Eines vorweg: Das Vorhaben, auf Amrum einen Leuchtturm zu errichten, stieß bei den Insulanern Mitte des 19. Jahrhunderts auf wenig Begeisterung. Durch jahrhundertelangen, hemmungslosen Walfang und Robbenschlag war ein Großteil verschiedener Populationen stark dezimiert worden und Fahrten ins arktische Eismeer galten als beendet. Die Handelsschifffahrt war im Zuge der napoleonischen Kriege und einer damit verbundenen Kontinentalsperre in Bedrängnis geraten und die Austernfischerei musste wegen schlechter Fangergebnisse für Jahre unterbrochen werden. Kurz: Viele Familien befanden sich in wirtschaftlicher Not. Auf den gefährlichen Amrumer Sandbänken gestrandete Schiffe und ihre Ladung oder deren Holz, das nicht nur als Heizmaterial, sondern ursprünglich auch für den Hausbau genutzt worden war, bedeuteten also einen reichen „Strandsegen“, der unverzichtbar erschien. Der Norddorfer Historiker und Linguist Dr. Knut Jungbohn Clement hielt es dennoch bereits 1845 für seine Pflicht, ein „See-Leuchtfeuer“ von der dänischen Regierung einzufordern. Erst einen Krieg und drei Leuchttürme auf Sylt später kam Bewegung in die Angelegenheit. Hatte Amrum bis zum deutsch-dänischen Krieg 1864 zum Königreich Dänemark gehört, so war es nun in „preußischer Hand“. Umfangreiche Untersuchungen und Gutachten bezüglich der Situation vor Ort wurden von der neuen Regierung im fernen Berlin angefordert, um die Notwendigkeit und den Nutzen eines Leuchtturmes zu prüfen. Vertreter aus Husum und Hamburg versuchten mit Petitionen und Gegendarstellungen einen Bau zu verhindern und zwangen die Regierung zu weiteren Gutachten und Gegenargumenten. Hier kamen Amrumer Schiffer mit genauer Kenntnis von Gefahrenpunkten und Gegebenheiten des Fahrwassers vor der Westküste der Insel zu Wort. Sie überzeugten: Im April 1873 gab es schließlich das Okay für einen Leuchtturmbau auf der 25 Meter hohen „Großen Düne“, etwa zwei Kilometer westlich von Wittdün. Noch im gleichen Jahr wurden ein Wärterhaus und landwirtschaftliche Nebengebäude errichtet. Hier waltete preußische Sparsamkeit: Den künftigen Leuchtturmwärtern wurde lediglich eine einfache Ausgestaltung ihrer Wohnstätte zugestanden - Ansprüche zu hegen allerdings nicht, was sich auch in einem bescheidenen Gehalt widerspiegelte. Allerdings standen landwirtschaftliche Nutzfläche, Ställe und Gebäude zur Verfügung.


Die Fertigstellung des Turmes, welcher mit 41,8 Metern der bis heute höchste begehbare an der deutschen Nordseeküste werden sollte, gestaltete sich ausgesprochen zäh und mühsam. Mangels anderer Anlandungsmöglichkeiten mussten die Schiffe mit Baumaterial ans Ufer fahren und bei Ebbe gelöscht werden, wobei sie trocken lagen. Schwer beladene Pferdewagen machten sich über eine Bohlenspur zur Baustelle auf. Granitsteine für eine Wendeltreppe wurden zu spät angeliefert. Zwischenzeitlich wollten viele Maurer auf dem als karg empfundenen Eiland nicht weiter tätig sein, so dass erst andere Kolonnen von Handwerkern vom Festland mit der Aussicht auf gute Löhne angelockt werden mussten. Die Arbeiten wurden streng überwacht, Mörtelmischungen aus Sicherheitsgründen immer wieder überprüft. Bis zum November 1874 gelang es, den Ziegelsteinbau fertigzustellen und einen dem neuesten Stand damaliger Technik entsprechenden Leuchtapparat einzubauen.
Dieser war 1867 auf der Pariser Weltausstellung vorgeführt worden und durfte am ersten Januar 1875 erstmalig seine Strahlen über die Insel schicken. Der 2,7 Meter hohe und 2,9 Tonnen schwere Linsenapparat leistete beste Dienste. Erst 1993 musste das Kugellager des Giganten, dessen Wert heute rund fünf Millionen Euro beträgt, erneuert werden. Bis zur Elektrifizierung 1936 wurde das Leuchtfeuer mit Petroleum betrieben. Zahlreiche Leuchtturmwärter waren mit der verantwortungsvollen Aufgabe betraut, „Hüter des Lichtes“ zu sein, viele über Jahrzehnte. So auch Arthur Kruse, der über den Zweiten Weltkrieg hinaus die Stellung hielt und in langen Nächten feinsinnige Gedichte und Lieder auf Amrumer Friesisch verfasste. Sehr ungewöhnlich erschien eine nahe des Turmes platzierte Signalkanone. Abgefeuert sollte sie einlaufenden Schiffen in sehr nebligen Nächten einen ausreichenden Abstand zur Küste sichern, wurde aber auch mal zweckentfremdet, so etwa anlässlich einer Feier zur Einweihung der gemauerten Wittdüner Uferpromenade 1914. Übrigens erhielt das Amrumer Wahrzeichen erst 1952 seinen markanten rot-weißen Anstrich, zuvor hatte es sich in dezentes Rotbraun gehüllt. Seit 1984 ist der Leuchtturm vollautomatisiert, womit die Ära der Leuchtturmwächter endete. Wer fit und tapfer genug ist - oder seiner Höhenangst die Stirn bieten möchte - kann in den Sommermonaten die 295 Stufen bis zur Spitze des Riesen erklimmen und sich mit einem einzigartigen Blick über Dünenlandschaft, Nordsee und Nachbarinseln belohnen lassen. Die Mutigsten von allen können gar hier im Leuchtturm heiraten.
Text: Annette Keisat