Text: Anette Keisat
Der Namensgeber dieser 1240 erstmals urkundlich erwähnten, größten Kirche Amrums, St. Clemens, Schutzpatron der Seefahrer, leistete während der verheerendsten beiden Sturmfluten 1362 und 1634, der „groten Mandränken“ (großes Menschenertrinken) ganze Arbeit. Ein Schicksal wie der jüngst von einem Forschungsteam der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel entdeckten Hauptkirche jenes sagenumwobenen, in den Fluten versunkenen Ortes Rungholt nahe der Hallig Südfall, blieb St. Clemens erspart. Zwischen den ältesten Siedlungen „Norder“ und „Suder“ (Nord- und Süddorf) auf einer flutsicheren Landzunge mit Geestkern gebaut, wurde die Kirche Zeuge gesellschaftlicher und politischer Veränderungen, den freudigen Ereignissen ihrer Gemeindemitglieder sowie ihrer Verluste und persönlichen Dramen. Um die Kirche herum entstand Nebel, das größte Dorf der Insel. 1524 kam die Reformation nach Amrum; die Gemeinde wurde evangelisch.
Heute massiv, früher Holzkirche
Ursprünglich als einfache Holzkirche errichtet, erhielt der einschiffige, turmlose Bau im Stil der Romantik später Mauern aus mit Muschelkalk verbundenen Back- und Feldsteinen. Zum Schutz wurde die Kirche Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Zementputz versehen, der etwa Mitte des 20. Jahrhunderts weiß getüncht wurde. Wie nur wenige Kirchen in Nordfriesland besitzt St. Clemens ein Reetdach, was für viele Betrachter ihren besonderen Reiz ausmacht. Das größere Vorhaus (Kastbarhüs) im Süden des Gebäudes diente ursprünglich als Eingang. Später und bis heute als Leichenhalle. Das schmale Kirchenschiff erinnert an einen Schiffskörper.
Der 36 Meter hohe, kupfergedeckte Turm, der sich organisch in die Landschaft einfügt, wurde 1908 errichtet. Eine kleine, freistehende Sturm- und Betglocke von 1692 wurde durch eine größere im Kirchturm ersetzt. Zu den auf dieser eingegossenen Worten „To Gods Jar man Klang jam hiar, maren an inj" (Übersetzt: Zu Gottes Ehre höret morgens und abends meinen Klang) begann das volle Glockengeläut, das die alte Glöcknerin zu Tode erschreckt haben soll, war sie doch nur das „Beiern“ (Anschlagen mit dem Klöppel) gewohnt gewesen.

Apostelgruppe nach Sturmflut angespült
Besondere Aufmerksamkeit lenkt im Innern der Kirche eine hölzerne, frühgotische Apostelgruppe auf sich, die angeblich bei einer Sturmflut angespült worden sein soll. Lübecker Schule oder Volkskunst? Diese Frage blieb bislang unbeantwortet. Ähnliche Figuren sollen aber etwa in der Normandie oder in Belgien gesichtet worden sein. In der Westempore sind die Apostel nochmals als farbenfrohe Gemälde zu bewundern. Der kelchförmige Taufstein aus romanischer Zeit, der wohl so alt wie die Kirche ist, war zwischenzeitlich mit einer dicken Zement- und Farbschicht verschandelt und in mühevoller Arbeit wurden seine ursprüngliche Form und das Material - rötlicher Granit und Sandstein-wieder freigelegt.
Aus Dankbarkeit, von der großen Sturmflut verschont worden zu sein, wurde 1634 ein Flügelaltar errichtet. Der heutige Altar aus Rotsteinen entstand 1936. Die aus Tannenholz gefertigte Kanzel stammt aus dem Jahre 1623. Zwei der drei Kronleuchter im Stil der Spätrenaissance und des Hochbarock erinnern an Zeiten des Wohlstandes während der Walfangzeit. Sie wurden von zwei erfolgreichen Grönlandcommandeuren im Jahre 1671 gestiftet.
Die St. Clemens Gemeinde ist im Besitz eines 1486 gedruckten Messbuches, das mit nur vier erhaltenen Exemplaren als das älteste in Schleswig-Holstein gilt. Heute ist die St. Clemens Kirche ein Besuchermagnet von Gästen auf Amrum.