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Johannes Golla: „Saison war vernünftig, aber nicht richtig gut“

Familienmensch: Johannes Golla mit Sohn Bela. Foto: Michael Staudt

Interview: SG-Kapitän Johannes Golla erklärt, warum er sich vom Titel in der European League nicht blenden lassen will

Eine wechselhafte Saison mit der SG Flensburg-Handewitt, eine Heim-EM, Olympische Spiele im Sommer - Johannes Golla ist im Handball-Stress. Umso mehr freut sich der SG-Kapitän auf einen freien Juni. Vor dem Urlaub spricht der 26 Jahre alte Kreisläufer im Interview über Flensburger Feiertage, Flensburger Probleme und Flensburger Chancen. Auch die eigene Zukunft ist Thema: Der Hesse Golla kündigt eine Grundsatzentscheidung an.

Ihr sechstes Jahr in Flensburg geht zu Ende. Wo ordnen Sie die Saison ein?

Diese Saison ist aufgrund des Umbruchs mit einem neuen Trainer schwer zu vergleichen mit den anderen, in denen das Team schon gewachsen war. Die Meistersaison 2018/19 in meinem ersten Jahr steht über allem. Auch in den beiden Jahren danach waren wir nicht weit weg von der Meisterschaft. In diesem Bereich würde ich auch die aktuelle Saison einordnen.

Aber die SG hat doch einen Titel gewonnen. Müsste die Einordnung nicht besser ausfallen?

Dank des Titels wird man die Saison eher in Erinnerung behalten. Aber wir müssen aufpassen, dass wir das nicht vermischen. In der Bundesliga war auch Schatten dabei, darüber darf der Titel nicht hinwegtäuschen. Das müssen wir analysieren. Das gilt auch für das Final Four im DHB-Pokal.

Schönt der European-League-Titel also die Saison?

Das würde ich schon sagen. Ein dritter Platz in der Liga reicht nicht. Wir wollten um die Meisterschaft mitspielen, haben aber zu viele einfache Punkte liegen gelassen. Die erste Saison in der neuen Konstellation war vernünftig, aber nicht richtig gut. Im Pokal tut mir das Melsungen-Spiel immernoch extrem weh. Das waren nicht wir. Das trübt die Stimmung, so an einem guten Gegner, aber auch an sich selbst gescheitert zu sein. Aber der Titel sorgt natürlich für ein versöhnliches Ende.

Johannes Golla lebt die SG Flensburg-Handewitt. Foto: Ingrid Anderson-Jensen
Johannes Golla lebt die SG Flensburg-Handewitt. Foto: Ingrid Anderson-Jensen

Von vier Spielen gegen Berlin hat die SG zwei gewonnen und eins unentschieden gespielt. Wurmt es da nicht besonders, dass die Füchse in der Tabelle vor der SG stehen und Champions League spielen werden?

Das ist ein Trugschluss. In der Bundesliga kommt es nicht darauf an, immer die direkten Duelle zu gewinnen, sondern über neun Monate seine Arbeit zu machen und die Punkte da zu holen, wo du sie holen musst. In Lemgo, in Stuttgart, in Göppingen, in Eisenach. Uns sind zu viele Ausrutscher passiert. Wir müssen anerkennen, dass Berlin konstanter war. Das ist genau unser Ansatz für die nächste Saison, in der wir wieder um die Meisterschaft spielen wollen.

Sprechen wir in einigen Jahren über den European-League-Sieg als Startschuss für erfolgreiche Flensburger Jahre?

Das ist die Hoffnung. Die SG hat 2012 schon einmal mit dem Europokalsieg gezeigt, welchen Weg das nehmen kann. Aber das bessere Beispiel ist der SC Magdeburg 2021. Da haben sie in der European League gesehen: Wir sind gut, wir können das. Jetzt sind sie allen anderen ein Stück voraus. Sie haben viele Dinge perfektioniert und sind ein Stück weit ein Vorbild.

Was stimmt Sie zuversichtlich, dass die SG kommende Saison stabiler ist?

Die Erfahrungen dieser Saison. Nicolej Krickau und die neuen Spieler wissen dann von Anfang an, was die Bundesliga mit sich bringt. Wir werden mit Rückschlägen, die sicherlich kommen, souveräner umgehen. Unser System wird gefestigter sein, damit wir nicht nur an einem Wochenende so einen Handball spielen wie in Hamburg, sondern über die ganze Saison. Das ist natürlich die Idealvorstellung. Aber ich halte das für möglich.

Oft war die Rede davon, dass die Mannschaft nicht alles zeigt, was sie kann. Beruhigt Sie als Kapitän der Beweis, den das Team in Hamburg geliefert hat? Dass es da war, als es darauf ankam.

Ich hatte nie Gedanken, dass wir keine Gewinner-Mannschaft sind. Trotzdem ist es ein gutes Gefühl, so überzeugend den Titel geholt zu haben. Wir waren auf den Punkt da. Das gibt mir und jedem anderen mehr Selbstvertrauen für zukünftige entscheidende Spiele. Und mir persönlich auch Ruhe.

Gutes Stichwort. Was hat Ihnen das zurückliegende Jahr persönlich gebracht?

Viele wertvolle Erfahrungen, die mich reifen lassen. Gerade zu Saisonbeginn habe ich so viel Englisch gesprochen wie noch nie. Es war das erste Mal, dass ich im Verein mit einem neuen Trainer die ersten Schritte gegangen bin und mit einer neuen Mannschaft etwas aufbauen musste. Wir haben ein bisschen Zeit gebraucht, um uns aneinander zu gewöhnen. Wir sind auch noch nicht da, wo wir sein wollen. Aber die Gruppe ist gereift, wir wachsen immer enger zusammen. Mittlerweile passt kein Blatt mehr zwischen uns. Der Prozess hat auch viel Kraft gekostet. Aber die Arbeit zahlt sich aus, das macht mich stolz. Man kann eine Tendenz entdecken, die nach oben zeigt.

Sie fühlen sich dem Verein sehr verbunden, es gab allerdings vor einem Jahr eine emotionale Delle in der Zeit der Entlassung von Maik Machulla. Bindet ein Erlebnis wie in Hamburg und anschließend bei der Feier in Flensburg Sie wieder stärker an die SG?

Das waren Emotionen, die gezeigt haben, dass der Verein lebt. Zu sehen, was das für die Menschen in der Stadt bedeutet, war großartig. So eine intensive Verbindung zwischen Verein und Fans gibt es selten im Handball. Das hat mir gezeigt, dass ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe, langfristig hier zu bleiben und hier jeden Tag viel zu investieren.

Bis 2026 läuft Ihr aktueller Vertrag. Der Verein wird alles tun, Sie zu halten. Wann wollen Sie über Ihre Zukunft entscheiden?

Meine Frau und ich wollen uns schon lange in Ruhe hinsetzen und uns Gedanken machen. Aber man kommt nicht so richtig dazu, schon gar nicht mit kleinen Kindern. Wir müssen eine Grundsatzentscheidung treffen, was wir auch für unsere Kinder möchten. Meine Tochter wird dann eingeschult. Natürlich brauchen der Verein und ich irgendwann eine Tendenz. Wobei zwei Jahre im Handball aus meiner Sicht eine lange Zeit sind. Ich habe mir keine Deadline gesetzt.

Haben Sie Respekt vor den Belastungen des Sommers mit Olympischen Spielen und fast direkt im Anschluss dem Beginn der neuen Saison?

Körperlich mache ich mir keine Sorgen. Was mir eher zusetzt, ist, wieder lange weg zu sein von zu Hause. Die Zeit mit der Familie, also das, wonach man sich nach der Saison mit vielen Reisen sehnt, ist begrenzt. Mein Sohn Bela ist ein Jahr und drei Monate alt. Das ist ein cooles Alter, in dem viel passiert und dann ist man so - lange weg.

Immerhin der Juni ist frei, ehe sich die Nationalmannschaft zur Vorbereitung auf Paris trifft.

Den Juni will ich nutzen, um den Kopf freizukriegen. Wir haben auf Mallorca ein familienfreundliches Hotel gebucht. Danach sind wir noch ein bisschen in der Heimat. Wir werden dort wahrscheinlich unseren Sohn taufen lassen.

Was erhoffen Sie sich sportlich von Olympia?

Es wird viel von der Turnierform abhängen. Wir können jeden schlagen, jeder kann uns schlagen. Wenn wir die K.o.-Runde erreichen, ist alles möglich.

Was wäre ein Erfolg?

Wenn wir die K.o.-Runde erreichen, ist das okay. Ein Erfolg wäre das Halbfinale.

Jannik Schappert


Kein Team war auswärts torhungriger

Die Handball-Saison ist für die SG Flensburg-Handewitt beendet. Ein paar interessante Zahlen und Statistiken aus der Bundesliga.

Auswärtstore: Die SG hat auswärts die meisten Tore erzielt. 549 Treffer bedeuten den Liga-Bestwert vor dem SC Magdeburg (543). Insgesamt waren die Flensburger 1107 Mal erfolgreich - gleich oft wie Berlin und 28 Mal seltener als Magdeburg (1135).

Gegentore: Die einst beste Abwehr der Liga ist Geschichte. Fünf Mannschaften kassierten weniger Gegentore als die SG (981).

Zuschauer: Simon Pytlick und Co. ziehen. Im Schnitt kamen 6183 Fans zu den SG-Heimspielen und damit 319 mehr als in der Vorsaison. Auch in der European League geht die Tendenz nach oben.

Power am Kreis: Mit dem Handball Performance Index vergleicht die Liga die Leistungen der Spieler. Mit Johannes Golla und Lukas Jörgensen (beide 78) stehen zwei Flensburger auf Platz drei. Mathias Gidsel (83) führt vor Magnus Saugstrup (80). jas

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