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Es war Zeit für Amerika

Fotos: privat

Für Außenstehende faszinierend: Fast jede Familie auf Föhr und Amrum hat enge Verbindungen nach Amerika. US-Flaggen, gehisst vor den Friesenhäusern, gehören zum Ortsbild - sie zeigen: Besuch aus den Staaten ist da.

„Auf Föhr war Stillstand“

New York, Ende der 1950er-Jahre. Hinrich Volkerts Carstensen steht hinter dem Tresen seines Delis, vor ihm die Vitrine mit Salaten, in den Regalen hinter ihm sorgfältig. aufgereiht Konservendosen, Tuben und Gläser. Das Foto ist ein bisschen blaustichig. „Im Original waren das Slides“, erklärt „Hinne“ Carstensen - Dias. Mit 19 hatte der gebürtige Nieblumer entschieden: Es ist Zeit für Amerika. „Auf Föhr war Stillstand.“ Drei Jahre lang hatte er nach der Schule bei seinem Großvater auf dem Hof in Goting gearbeitet. Mühselige Zeiten, erinnert er sich, „vor der Flurbereinigung“ - die Felder klein und verstreut. So besteigt er 1953 die „Italia“, das Passagierschiff, das die Linie Hamburg–New York bedient.

„Drüben“ arbeitet er zuerst auf einer Hühnerfarm. Anfang September wechselt „Hinne“ Carstensen dann in ein Deli, den Laden eines Auswanderers aus Niedersachsen. In der Bronx, in den 1950ern, ist das noch kein so schlechtes Viertel.

„Wenn Du kein Englisch kannst, hol' dien Schnut“

Anfangs spricht er kein Englisch, und es herrschen strenge Regeln: „Kein Deutsch im Store“, erzählt er. Und wenn Du kein Englisch kannst, hol' dien Schnut“ - also Mund halten und lernen. Der Föhrer Jung geht zur Abendschule, der Besuch ist gratis. „Eine Fahrt mit der Subway 15 Cent, eine Packung Zigaretten auch. Ein Anzug 45 Dollar, Schuhe zwölf Dollar.“

Er arbeitet 11 Stunden, sechs Tage die Woche - also 66 Stunden - und bekommt dafür 25 Dollar. Zusätzlich erledigt er Arbeiten für eine ältere Dame, Schneefegen und Ähnliches. Sonntags, am freien Tag, trägt er Zeitungen aus. Und es gibt Trinkgeld. „Ein Jahr später hatte ich 1880,68 Dollar auf dem Sparbuch“, weiß Hinrich Carstensen noch. Aus „Hinne“ – „das konnten die Amerikaner nicht aussprechen“ - ist „Henry“ geworden. Wenn er frei hat, geht er ins Kino, besucht Clubs rund um den Franklin Square, den Treffpunkt der Deutschstämmigen, oder sieht mit seinen Vermietern fern - ganz neu für den 19-Jährigen von Föhr.

Unternehmen aus der Region

Nach vier Jahren ist es Zeit, mal wieder Eltern und Großeltern zu Hause zu besuchen. So sparsam er sonst ist - „Hinne“ Carstensen setzt keinen Fuß mehr auf die „Italia“. Oder ein anderes Schiff. „Ick weer so krank“ - die Erinnerung daran ist auch über 70 Jahre später noch lebendig. Im Frühjahr 1957 wagt er sich also auf den 16-stündigen Flug nach Hamburg mit einer Propellermaschine. Die alte Heimat ist vertraut und fremd zugleich.

Am Pfingstmontag, Ende Mai 1957, geht „Hinne“ Carstensen tanzen im „Gasthof Knudsen“ in Utersum. Da trifft er die 19-jährige Borgsumerin Inge, sie kennen sich noch aus Schulzeiten. Beide wissen gleich: Das ist es. So wird schon im August Verlobung gefeiert.

„Wi harn nich veel Tied“, meint der heute 92-Jährige, denn im September muss er zurück nach New York. Inge folgt ihm fünf Monate später, erst mal wohnen sie natürlich getrennt. Als Tochter Anna im Anmarsch ist, wird geheiratet - dann können die beiden endlich auch eine gemeinsame Wohnung beziehen.

Es läuft für die Föhrer Auswanderer: 1959 nimmt „Hinne“ Carstensen die amerikanische Staatsangehörigkeit an, findet einen Store und einen Partner, mit dem er zusammen das Geschäft in der Bronx übernehmen kann. Nach einem Jahr haben sie den Umsatz verdoppelt. 1960 kommt ein zweiter Deli dazu, diesmal in Brooklyn - eine gute Gegend. Die Familie ist tüchtig und lebt sparsam.

„Emme und Ui waren schon 69 und 73 und brauchten Hilfe auf dem Hof“

Trotzdem nehmen sie 1963 Abschied. Von den Delis, von New York, von Amerika. Es ist schwer, aber auf Föhr warten Oma und Opa. „Emme und Ui waren schon 69 und 73 und brauchten Hilfe auf dem Hof“, erinnert sich „Hinne“ Carstensen. Mit den Kindern - 1961 ist Sohn Jann Eric dazugekommen – fliegt das Ehepaar nach Deutschland. Stolze 800 Dollar zahlen sie für den Flug.

Mit dem Geld aus Amerika bauen sie auf dem Hof in Goting ein Haus, ein Jahr später ein Wirtschaftsgebäude. Und die Familie wird größer, Volkert und, ein Jahr später, Jutta werden geboren. Heute haben Inge und Hinrich Carstensen sieben Enkel und sechs Urenkel. Der Hof in Goting wird heute nicht mehr bewirtschaftet, keines der Kinder wollte übernehmen.

In 14 ledergebundenen Kladden hat „Hinne“ Carstensen seine Erinnerungen aufgeschrieben, in ordentlicher Handschrift, mit dem Füller. Ein Nachbau seines „Stores“ steht im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, detailgetreu mit all den amerikanischen Produkten in den Regalen. Susan Müller-Paulsen

Das Dr. Carl Häberlein Friesenmuseum, Rebbelstieg 34, in Wyk widmet dem Thema „Auswanderung“ eine eigene Sammlung.


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