Neuanfang in Nordhorn. Am morgigen Mittwoch werden Mark Bult, seine Frau Natasha und seine Söhne Noah und Sem Abschied von ihrem Domizil in Handewitt in unmittelbarer Nähe zur Wikinghalle nehmen. Dann ist die letzte Umzugstour in die Stadt im äußersten Südwesten Niedersachsens, wo der 41-Jährige das Traineramt beim dortigen Handball-Zweitligisten übernimmt, terminiert.
Damit schließt sich für Bult (vorerst) das Kapitel SG Flensburg-Handewitt, - die er seit 20 Jahren als seinen „Lieblingsverein“ bezeichnet. Und bei der er viele Spuren hinterlassen hat als aktiver Spieler (10 Spiele), als Interimstrainer (8) und als Co-Trainer (385). Verlassen wird er den Norden nicht nur mit zwei goldenen Meistermedaillen und einer goldenen European-League-Sieger-Plakette im Gepäck, sondern mit vielen schönen Erinnerungen im Kopf.
„Ich bin sehr dankbar, dass ich für diesen tollen Verein sieben Jahre arbeiten durfte“, sagt der im niederländischen Emmen geborene Handballverrückte. Eine Zeit mit vielen Höhen und weniger Tiefen. „Es war mir eine Ehre.“ Er sei voller Stolz auf das Erreichte und voller Vorfreude auf das, was jetzt kommt.
Und das wäre? Die neue berufliche Aufgabe, die Nähe zu Holland und der Familie, das Angebot von niederländischen Süßigkeiten vor Ort, die er zuletzt online bestellen musste. „Es war höchste Zeit, den nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen“, sagt Bult. Vermissen werde er das Meer - ganz im Gegensatz zur A7, auf der er unzählige Stunden im Stau verbracht habe.
Für die SG Flensburg-Handewitt ist der Weggang des 41-jährigen Niederländers ein Verlust. Nicht nur für die Defensive des Teams „Alt“ beim Fußball, nicht nur als Deutschlehrer für den dänischen Trainer, nicht nur als ausgewiesener Kenner der Handball-Bundesliga, sondern für die Mannschaft und deren Umfeld als „guter Mensch“, wie Coach Nicolej Krickau es lobend ausdrückt: „Mark war eine Riesenhilfe für mich. Total loyal, großes Wissen, viel Feuer. Er war ein sehr, sehr guter Co-Trainer.“
Es war im Jahr 2004, als der 19 Jahre junge Bult zum ersten Mal in die Campushalle einlief, als Spieler der HSG Nordhorn, ausgerechnet bei dem Spiel, in dem sich die SG zum ersten Mal die Meisterkrone aufsetzte. Die „Hölle Nord“ brannte - und der 1,99 Meter große Linkshänder war von den Socken. Im Stillen sagte er damals zu sich: „Es wäre ein Traum, irgendwann mal das SG-Trikot zu tragen.“ Geduld war gefragt. Denn der Anruf von Dierk Schmäschke kam erst 2017, als die SG einen Ersatz für den verletzten Johan Jakobsson suchte. Der damalige Geschäftsführer hatte noch nicht mal ausgesprochen, da hatte Bult schon zugesagt.
Sein erster Trainingstag an der Förde verlief allerdings holprig. Kein Schlaf, große Nervosität, eine Stunde zu früh in der Halle, mit dem Fuß umgeknickt, eine Woche Pause, erstes Spiel verpasst. Doch danach ging es steil bergauf in der Beziehung zwischen der SG und Bult. Erst recht, als der neue Trainer Maik Machulla auf den ihm aus gemeinsamen Nordhorner Zeiten gut bekannten Holländer zukam mit der Frage: Willst du mein Co-Trainer werden? Der Beginn einer intensiven Zeit mit vielen sportlichen Herausforderungen - und sportlichen Erfolgen.
Besonders gerne denkt - Bult natürlich an die beiden Meisterjahre 2018 und 2019 zurück: „Da waren wir im Tunnel und haben die Sache vom ersten bis zum 34. Spieltag durchgezogen. Diesen Fokus braucht es, um Titel zu holen.“ Das müsse die jetzige Mannschaft noch lernen. Die neuen Spieler wie Simon Pytlick oder Lukas Jörgensen hätten gemerkt, dass man hier ab dem ersten Spiel da sein muss und nicht wie in Dänemark im März, wenn die Playoffs losgehen. „Das ist ein Lernprozess, in dem der Europapokaltitel sehr förderlich sein könnte.“
Bult ist sich ganz sicher: Die SG wird weitere Titel holen. Aber auch Rückschläge und Nackenschläge erleiden. So wie er es im April 2023 mit Pleiten gegen die Löwen, Granollers und Kiel am eigenen Leib miterleben musste. „Das war die schlechteste Woche meiner Zeit bei der SG. Das war brutal, aber gehört zum Sport dazu.“
scheidender Co-Trainer der SG
Turbulente Tage mit Folgen. Sein Freund Machulla wurde entlassen und er als Interimstrainer installiert. Acht Spiele führte er das Kommando. „Ein Job, der mir sehr viel Spaß gebracht hat und der mich bestärkt hat, Cheftrainer zu werden.“ Allerdings endete die kurze Ära wenig harmonisch, da Bult sich bei der weiteren Trainersuche nicht fair behandelt fühlte. Im Nachhinein gesteht er: „Da habe ich im Frust ein paar Sätze zu laut und zu viel gesagt.“ Er schloss jedoch schnell seinen Frieden und suchte das Gespräch mit dem auserwählten Krickau, mit dem er fortan ein gutes Duo bildete.
Nichtsdestotrotz war sein Ziel klar: Ab in die erste Reihe! Als das Angebot aus Nordhorn kam, musste er - obwohl „nur“ zweite Liga - nicht lange überlegen. „Es war höchste Zeit für mich. Der Club hat mir eine gute Perspektive geboten. Ich habe Zeit und Ruhe, um ihn wieder in die erste Liga zu führen“, sagt Bult, der einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat. Was danach kommt, weiß niemand.
Seine emotionale Abschiedsrede am Donnerstag nach dem SG-Heimspiel gegen Gummersbach schloss der scheidende Co-Trainer mit den Worten: „Einmal Flensburg, immer Flensburg.“ Das waren laut eigener Aussage keine leeren Worthülsen. „Ich werde zurückkommen, in welcher Form auch immer. Ob als Trainer der Gastmannschaft, als Fan oder in sonst welcher Funktion. Man soll nie nie sagen.“
Ein Wiedersehen mit seiner SG wird es schon bald geben. Im August kommt der Flensburger Handballtross eine Woche zu einem Trainingslager inklusive eines Turniers mit Barcelona und Montpellier nach Nordhorn.
Holger Petersen
Der „Hölle Nord“-Podcast
SG Flensburg-Handewitt auf die Ohren
Mit der Handball-Saison der SG Flensburg-Handewitt endet auch die dritte komplette Spielzeit des„Hölle Nord“-Podcasts. Alle zwei Wochen - in der Regel dienstags - erscheint eine neue Folge des Audio-Formats, das es seit Februar 2020 gibt und in dem die Fans die Spieler sowie das Umfeld der SG kennenlernen können.
In der nun zu Ende gegangenen Saison gab es 21 Folgen des Podcasts. Den Anfang machte Anfang August Rückkehrer Ljubomir Vranjes als Sportlicher Leiter. Ihm folgten Neuzugang Kay Smits, anlässlich ihres 40. Geburtstags die SG-Legende Lasse Svan und Trainer Nicolej Krickau. Die Kooperation mit SönderjyskE und Lübeck-Schwartau war Thema, ebenso der Tod von Manfred Werner und das neue Leben von Jacob Heinl. Ein besonderes Highlight war die 100. Folge mit Johan Hansen und Lasse Möller vor Publikum. Die letzte Episode der Saison erscheint heute Nachmittag. Zu Gast: der scheidende Co-Trainer Mark Bult.
„Hölle Nord“-Podcast: Alle Folgen sind auf shz.de/hoelle-nord , Spotify, Apple Podcast, Deezer und Co. zu hören.
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