf seinem Flügel, über dessen Tasten seine Finger auch schon mal auf dem Rücken liegend fliegen. Joja Wendt auf der Bühne zu erleben, ist mehr als ein Konzert, immer mitreißend, emotional, authentisch, berührend und mit einem wunderbaren Augenzwinkern. Ein Ereignis, das sich kaum mit Worten beschreiben lässt. Einst von Joe Cocker während einer Jamsession in einem Hamburger Musik-Club entdeckt, mit ihm und weiteren Weltmusikern wie Chuck Berry und Jerry Lee Lewis auf der Bühne gestanden, hat Joja Wendt auch als Solist schon große Erfolge gefeiert wie zuletzt mit seiner ausverkauften Tournee „Spiel doch mal leiser!“ Entspannung und Energie für seine Auftritte, bei denen Joja Wendt immer alles aus sich und seinem Instrument herausholt, findet der 62-Jährige seit fast 20 Jahren auf Sylt, in seinem zweiten Zuhause List.
„Ich liebe Sylt, List, den Ellenbogen, schon im Zug oder auf der Fähre geht mir das Herz auf“, schwärmt Joja Wendt über die Insel und sein Lister Haus, erworben im Jahr 2007. „Damals war List noch nicht so in, daher konnte ich es mir als Künstler gerade so leisten“, sagt der zweifache Vater über seinen Sehnsuchts- und Rückzugsort, an dem er die Ruhe zum Proben und Komponieren findet. „Es ist einfach großartig, ich habe mir dort einen Flügel in die Garage gestellt und kann dort Tag und Nacht spielen“, sagt Joja Wendt. Das Klavier bezeichnet er als „meine erste große Liebe“, die ihn schon im Alter von vier Jahren in ihren Bann gezogen und seitdem nie mehr losgelassen hat.
Auf Sylt hat der Louis-Armstrong-Preisträger mitten im Leben noch eine weitere, ganz andere Liebe gefunden: das Kiten. „Einfach ein Traum, ganz für sich, in und mit der Natur zu sein, im Weißwasser der Brandung von List zur Buhne 16 in Kampen zu fahren, einen Drink nehmen, dann noch weiter bis Westerland oder sogar mal bis Hörnum auf dem Wasser zu schweben“, sagt der Pianist, der auch bekannte Filmmusiken wie zu „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ komponiert hat.
Seine Verbundenheit mit Sylt drückt Joja Wendt auch durch besondere Benefiz- oder Überraschungskonzerte aus, wie bei einem Auftritt im Erlebniszentrum Naturgewalten für die Freiwillige Feuerwehr List. Aufsehen erregten auch seine Auftritte in seinem VW Bulli T2 mit eingebautem Klavier zum Vatertag. „Das habe ich für meinen Sylter Tischtennis-Freund Christian Jürgensen auf seinem Morsumer Campingplatz gemacht“, sagt Joja Wendt. Doch davon hörte Herbert Seckler und bat dann spontan um ein Bulli-Konzert auch vor seiner berühmten Sansibar.




Der unerschütterlich lebensfrohe Künstler liebt solche Auftritte mit fast privatem Ambiente. „Ich komme aus der Clubszene, die Interaktion, die große Nähe, die dabei zum Publikum möglich ist, nehme ich einfach mit in die großen Säle. Diese gegenseitige große Zugewandtheit ist schon etwas Besonderes“, sagt Joja Wendt. Sofort ist der Star am Flügel mit seinem Publikum beim Du, plaudert wie ein Nachbar aus dem privaten Nähkästchen, vom ersten Stück an fühlen sich seine Konzerte an wie eine gute Zeit unter Freunden. Trotz vieler Wortbeiträge mit hohem Unterhaltungswert sieht sich Joja Wendt nicht als Entertainer, sondern als Storyteller. „Ich erzähle so gerne die Geschichten hinter den Liedern und Texten, denn diese haben eine große Bedeutung für mich“, sagt der Pianist, der schon auf allen Kontinenten konzertiert und in China über eine Milliarde Fans erreicht hat. Dabei bringt er nicht nur ein virtuoses Klavierspiel auf die Bühne, sondern auch seine in Teilen unglaubliche Lebensgeschichte, die unter dem Titel „Spiel doch ein bisschen leiser!“ auch als Buch erschienen ist.
Es geht um große Träume, schicksalshafte Begegnungen, persönliches Glück, magische Orte und dramatische Tiefpunkte, musikalisch übersetzt in ganz unterschiedliche Genres und Stilrichtungen. Zu diesen Tiefpunkten zählt ein schwerer Autounfall im Alter von 27 Jahren, verursacht durch einen stark alkoholisierten Mann, der plötzlich vor sein Auto lief. Die linke Hand des Pianisten wird schwer verletzt. Die Ärzte sagen Joja Wendt: Sie wollen Pianist werden? Das können Sie abhaken! „Der Zeitpunkt hätte nicht unglücklicher sein können“, erinnert sich der Hamburger. Denn gerade nahm seine Solokarriere richtig Fahrt auf, gerade sollte das erste Album in London produziert werden. „Mit einem Schlag wurde alles in meinem Leben infrage gestellt.“ Doch diesen Schockzustand lässt Joja Wendt nur kurz zu. An seiner linken Hand ist fastalles kaputt, wahrscheinlich würde er zwei Finger verlieren.„Völlig grundlos bin ich dieser Herausforderung mit grenzenlosem Optimismus begegnet, mit dem Entschluss: Ich werde Musiker, auch mit acht Fingern“, erinnert sich der 60-Jährige. Dafür gibt er an sieben Tagen die Woche von morgens bis spätabends über Monate alles, täglich Physiotherapie, Bewegungsübungen und Klavierspielen bis „,deutlich über die Schmerzgrenze“. Joja Wendt hält das Versprechen, das er sich selbst gegeben hat. Er lebt schließlich seinen Traum, Musik als Beruf zu haben, und spielt weltweit in vielen berühmten Konzertsälen oder wie im vergangenen Jahr beim legendären Heavy-Metal-Festival Wacken-Open-Air, an einem metallenen Flügel. Im Mai dieses Jahres hat er sich zudem mit einem Konzert in der Semperoper in Dresden einen großen Herzenswunsch erfüllt, wie selbst formuliert.
Deutlich harmloser als beim schweren Verkehrsunfall mit 27 sind die Folgen eines schmerzhaften Missgeschicks im Jahr 2016 auf Sylt. Joja Wendt stürzt beim Kitesurfen auf eine Austernbank und kommt mit Schnittverletzungen ins Krankenhaus. „Ich hatte viel Blut verloren und wurde mit 25 Stichen genäht, aber zum Glück wurden keine Bänder verletzt“, erinnert er sich. Nach einem weiteren Sturz beim Kiten aus großer Höhe wird zudem ein neues Hüftgelenk fällig. Dennoch kitet Joja Wendt weiter, allerdings etwas altersgerechter: „Ich springe nicht mehr so hoch und fahre nun öfter auch mal dichter am Land“. Aufgeben möchte er diesen rasanten Sport, der seine Seele zwischen Meer, Himmel, Sonne und Sternen zur Ruhe kommen lässt und ihm immer wieder neue Energie schenkt, aber auf keinen Fall. „Spiel doch mal leiser!“ lautet der Titel von Joja Wendts Biographie. Diese Aufforderung hat der begnadet talentierte Pianist zum Glück niemals befolgt. Und doch gibt es den Joja der leisen Töne, besonders auf seiner Sehnsuchtsinsel Sylt, „die so wunderbar erdet“.