Meist ist bei Gelenkproblemen der erste Weg der zum Orthopäden, die Ernährung steht da ja oft eher am Rande. Doch wie viel Einfluss hat sie tatsächlich?
Die Ernährung hat einen maximalen Einfluss. Doch ja, kaum jemand geht mit Gelenkschmerzen zum Ernährungsmediziner und nur selten werden Betroffene von den Fachbereichen zu uns überwiesen. 90 Prozent unserer Patienten kommen aus eigenem Antrieb. Doch sich nicht nur die Mechanik, sondern auch die Ernährungsweise anzusehen, ist meiner Meinung nach eine zwingende Indikation. Wir behandeln in Deutschland zu oft nur die Ursachen, aber nicht das, was eigentlich die Erkrankung verursacht. Auch ein Knorpel beispielsweise muss richtig ernährt werden. Vor allem aber Entzündungen, die die Gelenke schädigen und verändern, können verhindert werden. Viele unserer Patienten mit erkrankten Gelenken werden nach einer Ernährungsmaßnahme wieder von der OP-Liste gestrichen.
Welche Rolle spielt dabei unser Immunsystem?
Wenn wir zur Welt kommen, ist unser Immunsystem gut justiert. Werden wir älter, wird es durch die Lebens- und Ernährungsweise mit beeinflusst und es kann aus dem Gleichgewicht geraten. Unser Immunsystem ist wie eine Armee, das vom Benzin bis zum Ersatzteil alles haben muss, um sich verteidigen zu können. Wenn aber etwas fehlt, dann findet diese Selbstheilung nur rudimentär statt. Mangelernährung, die unter anderem für fehlendes Calcium, Eisen und Magnesium sorgt, schädigt die Strukturen langfristig. Vermehrte stille Entzündungen entstehen, die greifen unsere Gelenke an. Besonders das innere Bauchfett hält Entzündungen am Laufen.
Der Körper hat eine Selbstheilung, die ich mit der Psyche, mit Bewegung und allem voran mit der richtigen Ernährung aktiviere. Gesundes Essen wirkt wie Medizin, das ist die wichtige Botschaft.
Wie hängen Diabetes und Gelenkerkrankungen zusammen?
Wir begreifen heute Diabetes als eine entzündliche Erkrankung. Wir wissen, dass Diabetiker mehr Arthrose und mehr Gelenkbeschwerden haben. Auch das Bindegewebe leidet. Diabetiker sind mehrfach belastet und die Rate der Betroffenen schnellt immer mehr nach oben.
Welchen Einfluss hat regelmäßiger Alkoholkonsum auf unsere Gelenke?
Alkohol fördert selektiv das Bauchfett und ist damit ein Schädiger der Gelenke, da das Bauchfett Entzündungen anfeuert. Gleichzeitig schädigt Alkohol die gesunde Darmflora. Diese wiederum spielt bei der antientzündlichen Regulation eine große Rolle.
Welche Nahrungsmittel sind die größten Feinde unserer Gelenke? Und welches Lebensmittel ist Ihr persönlicher Favorit?
Als Gruppe sind das die hoch verarbeiteten Lebensmittel. Sie sind inhaltsleer, kommen oft mit viel Salz oder Zucker daher und sind meist voller schlechter Fette. Wenn Sie jetzt ein bestimmtes Nahrungsmittel haben wollen, dann ist es das Croissant, das enthält entzündungsfördernde tierische Fette in Kombination mit Kohlenhydraten, ein sehr schlechter Mix. Mein persönliches Multitalent hingegen ist die Mandel, die vereint einfach alles. Sie ist eine Pille fürs Abnehmen, sie senkt den Blutdruck, wirkt antientzündlich und hat reichlich Ballaststoffe.
Welche Ernährungsweise ist im Allgemeinen gut für Gelenke? Und was ist eigentlich mit dem Mythos Gummibärchen, ist da was dran?
Gesunde Öle wie Raps- oder Olivenöl gehören auf jeden Fall dazu. Aber auch Gewürze wie Koriander. Ebenso Kohl, Grüner Tee und Sauerkirschen. Eigentlich alle Lebensmittel, die sekundäre Pflanzenstoffe sowie Ballaststoffe enthalten. Eine gute Omega3-Versorgung, wie durch Fisch, unterstützt zudem den Heilungsprozess bei Verletzungen. Zum Mythos Gummibärchen: Früher wurde ihnen ein Anteil an Kollagen nachgesagt, da haben sie aber haushoch verloren. Sie beinhalten viel Zucker und der fördert wieder die Entzündungen. Der Geschmack ist reine Chemie. Wenn schon Gummibärchen, dann welche, die aus Pflanzenfarbstoffen hergestellt wurden.
Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln?
Bei den meisten Nahrungsergänzungsmitteln möchten die Hersteller nicht dem Menschen was Gutes zu tun, sondern ihrem Gewinn. Wissenschaftliche Slogans werden zur Marketingstrategie umfunktioniert. Es gibt natürlich Ausnahmen wie Kurkuma oder auch Fischöl. Nahrungsergänzung darf man nicht zu hoch dosieren und es empfiehlt sich vorher feststellen zu lassen, ob man wirklich einen Mangel hat.
Sie sind Ernährungsmediziner der ersten Stunde. Wo sehen Sie heute die größten Hürden auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der gesündere Ernährung eine größere Rolle spielt?
Ich habe lange genug in der Ernährungsmedizin gearbeitet, um zu sehen, dass sich einfach zu wenig tut. Ich bin im Vorstand der Deutschen Ernährungsmediziner und muss immer wieder feststellen, wie wenig Aufklärung und Aufmerksamkeit das Thema immer noch bekommt. Menschen wissen oft überhaupt nicht, wo sie Rat und Unterstützung bekommen. Von meinen Patienten bekomme ich oft zu hören: Hätte ich das nur vorher gewusst. Doch wir können mit der richtigen Ernährung viele gesunde Jahre für uns herausholen.
//Interview: Julia Voigt
Hinweis: Schwerpunktpraxen Ernährungsmedizin unter www.bdem.de

Iss dich gesund mit Dr. Matthias Riedl, GU Verlag Ernährungs-Doc Dr. Matthias Riedl vermittelt aktuelles Ernährungswissen auf unkomplizierte Art. Welche Lebensmittel sind gesund und warum? Wie muss ich essen, damit ernährungsabhängige Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck oder Arthrose erst gar nicht entstehen? Ein Selbstcheck hilft, individuelle Risiken zu erkennen und zeigt den Weg zu einer gesünderen Ernährung mit genauem Aktionsplan. Das Gesundheitskochbuch enthält rund 150 Rezepte plus Hinweise auf gesundheitliche Benefits.