Der Friedhof der Holmer Beliebung ist das Herz der historischen Fischersiedlung in Schleswig. Für die Menschen vor Ort ist das Zusammenspiel aus Leben und Tod etwas ganz Normales.


Auf einer kleinen Insel vor Schleswig entstand um das Jahr 1000 eine Fischersiedlung, die heute als „Holm“ bekannt ist. Der Name stammt aus dem Dänischen und heißt so viel wie „kleine Insel“. Bis in die 1930er Jahre war der Holm noch durch das Holmer Noor vom Festland abgeschnitten. 1000 Jahre nach der Entstehung des historischen Viertels hat sich in der Siedlung jedoch viel verändert. Früher lebten dort fast ausschließlich Fischer, die auf der Schlei ihrem Beruf nachgegangen sind. Heute sind nur noch wenige von ihnen übrig geblieben. Dagegen entstehen immer mehr Ferienwohnungen auf dem Holm. Die dicht aneinander gereihten Häuschen mit ihren alten Fassaden geben dem Schleswiger Ortsteil zweifelsohne einen ganz besonderen Charme, der regelmäßig viele Touristen anlockt. Doch eine weitere Besonderheit des Holms sucht bundesweit seinesgleichen: Im Zentrum der Siedlung liegt seit Mitte des 17. Jahrhunderts ein Friedhof, der von jedem Haus in der Süderholmstraße zu sehen ist. An kaum einem anderen Ort liegen Leben und Tod so dicht beieinander wie auf dem Holm in Schleswig. Der Friedhof wurde nach dem 30-jährigen Krieg angelegt. Zu der Zeit herrschten schwere Lebensbedingungen in Schleswig. Krankheiten wie die Pest sorgten für viele Todesopfer, für die es zum Teil kein richtigen Begräbnisse mehr gegeben hat. Daher gründete sich im Jahre 1650 die Holmer Beliebung. Die Totengilde errichtete den Friedhof inmitten der Fischersiedlung, um den Toten dort ihre letzte Ruhestätte zu geben. Die Tradition wird auch bis heute noch weitergeführt. Wer eine gewisse Zeit auf dem Holm gelebt hat, kann Mitglied der Holmer Beliebung werden – und dann auch auf dem Friedhof bestattet werden. Jörn Ross ist einer der wenigen Fischer, der noch auf der Schlei arbeitet und auf dem Holm lebt. Gleichzeitig ist er aktuell auch der Ältermann der Holmer Beliebung und hat damit das höchste Amt in der Beliebung inne. „Nur wer in der Beliebungist, darf auch auf dem Holm bestattet werden. Mitglied kann man nur werden, wenn man seit einigen Jahren hier wohnt oder durch einen Verwandten bei uns mitversichert ist“, erklärt Ross. Als Ältermann trifft er für ein Jahr die wichtigsten Entscheidungen rund um die Beliebung. Den Posten übernimmt immer das Mitglied, das am längsten zur Beliebung gehört. „Es gibt also eine Rangliste, auf der man absehen kann, wann man dran ist. In der Regel muss man natürlich viele Jahre darauf warten, bis man in den Genuss dieses Amtes kommt. Früher haben es einige gar nicht geschafft, weil zu viele Mitglieder vorher dran waren“, erklärt Ross.
Dass er das Amt jetzt ausführen darf, hat für den Holmer Fischer eine große Bedeutung: „Für mich ist es eine große Ehre. Schon als Kind war es eines meiner Lebensziele, Ältermann der Holmer Beliebung zu werden“, betont Ross. Zusammen mit den anderen Mitgliedern versucht er, die Traditionen der Holmer Beliebung zu wahren. Heute dient die Totengilde als Versicherungsverein und gewährt jedem Mitglied eine kostenlose Bestattung auf dem Holmer Friedhof. Die Konfession spielt dabei keine Rolle. Ob Protestant,Katholik oder als Mitglied der Dänischen Volkskirche: Beliebungsmitglieder werden nach dem Tod auf Wunsch alle zusammen auf dem Holmer Friedhof beigesetzt.


Klaus Nielsky, von 1990 bis 2002 Bürgermeister der Stadt Schleswig, ist auf dem Holm groß geworden – und lebt bis heute dort. Jeden Tag blickt er aus dem Wohnzimmerfenster auf den Friedhof. „Ich bin mit dem Friedhof im Mittelpunkt unserer Siedlung aufgewachsen. Für Touristen mag das sicher merkwürdig sein, aber für uns gehört das einfach dazu. Es ist bei uns auch ein normales Sprichwort, dass man nach dem Tod dann einfach ,übers Gitter' auf die andere Seite auf den Holmer Friedhof kommt“, sagt Nielsky.
Für den ehemaligen Bürgermeister ist auf dem Holm besonders eine Sache immens wichtig: die enge Gemeinschaft unter den Nachbarn. „Es ist eigentlich wie in einem kleinen Dorf. Man kennt sich hier und unterstützt sich gegenseitig. Vor allem ist es schön, dass man hier mit den Nachbarn auch nochmal das ein oder andere Wort auf Plattdeutsch austauschen kann.“ Zu diesen Nachbarn gehört auch Jörg Nadler. Er kam 2002 aus dem Bergischen Land nach Schleswig, um dort als Fischer zu arbeiten. Seine Anfangszeit war jedoch von einigen Rückschlägen geprägt. „Als Zugezogener hatte ich es zunächst schwer. Die Leute haben meinen Fisch kaum gekauft, auch wenn ich viel gefangen habe. Mit der Zeit wurde es aber besser. Es hat eben gedauert, bis ich auch als Holmer dazugehören konnte“, sagt Nadler. Das Haus in der Süderholmstraße, in dem er mit seiner Frau und seinem Sohn lebt, wurde zunächst von seinen Eltern gekauft. Zusammen steckte die Familie viel Arbeit in das Haus. Nadlers Vater starb jedoch 2005 an Krebs. „Das war eine schwere Zeit für uns. Die Holmer Beliebung hat es meinem Vater dann aber ermöglicht, auf dem Friedhof hier bestattet zu werden. Das war eine sehr große Geste“, erklärt der Fischer. Für Jörg Nadler gehört das Zusammenspiel aus Leben und Tod auf dem Holm daher einfach dazu.
Was für viele befremdlich wirkt, ist für ihn und viele andere Bewohner des historischen Stadtteils der normale Alltag. „Ich kenne viele Leute, die drüben auf dem Friedhof beigesetzt wurden. Dadurch habe ich eine tiefe Verbundenheit zu den Menschen, auch wenn sie nicht mehr bei uns sind“, so Nadler, der sich als Mitglied der Holmer Beliebung bereits einen Platz auf dem Friedhof reserviert hat. Sorgen macht er sich vor allem um die Zukunft der Fischerzunft. Die Bedingungen für die Fischer hätten sich zuletzt immer weiter verschlechtert und auch an Nachwuchs fehle es. „Es wäre schade, wenn dieser traditionelle Beruf hier auf dem Holm bald nicht mehr gefunden werden kann. Das wollen wir alle natürlich verhindern.“ Und noch eine weitere Sache beschäftigt die alteingesessenen Bewohner des Holms: die steigende Zahl der Ferienwohnungen. Alt-Bürgermeister Klaus Nielsky hat dazu eine klare Meinung: „Ich habe nichts gegen Ferienwohnungen auf dem Holm. Aber es sollte eine Begrenzung geben. Irgendwann muss auch Schluss sein.“ So sieht es auch Ältermann Jörn Ross. Er findet: „Es muss ja auch noch Wohnraum verfügbar sein. Sonst sieht es auch für die Zukunft der Holmer Beliebung nicht rosig aus, wenn man hier keinen Wohnraum mehr findet.“ Text: Marcel Nass