
Filmtheater – was für ein schöner Name. Er klingt nach: Die guten Schuhe anziehen. Rotem Samt. Einer kleinen Flucht aus dem Alltag, wenn die Kinder schlafen. Freunden, welche in der Dämmerung warten. Eiskonfekt. Dem Surren von Filmrollen. Jenem Moment, wenn das Licht ausgeht. Nichts ist vergleichbar damit, komplett in einen seit langem erwarteten Film einzutauchen und dabei möglichst niemanden mit seinem Popcorn zu belästigen. Limonade aus der Flasche zu trinken und flüsternd die Handlung zu kommentieren. In der letzten Reihe, im Schutz der Dunkelheit, die Hauptdarsteller und allerlei mehr zu beweinen oder zu knutschen.
Als kürzlich eben jene roten Sessel – die blauen auch – von Familie Dethlefsen zum Kauf angeboten wurden, befürchtete so mancher ein „Aus“ des geliebten, mit vielen Erinnerungen verbundenen Lichtspielhauses. „Weit gefehlt“, beruhigt Peter Dethlefsen, Föhrer Chef des Kurhaus Hotels und Filmtheaters, während er treppauf flotten Schrittes durch das sich gerade in einer größeren Renovierungsphase befindlichen Hotels führt. Die zahlreichen Plastikfolien tun der wundervollen Aussicht keinen Abbruch. Treppe wieder hinunter und durch eine Tür befindet man sich auf einmal hinter dem verwaisten Tresen des Kinofoyers. Der Fußboden sei schon erneuert, ein frischer Wind für den restlichen Eingangsbereich werde folgen, berichtet Dethlefsen. Kurz darauf geht es in den ehemaligen Tanzsaal des 1913 erbauten Kurhaus Hotels. Dem jetzigen großen Kinosaal, wo nichts mehr an die ehemals etwa 230 Plätze erinnert. Auch der kleine Saal, vor langer Zeit war dieser eine Küche – und bot als Kinosaal 93 Plätze – ist weitgehend leer. Verschiedene, bekannte Faktoren hätten sich in den letzten Jahren nachteilig ausgewirkt: Corona, Inflation und ganz besonders die Möglichkeit, zuhause Streamingdienste zu nutzen, schildert Peter Dethlefsen. Die Anzahl der Kinoplätze werde sich ab März 2024 auf 170 Sitzplätze in Saal 1 und circa 75 in Saal 2 reduzieren. Angestrebt werde eine größere Behaglichkeit. Etwa mit Zweierplätzen oder einer Art Sofa. All dies sei nur möglich gewesen durch Subventionen durch das Förderprogramm „Neustart Kultur“, das nach der Corona-Pandemie initiiert wurde und dessen Inanspruchnahme nicht leicht fiel, berichtet der Unternehmer.
Zurück im Hotel geht Peter Dethlefsen genauer auf die Geschichte des Kinos und seiner Familie ein. Die Großeltern väterlicherseits waren 1920 unabhängig voneinander von Föhr nach New York ausgewandert. Erst hier lernten sie sich kennen und heirateten. Wie viele Insulaner kehrten sie in die Heimat zurück, wo der Großvater sehr erfolgreich in Grundbesitz investierte. 1980 kauften Dethlefsens Eltern das Kurhaus Hotel. Den erwähnten Tanzsaal wollten sie ursprünglich abreißen, verpachteten jedoch dann mangels Genehmigung an einen Kinobetreiber. Seit 1981 befindet sich das Filmtheater an diesem Standort, ab 1995 von Peter Dethlefsens Vater betrieben, welcher eine große Faszination dafür empfand. Vor einigen Jahren zog dieser sich aus dem Betrieb zurück. Sein 2007 nach Föhr zurückgekehrter Sohn Peter entschied sich, das Kino neben dem Hotelbetrieb selbst weiterzuführen. Besonders während der Sommermonate keine leichte Aufgabe für den 47-jährigen, der sich auch Zeit für seine Frau und die anderthalbjährige Tochter wünscht. Dennoch sei er von großer Dankbarkeit erfüllt und gehe seiner Arbeit mit Freude nach.


Viele Abläufe im Kino seien mittlerweile vereinfacht. Kamen früher 30 Kilogramm schwere Alukisten mit Filmrollen per Flugzeug, so kehrte 2010 die digitale Kinotechnik in den seit 1995 mit fester Bestuhlung versehenen Sälen ein. Die Filme kamen nun per Post auf Festplatte. Das stundenlange Herunterladen der Filme entfällt inzwischen glücklicherweise durch die Zusendung eines Zugangscodes durch die Filmverleiher, welche lange Zeit große Kontrolle über die Vorführzeiten ausübten. Auch dies habe sich entspannt. Die beste Entscheidung sei es gewesen, Eintrittskarten online verkäuflich zu machen. So entfalle beispielsweise die unliebsame Aufgabe, an regnerischen Tagen vor vielen enttäuschten Kindergesichtern zu stehen, weil etwa alle Plätze im kleinen Saal belegt seien. Auch über Winterkino wie auf Amrum hätte er schon nachgedacht, berichtet Peter Dethlefsen – bislang ohne Ergebnis. Erst einmal müssten die vorhandenen Baustellen bearbeitet werden. Vielen Gästen und Einheimischen hofft er mit der Neugestaltung wieder Appetit auf Kino zu machen – weg vom bloßen Konsum, zurück zur bewussten Wahl von Filmen. Annette Keisat