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Im Gespräch mit Gerhard Lütje: "Worauf sollten wir stolz sein?"

Meinungsstark und einflussreich: Gerhard Lütje, der seit Jahrzehnten viel Geld, Zeit und Energie in Holstein Kiel investiert. Fotos: Michael Staudt

Holstein Kiels Geldgeber Gerhard Lütje über Naivität bei der Kader-Planung, falsches Lob und das liebe Geld

Jannik Schappert

Gerhard Lütje, Gründer der Citti-Märkte, ist seit fast drei Jahrzehnten einer der wichtigsten Geldgeber von Holstein Kiel. Zudem hatte er Aufsichtsratsmitglied als Einfluss auf die Entscheidungen beim nun wieder abgestiegenen Fußball-Bundesligisten. Warum er diesen Einfluss aufgibt, warum er keinen Stolz auf das historische Bundesliga-Jahr der „Störche“ verspürt und unter welcher Bedingung er sein finanzielles Engagement aufrechterhalten will, erklärt der 84-Jährige im Interview.

Herr Lütje, vor einem Jahr saßen wir in Ihrem Flensburger Büro zusammen. Sie haben gesagt, wenn es mit dem Klassenerhalt klappt, trinken Sie am Abend des letzten Spieltags ein kühles Bier. Welches Getränk hat die Saison verdient?

Leider war sie nur in einigen Momenten ein kühles Bier wert. Wir haben unseren Job nicht gut genug gemacht. Aufsichtsrat, Geschäftsführung, Trainer, Mannschaft wir alle tragen eine gewaltige Mitschuld am Abstieg. 

Inwiefern?

Als wir aufgestiegen sind, haben wir uns alle gefreut. Aber wir haben zu wenig getan. Wir sind zu spät aufgewacht und haben uns zu sehr auf den Kader verlassen, der den Aufstieg geschafft hat. Das gilt auch für mich. Ich habe zu wenig gedrängt.

Aber Holstein Kiel hat doch viel Anerkennung bekommen für die Saison. Die Zuschauer haben das Team gefeiert. Sind Sie gar nicht stolz auf das Bundesliga-Jahr?

Die Zuschauer waren gutmütig, die durften auch stolz sein. Aber diejenigen bei uns, die Verantwortung tragen und hätten vorausdenken müssen, die dürfen nicht stolz sein. Worauf denn? Wir sind abgestiegen. Das ist das Schlimmste, was passieren kann auch in der Bundesliga. Dafür darf man sich nicht auf die Schulter klopfen.

„Der Ehrgeiz ist schon da, aus den Fehlern zu lernen, es wieder zu schaffen und dann stabiler zu sein.“
Gerhard Lütje

Ich versuche es noch einmal: Es gibt doch bestimmt ein persönliches Highlight aus diesem Bundesliga-Jahr?

Das ganze Drumherum war schon besonders. Alleine, dass die Bayern hier spielen mussten, ohne dafür bezahlt zu werden. Holstein Kiel hat sich als guter Gastgeber präsentiert, und wir wurden auch anderswo gut behandelt. Wir haben uns einen Namen gemacht. Markus Söder (Bayerns Red.) hat sich im Fernsehen dazu hinreißen lassen, positiv über Holstein Kiel zu reden. Alle Achtung! Denn ich weiß um sein schwieriges Verhältnis zu Daniel Günther (Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Red.). Ohne Frage haben wir unser Image verbessert.

Unternehmen aus der Region

Dazu hat auch die Vertragsverlängerung von Trainer Marcel Rapp mitten im Abstiegskampf beigetragen. Warum ist Holstein Kiel anders vorgegangen als viele andere Clubs?

Weil Marcel Rapp ein erstklassiger Trainer ist. Dank ihm sind wir besser geworden im Laufe der Saison. Es ist gut, dass wir seinen Vertrag verlängert haben. Aber auch er war zu naiv und hat geglaubt, die Entwicklung der Mannschaft über die Trainingsarbeit reicht aus, um in der Bundesliga zu bleiben.

Für den Kader war federführend der im April entlassene Carsten Wehlmann als Geschäftsführer Sport verantwortlich. War er eine Fehlbesetzung?

Ja, sonst wäre er nicht so schnell wieder weg gewesen.

Was erwarten Sie von seinem Nachfolger Olaf Rebbe?

Ihm muss es gelingen, eine gute Zweitliga-Mannschaft hinzustellen. Das ist nicht leicht. Wenn du einen Spieler haben willst, sind da auch fünf andere Vereine dran. Das ist dann auch eine Geldfrage. Nichts darf etwas kosten und trotzdem will man Bundesliga spielen - das ist die Herausforderung bei Holstein Kiel.

Muss Olaf Rebbe also höhere Transfererlöse erzielen?

Selbstverständlich. Ich erwarte von Olaf Rebbe schon, dass er Spieler findet, die wir auch mal für mehr Geld abgeben können. Wenn da einer ist, der uns 50 Millionen Euro einbringt, dann wird der sofort verkauft. Egal, wer es ist. Holstein muss auf diese Weise unabhängiger vom Sponsoring werden und mit einer normalen Unterstützung zurechtkommen.

Vor Kurzem hat Holstein Kiel die Wahl eines neuen Aufsichtsrates angekündigt, weil einige der aktuellen Mitglieder nicht mehr kandidieren wollen. Gehören Sie dazu?

Ich war der Erste, der seinen Rückzug angekündigt hat und habe den Stein ins Rollen gebracht. Ich werde 85. Noch bin ich einigermaßen gut drauf. Aber ich will mein Leben nicht verkürzen, indem ich mich über Entscheidungen bei Holstein ärgere. Es müssen jetzt jüngere Leute kommen, das ist in jedem Unternehmen so. Die werden das gut machen. Es ist Zeit für einen Generationswechsel.

Wer wird außerdem den Aufsichtsrat verlassen, dem neben Ihnen noch Dr. Stefan Tholund, Dr. Hermann Langness, Daniel Jurgeleit, Navina Omilade und Prof. Dr. Walter Jonat angehören?

Es wird nur Hermann Langness bleiben.

„Wenn da einer ist, der uns 50 Millionen Euro einbringt, dann wird der sofort verkauft. Egal, wer es ist.“
Gerhard Lütje

Liegt das an Unstimmigkeiten im Aufsichtsrat?

Nein, es gab da ein gutes nicht Verhältnis. Die einzige Unstimmigkeit war, dass wir die erste Mannschaft rechtzeitig verbessert haben und uns zu wenig um die Zweite gekümmert haben. Dass wir keine Regionalliga-Mannschaft mehr haben, ist ganz schlecht. Die Oberliga hat viel weniger Niveau.

Wird sich Ihr finanzielles Engagement mit dem Rückzug aus dem Aufsichtsrat verändern?

Das hängt davon ab, wie mit dem Geld umgegangen wird. Wenn es verbrannt wird, werde ich sparsamer sein. Wenn es gut benutzt wird, dann habe ich nicht vor, etwas zurückzuziehen.

Wird es Ihnen schwerfallen, kein Entscheidungsträger mehr zu sein?

Ich habe genug andere Dinge zu tun. Es macht mir immer noch Spaß, mit meinen Märkten zu arbeiten. Sie sind die Grundlage für alles andere. Wenn Citti kein Geld verdienen würde, könnten wir Holstein, dem THW Kiel oder der SG Flensburg-Handewitt nichts geben.

Werden Sie in der 2. Liga ins Stadion gehen?

Ich war nicht mal in der Bundesliga im Stadion. Ich habe zwar einen prima Sitzplatz, aber ich erkenne nicht, was genau in den Strafräumen passiert. Ich habe das alles nur im Fernsehen von zu Hause verfolgt. Das ist besser für mich. Mir geht es um den Fußball und die Mannschaft. Die Atmosphäre interessiert mich nicht.

Steigt Holstein wieder auf?

Der Ehrgeiz ist schon da, aus den Fehlern, die wir jetzt gemacht haben, zu lernen, es wieder zu schaffen und dann stabiler zu sein. Das muss das mittelfristige Ziel sein. Vielleicht klappt es erst in drei oder vier oder fünf Jahren wieder.


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