Es gibt Dinge im Leben – oder Orte - die sich der bewussten Wahrnehmung entziehen, weil sie so vertraut geworden sind. Die Kirche St. Nicolai auf Föhr ist vielleicht für viele Inselbewohner und auch Inselgäste ein solcher Ort - früher in Boldixum, heute gehört das Gotteshaus zu Wyk. Das imposante und geschichtsträchtige Bauwerk erhebt sich im Herzen Boldixums. Benannt nach dem heiligen Nicolaus, ehemals Bischof von Myra in Kleinasien und Schutzpatron der Kinder und Seefahrer, bestand es ursprünglich aus dem 38 Meter langen Kirchenschiff und der Apsis. Im Laufe der Jahrhunderte erfolgten verschiedene Anbauten, dank derer St. Nicolai 1707, als das Norderschiff entstand, das Geheimnis ihrer Entstehungszeit offenbarte: In einer Kapsel fanden sich drei Silbermünzen aus dem Jahre 1240 mit den Insignien des Dänenkönigs Waldemar des Siegers, der zugleich König von Norwegen war.
Im 15. Jahrhundert erst wurde der heutige Glockenturm gebaut. Die von Gemeindemitgliedern gestifteten Glocken wurden bis auf eine während der beiden Weltkriege eingeschmolzen, zwei neue kamen nach 1945 hinzu. Altar (1643), Kanzel (1630), Taufstein (13. Jahrhundert) sowie eine Statue des heiligen Nicolaus (um 1300) und drei spätgotische Plastiken gehören zum wertvollen Interieur.
Die 1735 gebaute Barockorgel wurde 1955 erweitert. Die heutige Sakristei auf der Südseite der Kirche diente ehemals als Ort, an dem die Bahre für den Sarg bis zur nächsten Beerdigung abgestellt wurde (Kast-Bohrs-Hüs = Sarg-Bahren-Haus). Windfangbauten auf Nord- und Südseite folgten. Die Reformation ab 1530 machte mehr Lichteinfall in der Kirche notwendig, Fenster wurden vergrößert. Die Gemeindemitglieder sollten sich reger am Gottesdienst, der zuvor auf Latein vom Altar aus abgehalten wurde, beteiligen können, etwa durch Lieder aus dem Gesangbuch.
Behaglich ging es zunächst nicht zu: Ursprünglich gab es keine Sitzplätze im Innenraum, den Gottesdiensten wurde stehend oder kniend beigewohnt. Als schließlich Sitzbänke entstanden, wurden Männer und Frauen streng voneinander getrennt darauf untergebracht - gesetzt den Fall, es waren genug finanzielle Mittel zum erforderlichen Kauf eines Kirchenplatzes vorhanden. Oftmals besaß dieser einen größeren Wert als ein Haus. Unbeliebte Plätze wurden einmal im Jahr verlost. Ungewöhnlich war, dass auch Gerichtstagungen und politische Versammlungen in der Kirche abgehalten wurden.
1463 bereits in einem Jahrbuch erwähnt, stellte Boldixum über Jahrhunderte den Hauptort der Insel Föhr dar, deren westlicher Teil zum Königreich Dänemark, im östlichen Teil zum Herzogtum Schleswig gehörte. Der Herzog von Schleswig war übrigens auch der König von Dänemark. Mit dem deutsch-dänischen Krieg ging Föhr 1864 kampflos an Preußen über.
Nach der zweiten „groten Mandränke“, jener verheerenden Jahrhundertsturmflut 1634, hatten sich viele Hallig-Bewohner auf die größeren Geestinseln gerettet, denen Land im Bereich des heutigen Wyk abgetreten wurde. Zum Gottesdienst mussten diese den Weg nach Boldixum antreten, wo die Glocken aus diesem Grund extra eine halbe Stunde früher geläutet wurden. Stand der Wind ungünstig, so wurde das Geläut Richtung Amrum getragen, weshalb schließlich ein behelfsmäßiger, hölzerner Vorläufer des heutigen Wyker Glockenturmes entstand. 1924 wurde Boldixum zu Wyk eingemeindet.