Sie war eine Frau, die eine Menge bewegt und erlebt hat in ihrem Leben. Flucht, Familiengründung, eigenes Unternehmen und drei Bücher: Inge Haferkorn. Die Oldsumerin verstarb am 19. Dezember völlig überraschend kurz vor Weihnachten. Würde sie noch leben, wäre es nur eine Frage der Zeit gewesen, wann unsere Redaktion von shz.de mit der Bitte auf sie zugekommen wäre, in der Serie „Wahlheimat Föhr“ über sie schreiben zu dürfen. Inge Haferkorn hatte alle Eigenschaften für ein solches Porträt: ein bewegtes Leben und mehrfacher Berufswechsel. Sie war Buchautorin und eine Frau des öffentlichen Lebens auf der Insel, die sich gerne einbrachte.
„Eigentlich wollten wir zusammen noch ein paar Jahre machen“, erinnert sich eine Mitarbeiterin in ihrem kleinen, feinen Bekleidungsgeschäft im Herzen von Oldsum nachdenklich. Dazu sei es nun nicht mehr gekommen. Inge Haferkorn war eine Frau, die immer selbstbestimmt ihr Leben gelebt hat. „Sie war eine Kämpferin“, erinnert sich ihr Sohn Sebastian und sagt: „Meine Tochter hat es in der Trauerrede auf den Punkt gebracht, sie war eine resiliente Person. Eine Frau, die schwierige Lebenssituationen, wie Krisen und Katastrophen ohne Beeinträchtigungen überstand und etwas Positives abgewinnen konnte.“
Bewegter Weg von Preußen nach Föhr

Es war ein bewegtes Leben. 1937 wurde Inge Haferkorn als Inge Ruth Prinzen in Tilsit in Ostpreußen geboren. Die Eltern betrieben eine Wäscherei. Heute heißt die Stadt Sowetsk und gehört zu Russland. 1944 flieht Inge zusammen mit den Großeltern, Eltern und Geschwistern vor der heranrückenden Roten Armee. Immer weiter westlich eröffnen die Eltern eine Wäscherei nach der anderen. Zunächst in verschiedenen Orten in der DDR. „Die Familie hat sich durch ganz Deutschland gewaschen“, schmunzelt Sohn Sebastian.
Schließlich landet die junge Inge zusammen mit den Eltern in Viersen im Rheinland. Ihren zukünftigen Mann trifft sie bei einem Besuch in Würzburg und heiratet ihn später. Dann kommt der Umzug in die Pfalz. In Speyer arbeitet Inge Haferkorn als Kindergärtnerin. „Sie konnte schon immer gut Geschichten erzählen und kam bei Kindern gut an“, berichtet ihr Sohn Sebastian. Jahrzehnte später auf Föhr wird sie in ihrem Geschäft den „kleinen Hermann“ als ein ehemaliges Kindergartenkind wiedererkennen. 1971 geht es zurück ins Rheinland nach Viersen. Aus Freundschaft näht Inge Haferkorn dort für Bekannte Wickelröcke und Boleros. Daraus entwickelt sich ein florierender Betrieb im späten Wirtschaftswunderland Deutschland, in dem sie schließlich 14 Näherinnen beschäftigt und über Hundert Geschäfte in ganz Deutschland beliefert.
1968 kommt Inge Haferkorn das erste Mal auf die Insel Föhr. Ihre Eltern Ruth und Friedrich Prinzen leiten hier die Nordsee Kurhof Wäscherei. Doch es dauert noch mehr als zehn Jahre, bis sie ein Haus in Oldsum erwirbt. Ein Haus, mitten in einem Apfelgarten. „Der Apfel ist mein Symbol geworden“, erinnert sich später Inge Haferkorn in der Baugeschichte ihres Hauses, die in einem ihrer Bücher nachzulesen ist. Reet kommt wieder auf das alte ausgebesserte Schieferdach. 1994 wird die Scheune ausgebaut und das Bekleidungsgeschäft, das Inge Haferkorn inzwischen betreibt, zieht vom Wohnhaus in einen Teil der Scheune um. Im anderen Teil gründet die Tochter Barbara mit ihrem Mann das Café im Apfelgarten.
Drei Bücher über Föhr geschrieben
Inge Haferkorn bleibt geschäftstüchtig. Sie verkauft hochwertige Mode und „kreiert“ den Oldsumer Topf. Einen Tontopf, in dem ihr Brot gebacken werden kann. Das Brotrezept dazu findet sich in ihrem ersten Buch. Denn die ehemalige Kindergärtnerin kehrt zu ihrer früheren Passion zurück und beginnt Geschichten zu erzählen und aufzuschreiben. Drei Bücher sollen es schließlich werden, die sie zusammen mit ihrer Freundin und Illustratorin Maggy Fischer herausgibt. „Das war ein richtiger Glücksfall. Die beiden haben sich gefunden“, sagt Sebastian Haferkorn.
Und sie wird Insel-bekannt. „Es wurde mal eine Postkarte an sie verschickt. Als Adresse stand nur drauf: „Inge Haferkorn, Föhr“. „Die ist tatsächlich angekommen“, erinnert sich Sohn Sebastian. Nahezu schon legendär ist eine andere Geschichte. Einmal versprach Inge nach mehreren Föhrer Manhattan dem Nachwuchs der Trachtengruppe, ihnen die Kindertrachten zu nähen. Dieses Versprechen hat sie schlussendlich gerne eingehalten.
Der Apfel bleibt ihr Markenzeichen
Inge Haferkorn ist völlig unerwartet am 19. Dezember 2023 mit 86 Jahren gestorben. Eine Frau, die sich nie hat unterkriegen lassen. Und wenn es beim „Alten von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ die Birne ist, die ewig an ihn erinnern wird, so darf man auf Föhr gewiss sein, dass das Logo des Apfels und die Apfelbäume rund um das alte Haus in Oldsum das Vermächtnis der Inge Haferkorn weitertragen werden. „Denn der Apfel hing schon in unserem Kinderzimmer“, erinnert sich Sohn Sebastian und lächelt. Und ein Apfelbaum soll auch auf ihr Grab. Jörg Brökel