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Allergien & Anaphylaxie in Anästhesie und Notfallmedizin

Prof. Dr. Patrick Kellner, Chefarzt für Anästhesiologie, Regio Kliniken, Pinneberg/Elmshorn über Allergien und Anaphylaxie in Notfallmedizin und OP: Auslöser, Symptome sowie Erstmaßnahmen bei Schock

Herr Prof. Kellner, wer das Wort „Allergie“ hört, denkt erst einmal an Heuschnupfen oder Lebensmittel. Wo begegnen Ihnen denn Allergien in der Anästhesie und Notfallmedizin?

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In der Notfallmedizin sehen wir vor allem die Maximalausprägung – bis hin zum lebensgefährlichen allergischen Schock. Das sind zum Beispiel Situationen, in denen Angehörige oder Betroffene den Notruf wählen, weil jemand nach einem Insektenstich Atemnot bekommt. In der Anästhesie spielen Allergien dagegen häufig im Zusammenhang mit Medikamenten, insbesondere rund um Operationen, eine Rolle.

Woran erkennt ein Laie einen allergischen Schock?

Typisch sind Atemnot, Blutdruckabfall und ein schneller Puls. Manche Patienten haben außerdem eine auffällige Hautreaktion, wie Rötungen, Quaddeln oder Schwellungen. Allerdings müssen nicht alle diese Symptome gleichzeitig auftreten und Hautreaktionen können bei einer schweren Anaphylaxie auch gänzlich fehlen.

Was ist in den ersten Minuten das Wichtigste?

Ganz klar: Hilfe holen. Zeit ist der entscheidende Faktor – je länger es dauert, bis eine schwere Reaktion behandelt wird, desto schwieriger kann es werden, die Situation wieder zu stabilisieren. Es macht einen riesigen Unterschied, ob nach zehn Minuten professionelle Hilfe da ist oder erst nach einer Stunde.

Was können Ersthelfer außer dem Notruf noch tun?

Wenn der Blutdruck schlecht ist, kann man den Betroffenen – sofern möglich – in Schocklage bringen. Bei starker Atemnot kann dagegen eine aufrechtere Position sinnvoll sein. Ansonsten ist es ohne Medikamente und ohne Ausrüstung bei einer schweren allergischen Reaktion nur begrenzt möglich, substanziell zu helfen. Wenn eine Adrenalin-Notfallspritze vorhanden ist, sollte sie entsprechend dem Notfallplan angewendet werden. Wichtig ist: ruhig bleiben, beobachten, kommunizieren. Die Leitstellen sind heute so aufgestellt, dass sie am Telefon konkrete Hinweise geben können – auch, indem man beschreibt, was man sieht.

Wie können Laien eine Penicillinallergie erkennen?

Sehr unterschiedlich. Häufig ist es ein Hautausschlag – der muss nicht einmal jucken, manchmal ist es „nur“ eine Rötung. Wir sehen auf Intensivstationen auch sogenannte Arzneimittel-Exantheme, wenn starke Antibiotika gegeben werden. Und natürlich gibt es die schwereren Ausprägungen bis hin zu Atemwegs-Schwellung, Atemnot und Blutdruckabfall.

Warum entwickeln Menschen im Laufe ihres Lebens plötzlich Allergien, auch auf Medikamente?

Das hängt meist mit einer vorherigen Exposition zusammen: Bei bestimmten Allergieformen kommt es beim ersten Kontakt zu einer Sensibilisierung des Immunsystems. Das heißt der Körper setzt sich damit auseinander und bildet Abwehrmechanismen. Bei einem späteren Kontakt kann diese Reaktion dann gewissermaßen „kippen“ und der Körper reagiert plötzlich allergisch.

Spielt Vererbung eine Rolle?

Ja, eine derartige Veranlagung gibt es. Allergien haben regelmäßig eine genetische Komponente. Das hängt unter anderem mit immunologischen Mechanismen zusammen, etwa mit dem Antikörper IgE. Er kann bestimmte Zellen des Immunsystems aktivieren, die dann Botenstoffe wie Histamin freisetzen und so eine allergische Reaktion auslösen.

Hat eine allergische Reaktion etwas mit der Dosis zu tun?

Das „Allergen-Potenzial“ ist nicht unbedingt von der Dosis abhängig. Bei einer Allergie können bereits sehr kleine Mengen eine Reaktion auslösen.

Gibt es bei Antibiotikaallergien Alternativen?

Ja. Es gibt verschiedene Substanzgruppen, die chemisch unterschiedlich aufgebaut sind und entsprechend anders anders wirken. Dann kann man auf andere Antibiotika ausweichen. Welche Alternative infrage kommt, hängt vom jeweiligen Fall ab. In bestimmten Situationen kann man zudem mit Medikamenten gegensteuern, die beispielsweise die Wirkung von Histamin abmildern.

Hilft ein Allergiepass im OP wirklich?

Ja, sehr. Auch wenn da manchmal Dinge eingetragen sind, die uns in der Anästhesie nicht unmittelbar betreffen - etwa bestimmte Kontaktallergene – ist wichtig zu wissen, was genau bekannt ist und wie die früheren Reaktionen ausgesehen haben. Das hilft nicht nur der Anästhesie, sondern kann auch für Operateure relevant sein, zum Beispiel bei der Frage nach Materialien oder Implantaten.

Was passiert, wenn ein Patient während der Narkose eine allergische Reaktion zeigt?

Dann handeln wir im Prinzip ähnlich wie im Rettungsdienst: Ein möglicher Auslöser wird gestoppt – häufig ist das eine laufende Antibiotikagabe - und die Reaktion wird sofort behandelt. Ob man die Operation abbrechen muss oder weiterführen kann, hängt davon ab, wie instabil der Patient, die Patientin ist und an welchem Punkt der Operation man sich befindet. Es gibt Eingriffe, die man nicht ohne weiteres unterbrechen kann. Bei einem elektiven Eingriff, etwa einem planbaren Gelenkersatz, kann man unter Umständen aber auch entscheiden: Das machen wir lieber später, wenn alles abgeklungen und die Ursache abschließend geklärt ist.
Interview: Julia Voigt

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