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Dr. Koch im Interview: „Eine Influenza ist nicht das Gleiche wie eine Erkältung“

Ob im Bus, im Büro oder beim Einkaufen: Gerade in der kalten Jahreszeit begegnen - sie uns ständig – Viren. Was spricht jetzt für eine Grippeschutzimpfung und was nicht? Die Redaktion sprach dazu mit Dr. med. Till Koch, Internist, Infektiologe und Oberarzt am Klinikum Itzehoe.

Influenza erkennen, Risikogruppen schützen und schwere Verläufe verhindern – Infektionsmediziner Dr. Koch über Impfschutz, Wirksamkeit und den richtigen Impfzeitpunkt

Herr Dr. Koch, Infektionsmedizin klingt erst einmal nach einer Nische. Wie kommt man dazu?

Im Praktischen Jahr - dem letzten Jahr der klinischen Ausbildung im Medizinstudium - war ich im Ausland, zum Beispiel in Uganda, und habe dort viele infektiologische und Tropenmedizinische Erkrankungen gesehen. Ich habe dann erst allgemeine Innere Medizin gelernt, die Faszination an Infektiologie hat mich aber nie losgelassen,so dass ich mich dann noch weiter spezialisiert habe.

Viele verwechseln Influenza mit einer Erkältung. Woran erkennt man die „echte Grippe“?

Influenza, die „echte Grippe“ ist nicht das Gleiche wie eine Erkältung und mehr als ein leichter Infekt. Typisch ist, dass sie relativ plötzlich beginnt und man sich schwer krank fühlt. Häufig gibt es hohes Fieber sowie unspezifische Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen. Dazu kommen Atemwegssymptome wie Husten, Atemnot und Schnupfen. Bei älteren Patientinnen und Patienten können die Symptome auch weniger deutlich sein; ganz sauber trennen kann man es daher nicht immer, aber der Schweregrad und der rasche Beginn sind wichtige Hinweise.

Warum ist Influenza medizinisch so relevant?

Weil Influenza schwere Komplikationen verursachen kann. Zum Beispiel eine bakterielle Lungenentzündung, die sich „obendrauf setzt. Gerade bei älteren Menschen kann das eine hohe Sterblichkeit haben – etwa 10 bis 20 Prozent. Genau vor solchen Verläufen wollen wir mit einer Impfung schützen.

Ein häufiger Einwand lautet: Die Grippe mutiert ständig, man hinkt mit der Impfung immer hinterher. Stimmt das?

Influenza ist wissenschaftlich sehr interessant, auch wegen ihrer Saisonalität: Nord- und Südhalbkugel sind zeitlich versetzt. Die Impfstoffstämme basieren auf den Daten der Saison der Südhalbkugel etwa ein halbes Jahr vorher. Die Stämme unterscheiden sich von Jahr zu Jahr zwar nicht komplett, aber manchmal stimmt das „Matching“ nicht gut überein - dann spricht man von einem „Mismatch“. Das ist ein Grund, warum die Wirksamkeit schwankt. Und ja: Im Vergleich zu anderen Impfungen ist die Effektivität nicht überragend. Aber es ist das Beste, was wir haben, vor allem zum Schutz vor schweren Verläufen bei Risikogruppen.

Wer gehört zu diesen Risikogruppen und sollte sich impfen lassen?

Ganz klassisch: ältere Menschen ab 60 Jahren. Dann alle mit chronischen Erkrankungen - zum Beispiel schwerwiegenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen (auch nach einem Herzinfarkt) oder schweren Atemwegserkrankungen wie COPD – sowie immungeschwächte Menschen, etwa nach einer Organtransplantation. Sehr wichtig sind auch Schwangere und Menschen, die Kontakt zu Risikogruppen haben. Dazu zählen Berufsgruppen mit viel Kontakt zu vulnerablen Personen, insbesondere im Gesundheitswesen oder im Pflegeheim.

Schwangere können sich also bedenkenlos impfen lassen?

Auf jeden Fall. Die Influenza-Impfung ist ein Totimpfstoff und die Gabe während der Schwangerschaft problemlos möglich.

Warum sind die Impfraten trotzdem so niedrig?

Ich glaube, das hängt mit Misstrauen und Impfskepsis zusammen. Bei der Influenza kommt ein Mangel an Wissen hinzu: Viele unterschätzen, wie schlimm eine Erkrankung gerade für Risikogruppen verlaufen kann - auch weil Erkältung und Influenza oft durcheinandergeworfen werden. 

Was sind typische Argumente gegen die Impfung und was entgegnen Sie?

Ein häufiges Argument ist die schwankende Effektivität der Impfung und dieses Argument ist ja zum Teil auch berechtigt. In schlechten Jahren liegt die Impfeffektivität vielleicht bei 30 bis 40 Prozent, in guten bei 60 bis 80 Prozent. Trotzdem ist das relevant, weil es um Risikoreduktion geht und nicht um 100-prozentigen Schutz. Viele wissen außerdem nicht, dass Influenza-Impfungen vor weiteren Erkrankungen schützen können. Für Influenza gibt es sehr gute Daten, dass Menschen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen, etwa mit Verengungen - der Herzkranzgefäße - vor Ereignissen wie einem Herzinfarkt geschützt werden. Besonders nach einem überstandenen Herzinfarkt ist die Influenza-Impfung eine der effektivsten Maßnahmen, um einen erneuten Herzinfarkt zu verhindern. Das empfehlen auch kardiologische Fachgesellschaften ausdrücklich.

Wann ist der beste Zeitpunkt für die Grippeschutzimpfung? Und wann ist es zu spät?

Der Impfschutz baut sich ungefähr zwei Wochen nach der Impfung auf. Die Influenza-Saison startet oft im Dezember, mit dem Schwerpunkt im Januar und Februar. Gleichzeitig nimmt der Impfschutz über die Monate ab. Deshalb ist der sinnvollste Zeitraum meistens September bis Dezember. Ab Februar macht es in der Regel nicht mehr viel Sinn, weil die Saison dann oft schon abflacht.

Ihr Schlusswort an unsere Leser?

Impfungen sind eine der großen Errungenschaften der Menschheit; historisch haben sie in großer Zahl Leben gerettet. Bei der Influenza muss man ehrlich sein: Es ist kein perfekter Schutz. Aber es ist der beste Schutz, den wir haben - eine einfache und sehr sichere Möglichkeit, uns selbst und Menschen um uns herum vor schweren Folgen zu schützen. Die Impfung ist zudem leicht zu bekommen: beim Hausarzt, oft über Betriebsangebote, und ist zudem eine Leistung der Krankenkassen. // Interview: Julia Voigt

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