Draußen ist es neblig, drinnen scheint die Sonne. Orangen, Limetten, Avocados in ordentlich eingeräumten Regalen. Noureddine ist hier zu Hause, zumindest für ein paar Monate. In der Obst- und Gemüseabteilung von Edeka Appel in Ellerbek prüft er bunte Früchte auf ihre Qualität. Er spricht kein gutes Deutsch, ist erst vor wenigen Monaten aus Tunesien wieder nach Deutschland gekommen, nachdem er dort beinahe 30 Jahre gelebt hat. Dennoch arbeitet er selbstständig, sagt seine Chefin Nicole Appel. Noureddine ist einer von zwölf Auszubildenden, die Nicole Appel in ihren beiden Edeka-Märkten im Kreis Pinneberg beschäftigt. Die Filiale in Ellerbek bekommt heute Zuwachs. Für ein paar Stunden werden Praktikanten des A. Beig-Verlags die Arbeit der Nachwuchs-Einzelhändler begleiten.
EIN AUGE FÜR DIE LÜCKEN IM REGAL
Hinter der Ladenfläche beginnt das Labyrinth. Voll gestellt mit. Rollcontainern und Kisten, navigieren die Angestellten im Eiltempo durch das Gewirr von Gängen, Kühlräumen und Abstellkammern. Wir stehen im Weg. Lara nimmt uns in Empfang. Die 19-Jährige hat im letzten Sommer ihre Ausbildung bei Edeka Appel angefangen. Sie führt uns routiniert durch den Irrgarten nach draußen.
Melodisches Klimpern aus dem Pfandlager folgt auf das unablässige Piepen der Kassen. Nach ein paar Windungen stehen wir in der Süßwarenabteilung und schauen auf ein Regal voller Versuchungen. Während unsere Augen zwischen Zartherb- und Vollmilchschokolade hin und her springen, sieht Lara etwas anderes: leere Flächen im Sortiment. „Ich bin nicht perfektionistisch, aber sowas stört mich inzwischen tierisch“, das hat sie sich in der Ausbildung angeeignet, sagt sie stolz.
Leere Regale auffüllen, Pappe klein machen und, falls etwas zu Bruch geht, den Boden wischen, gehört zu Laras Alltag als Auszubildende. Alle drei Monate wechseln die Azubis den Bereich. Molkerei und Milchprodukte, die zu unserem Unverständnis mit „Mo-Pro“ und nicht mit „MuhPro“ abgekürzt werden, die Frischetheken, Obst- und Gemüseabteilung und die Kasse stehen auch auf dem Programm. Drei Tage im Markt, zwei in der Berufsschule.
Stillstand gibt es hier nicht. Wie auf einer Ameisenstraße kennt jeder seine Aufgabe, alle haben etwas zu tun und wir stehen wieder im Weg. Manchmal legt Lara fast 15.000 Schritte im Laden zurück. Wenn sie Kisten auspackt, um Regale einzuräumen, dann merkt sie das auch.„Ich bin stabiler geworden als vorher“, sagt sie und kneift sich wie zum Beweis in den Oberarm. Lara muss weiter. Im Supermarkt werden hohe Anforderungen an Sauberkeit und Qualität gestellt. Hier wird mit Lebensmitteln gearbeitet, auch mit leicht verderblichen. An der Fleischtheke steht Charlie.
HINTERM TRESEN WARTEN VIELE AUFGABEN
Ist der Einzelhandel ein Knochenjob? Charlie zieht ihre schwarzen Handschuhe aus und präsentiert eine lange Narbe am kleinen Finger. "Ganz schön ordentlich“, sagen wir. Charlie nickt: „Irgendwer hier meint, man schneidet sich nur dreimal“. Ob sich die drei Schnitte auf die Ausbildung oder die gesamte Zeit hinter der Fleischtheke beziehen, weiß Charlie auch nicht. Die 19-Jährige lernt zwei Berufe bei Edeka Appel: Verkäuferin und Frischespezialistin. Eine Einzelhandelsausbildung mit einer Zusatzqualifikation. Charlies Ausbildung wird von der Industrie- und Handelskammer abgenommen. Eine klassische Fleischerausbildung ist auch möglich, die wird dann von der Handwerkskammer geprüft.
Auch Charlie ist seit letztem Sommer dabei. Im Einzelhandel jobbt sie, seitdem sie 15 ist, erst um sich das eigene Taschengeld aufzubessern, jetzt zur Ausbildung. Während wir mit ihr sprechen, bildet sich eine Schlange hinter uns. „Wollen wir mal nach da drüben gehen?“, schlägt Charlie vor. Wir stehen erneut im Weg und ziehen ans andere Ende der Fleischtheke.
Für sie ist die Theke der perfekte Ort, um sich im Markt einzubringen:„Zu Beginn war ich auch auf der Fläche zwischen den Gängen. Da habe ich schnell gemerkt, dass mir der Bereich zu groß ist“. Jetzt bedient sie hinter dem Tresen alle, die sich für Fleisch, Käse oder selbstgemachte Salate interessieren. Im schulischen Teil der Ausbildung lernt man als Azubi auch das Präsentieren der Ware. Jeden Morgen blicken Charlie und ihre Kollegen auf einen leeren Tresen. Da muss man kreativ werden. „Wenn man anfängt hier zu arbeiten, sieht man erst hinter den Kulissen, was es alles zu machen gibt“, meint Charlie und schaut dabei auf ihre rotierenden Kollegen.
DIE EIGENSCHAFTEN DES SUPERMARKTS
Wer sich leere Gänge für den eigenen Einkauf wünscht, sollte sich am Dienstag- oder Donnerstagabend zum Markt aufmachen und den Vormittag meiden. Zur Weihnachtszeit wird es natürlich stressiger, Charlie erzählt uns von 10-Stunden-Schichten und genervten Kunden. Das Fest der Liebe meldet sich auch im Einzelhandel mit einer genervten Attitüde an. „Ansonsten ist der Job aber nicht so stressig“, beruhigt Charlie. Nur den schweren Milchwagen, der mehrere hundert Kilo auf die Waage bringt, will niemand so gerne in Bewegung bringen.
Dann sehen wir Elli. Elli ist zwar keine Auszubildende, sondern ein kleiner Roboter, aber nicht mehr aus dem Markt wegzudenken. Auf Knopfdruck flitzt dieser durch die Gänge und bringt den Kunden zum gesuchten Produkt. „Ich habe sie extra ein wenig langsamer gestellt, damit auch Rentner hinterherkommen“, erzählt Nicole Appel über ihre fleißige, mechanische Hilfskraft. ,Sie kann auch tanzen“, versichert uns Lara, auch wenn sie nicht weiß, wie man sie dazu auffordert. “
Auf dem Papier scheint die Arbeit im Einzelhandel also so, wie wir uns das vorher gedacht haben. Man hält den Laden sauber und die Regale aufgefüllt. Aber da ist dann die eine Sache, die alle Geschäfte, egal ob Supermarkt, Boutique oder Baumarkt, gemeinsam haben: Am Ende unterstützt man Menschen beim Einkauf.„Das Zwischenmenschliche ist ganz wichtig“, versichert uns Nicole Appel und führt aus, wie man durch Nachhilfe die schulischen Versäumnisse aus der Welt schaffen kann. Den Umgang mit dem Kunden muss man wollen.
Der Markt ist für viele die erste Anlaufstelle, wenn man sich für die Woche eindecken möchte. Es kommt für einen Verkäufer also vor, dass man viele der Gesichter wiedererkennt. Charlie berichtet zum Beispiel von einem Kunden, der jeden Samstag für 300 Gramm Rindersalami zu ihr an den Tresen kommt. Für Lara ist es auch wichtig, dem Kunden ein offenes Ohr zu leihen, falls der Wunsch danach besteht. In der Schule sei sie eher schüchtern gewesen, seit der Ausbildung merke sie aber immer wieder, wie diese wegfällt. Gerade ältere Kunden fangen zwischen Milch und Butter gerne einen kurzen Schnack an, Lara hört sich diesen inzwischen gerne an. Der Kunde ist noch immer König“, erklärt Lara das wohl älteste Gesetz des Einzelhandels.
//Niklas Pavkovic und Jan Schneidereit